Vitamin D - Wieso Mangelversorgung verhindern ?
Pflanzen gehen ohne Licht ein - Menschen auch !
Ab Oktober herrscht Vitamin-D-Winter in Deutschland. Bis Mitte April kommt in unseren Breitengraden auch bei Sonnenschein keine Vitamin-D-Synthese in der Haut zu Stande. Wer während des Sommers keine hohen Vitamin-D-Reserven aufgebaut hat, rutscht mit größter Wahrscheinlichkeit im Laufe des Winterhalbjahrs in eine Vitamin-D Mangelversorgung ab, die klinisch relevant ist bzw. zahlreiche Krankheitsrisiken bedingt.
Vitamin D wird in der Leber in seine Speicherform 25OHD (Calcidiol) überführt und von dort im Kreislauf verteilt. Die Zellen zahlreicher Gewebe wandeln das 25OHD in das aktive 1,25OHD (Calcitriol) um, das ein Hormon ist und im Körper wie ein „Zentralschalter“ wirkt. In mehr als 30 Organen und Geweben schaltet es hunderte von Genen ein, um damit die normalen Körperfunktionen auszulösen und zu steuern. Mit der Vitamin-D- Mangelversorgung steigt das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle, Brust-, Prostata- und Darmkrebs, Hautkrebs und andere Krebsarten, Diabetes, multiple Sklerose, Rheuma, Knochen- und Muskelschwäche, Grippe, Tuberkulose, Parkinson, Autismus, Depressionen und Schizophrenie.
Woher?
Es gibt nur zwei Quellen für Vitamin D. Etwa 90 bis 95 Prozent des lebenswichtigen Vitamins D gelangt über die Sonnenbestrahlung (UVBStrahlen) in unseren Körper. Die Nahrung liefert den Rest und ist somit als Quelle völlig irrelevant. Aber: Unser Lebensstil wird immer sonnenärmer. Wenn wir heute einmal an die Sonne gehen, cremen wir uns dick ein. Doch die empfohlenen Sonnenschutzmittel mit hohem Lichtschutzfaktor verhindern zu 100 Prozent die Vitamin-D-Bildung in der Haut! Die empfohlene „leichte Sommerbekleidung“ verhindert weiterhin die Vitamin-D-Bildung. Während der Morgen- und Abendstunden an die Sonne zu gehen, hat im Sommer durch UVAStrahlen unter Umständen noch einen Sonnenbrand zur Folge, aber zu dieser Tageszeit reicht das UVB nicht aus, um nennenswerte Mengen an Vitamin D zu bilden.
Die Folge
Unsere Bevölkerung leidet unter einer schlimmen Vitamin- D-Unterversorgung. Im Winterhalbjahr verstärkt sich das in dramatische Dimensionen. Dann haben beispielsweise 68 Prozent der deutschen Männer und 61 Prozent der deutschen Frauen einen Wert von unter 20 ng/ml 25OHD. Bei Frauen im Alter von 65 bis 75 Jahren weisen sogar 73 Prozent einen solchen bedenklichen Mangel auf. Die Kinder und Jugendlichen in Deutschland weisen im Winterhalbjahr 80 Prozent bei den Jungen und 79 Prozent bei den Mädchen einen Mangelwert von unter 20 ng/dl auf.
Dabei ist dieser untere Normbereich von 20 ng/ml schon zu niedrig angesetzt. In den letzten Jahren haben unzählige
Wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass Werte von mindestens 30 ng/ml erreicht werden müssen, um diversen Gesundheitsrisiken zu entgehen. Nach heutiger Sichtweise müssen Blutkonzentrationen unter 20 ng/ml als „Vitamin-D Mangel“ und Werte im Bereich 20–30 ng/ml immer noch als „unzureichend“ gelten. Welche Werte als „optimal“ bezeichnet werden können, ist noch nicht geklärt. Nach der am häufigsten vertretenen Expertenmeinung der jüngsten Zeit wäre es der Bereich zwischen 40 und 80 ng/ml.
Was also tun im Winterhalbjahr, wenn die Sonne nicht mehr hilft? Es bleiben nur noch künstliches UVB, die Nahrung oder Supplemente. Für Solarien gilt: Sofern die Geräte mit Lampen ausgestattet sind, die UVB abgeben, kann man damit Vitamin D synthetisieren. Allerdings sind hierbei die gleichen Vorsichtsmaßnahmen zu beachten wie bei der natürlichen Sonne: Eine Rötung der Haut gilt es zu vermeiden. Sonnenbrand ist das größte Hautkrebsrisiko. Faustregel: Nur die halbe Zeit bis zu einer Rötung sonnen. Damit lassen sich die Vorteile bei gleichzeitig geringem Risiko nutzen. Das sind je nach Hauttyp und Vorbräunung typischerweise zwischen 10 und 30 Minuten. Wer länger an der Sonne bleiben will, muss sich anschließend mit hohem Lichtschutzfaktor schützen.
Und die Nahrung ?
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn beklagt zwar ebenfalls die eklatante Versorgungslücke beim Vitamin D, hat aber bei der jüngsten Revision ihrer Nährstoffempfehlungen den Wert für Vitamin D nicht erhöht. Nach wie vor empfiehlt sie, mit der Nahrung 200 Internationale Einheiten (I.E.) für Erwachsene und 400 I.E. für Kleinkinder und Senioren aufzunehmen. Die einzige relevante Vitamin-DQuelle in der Nahrung ist fetter Meeresfisch. Um die von der DGE empfohlenen 200 I.E. pro Tag zu erreichen, müsste man also täglich fetten Fisch essen. Diese Fachgesellschaft empfiehlt andererseits aber ausdrücklich nur eine 70 g Portion fetten Fisch pro Woche. Wer keinen Fisch mag, könnte auch mit drei Eiern täglich auf die 200 I.E. kommen. Doch sollen es laut DGE ja nur 2 Eier pro Woche sein. Alternativ wären auch noch ein paar Liter Vollmilch oder massig Sahne und Käse als ausreichende Quellen denkbar. Doch bei denen soll man ja wegen des „bösen“ tierischen Fettes und des Cholesterins auch besonders zurückhaltend sein.
Und was bedeutet es, wenn man die 200 I.E. erreicht? Damit lassen sich zwar die Knochen vor Rachitis schützen. Doch für den Schutz vor all den oben genannten Zivilisationsleiden reicht das bei Weitem nicht. Vitamin-D Experten empfehlen mindestens 1.000 I.E. täglich. Aber um einen adäquaten Vitamin-DSpiegel von 30–40 ng/ml über das Winterhalbjahr zu erhalten, wird man als Erwachsener Dosen von 3000 bis 4000 I.E. pro Tag benötigen. Das ist nur mit Supplementen erreichbar. Bei bereits bestehendem Mangel sind zur Aufsättigung noch weit höhere Dosierungen
nötig.
Dabei ist die Angst vor Nebenwirkungen völlig übertrieben. Der Körper selbst bildet unter Sonneneinwirkung bis zu 20.000 I.E an einem Tag. Und aktuelle kontrollierte Studien haben Gaben von 100.000 bis 300.000 I.E. an Patienten mit Vitamin-D-Mangel als nebenwirkungsfrei erwiesen. Allerdings sind bei sehr hohen Dosen im Einzelfall unerwünschte Nebenwirkungen nicht auszuschließen. Generell sollten deshalb Vitamin-D-Präparate nie ohne Kenntnis der Blutwerte eingenommen und nur unter Betreuung eines Arztes verabreicht werden.
Fazit
Wir leben mit der paradoxen Situation, dass einerseits die Bevölkerung nachweislich an Mangelversorgung mit Vitamin D leidet, andererseits aber durch unseren selbst gewählten Lebensstil alles dafür getan wird, um sich konsequent der einzigen relevanten Quelle zu entziehen. Das „Sonnenlicht“ ist offenbar die vierte Säule unserer
Gesundheit – nach Ernährung, Bewegung und Schlaf. Wir haben sie weitgehend zum Einsturz gebracht, denn eine unheilvolle Allianz aus Ignoranz, überkommenen Empfehlungen, übertriebener Panikmache vor der Sonne, Unkenntnis der Blutwerte und fehlender Handlungsbereitschaft nahm uns den Blick auf eines der drängendsten
Gesundheitsprobleme unserer Zeit.
|