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Muskuläre Stabilisation der Lendenwirbelsäule im Nachwuchsleistungssport

Präventives Rückentraining

Hohe Trainingsbelastungen im Kindes- und Jugendalter sind im Leistungssport keine Seltenheit. Die Lendenwirbelsäule als zentrales Bewegungsorgan ist hiervon oftmals besonders betroffen. Um die Belastungen möglichst kontrolliert zu halten, ist ein präventives Stabilisationstraining unabdingbar. Spezielle sportartspezifische und altergemäße Übungen zur Ansteuerung der stabilisierenden Muskulatur sollten in den Trainingsbetrieb integriert werden, um einen möglichst gesunden, langen und erfolgreichen Leistungssport zu gewährleisten.

Im Nachwuchsbereich des heutigen Leistungssports wird bereits in jungen Jahren mit großen Umfängen und hohen Belastungen trainiert, um die entsprechenden Voraussetzungen für Spitzenleistungen zu erreichen. In Abhängigkeit von der jeweiligen Sportart besteht das verstärkte Risiko von Überlastungsschäden und degenerativen Veränderungen an der Lendenwirbelsäule. Um diese Risiken zu minimieren und die Sportart möglichst lange und den Belastungen entsprechend gesund durchzuführen, bedarf es entsprechender präventiver und sportartspezifischer Stabilisationsübungen. Diese jedoch scheinen sich aus diversen Gründen leider noch nicht überall im Trainingsbetrieb etabliert zu haben. Dies ist verwunderlich, wäre es doch durch entsprechende Vorleistung durchaus möglich, lange Verletzungspausen und frühzeitige gesundheitsbedingte Dropouts zu vermeiden. Hierzu bedarf es in der Regel nicht einmal besonders viel Zeit. Effektivität, Effizienz und Regelmäßigkeit sind die entscheidenden Faktoren.

Belastungsanalyse im Leistungssport

Art und Prävalenz von Sportverletzungen und Überlastungsschäden der jeweiligen Disziplin sind ein eindeutiger Indikator für initialen Handlungsbedarf. Die Bewegungs- Belastungs-Analyse versucht, Belastungsspitzen und Elemente mittlerer Belastung mit hohen Wiederholungszahlen auszumachen, welche ursächlich für typische Verletzungen herangezogen werden können. Neben Informationen einschlägiger Datenbanken besteht die Möglichkeit, Daten durch Bewegungsbeobachtung in vivo, auf Video oder anhand von Reihenbildern zu gewinnen. Die Interaktion zu den jeweiligen Fachtrainern ist diesbezüglich und auch für die spätere Umsetzung von sehr großer Bedeutung. Eine zusätzliche manuelle orthopädische Untersuchung und Muskelfunktionstests für Kraft und Beweglichkeit sind anzuraten.

Muskuläre Stabilisation der Lendenwirbelsäule

Um die Lendenwirbelsäule gegenüber sportlichen Belastungen zu schützen, ist die Stabilisation durch entsprechende Muskeln zu gewährleisten. In Anlehnung an die klassische Differenzierung in lokale und globale Muskulatur [1] wird an dieser Stelle die Klassifikation in Primär,- Sekundär- und Tertiärstabilisation vorgenommen. Die Primärstabilisation wird durch Muskeln bereitgestellt, welche aufgrund ihrer anatomischen Lage und Eigenschaften stabilisierend auf die Lendenwirbelsäule wirken und nahezu keine Bewegungsfunktion aufweisen. Diese sind weitläufig auch als tiefe Muskulatur bekannt. Hierzu zählen Multifidii, Transversus abdominis, Beckenboden und Zwerchfell. Multifidii und Transversus abdominis bilden einen muskulär-bindegewebigen Stabilisationsgürtel, der zusammen mit Beckenboden und Zwerchfell einen Stabilisationszylinder ergibt [2]. Dabei bewirken die Multifidii mit den Rotatores zwei Drittel der Stiffness im Bereich L4 / L5 [3]. Die zur Sekundärstabilisation gehörigen Muskeln haben hauptsächlich die Funktion, die Lendenwirbelsäule als Teilelement zwischen Becken und Thorax zu bewegen. Dabei ist der Anteil an der Stabilisation mehr im Sinne einer Gesamtverspannung zu betrachten. Zu ihnen gehören Obliquii internus et externus, Erector spinae, Rectus abdominis und Quadratus lumborum. Die Tertiärstabilisation fokussiert die Hüftregion. Die entsprechenden Muskeln gewährleisten durch Stabilisation des Hüftgelenkes und Einstellung der Beckenposition die stabile Basis für die Lendenwirbelsäule.

Stabilisationstraining mit Kindern bedeutet Umdenken

Das Stabilisationstraining mit Kindern unterscheidet sich vom Training mit Erwachsenen und bedarf einiger Überlegungen im Vorfeld. Zielsetzung ist, die Ansteuerung der tiefen Muskulatur so früh wie möglich zu erlernen, ohne Gefahr zu laufen, dass die Kinder damit kognitiv und kinästhetisch überfordert sind. Zu Beginn sollte den Kindern in Wort und Bild deutlich bewusst gemacht werden, dass die Übungen und korrekte Ausführung besonders wichtig für deren Gesundheit, Erfolg und langfristige Ausübung ihrer Sportart sind. Gegenseitige Kontrolle und Anleitung führt zu mehr Aufmerksamkeit und Identifikation mit dem Training. Weiter ist darauf zu achten, dass die spezifischen Trainingseinheiten relativ kurz gehalten werden und möglichst zu Beginn des Trainings stattfinden. Letztendlich ist der Spaßfaktor entscheidend, um die Kinder entsprechend zu motivieren.

Praxisumsetzung im Nachwuchsleistungsturnen

Die exemplarische Umsetzung fand mit Unterstützung des Kunst-Turn-Forums Stuttgart im Rahmen des D-Kaders statt, wo bereits entsprechende Maßnahmen angewandt werden. Zunächst wird die Primärstabilisation in adäquaten Positionen anhand der Handlungsanleitungen aus der Forschung [4,5] erarbeitet. Für das Erlernen der kokontraktiven Grundspannung aus Transversus abdominis und Beckenboden ist eine separate wahrnehmungsorientierte Einheit unter Ausschluss des visuellen Systems ratsam. Basis für alle Übungen mit Ausnahme der Sportartspezifik ist die Einhaltung der neutralen Lendenlordose und Beckenachse. Im zweiten Schritt wird die „Grundspannung“ in Übungen der Sekundärstabilisation integriert. Um möglichst umfangreiche Reize für die tiefe Muskulatur zu setzen kann zusätzlich mit instabilen Unterlagen (IU) gearbeitet werden. Achtung: Die vollständige isolierte Kontraktion von Transversus abdominis, Beckenboden und segmentaler Multifidii bleibt der ultraschallassistiven Therapie vorbehalten und ist nicht Ziel dieses Stabilisationstrainings. Die Übung Bauchlage Beinheben respektive Diagonalmuster wird repräsentativ als typische Übung für die Aktivierung der Multifidii dargestellt [6] und wurde auf ihre Wirksamkeit hin überprüft [7]. Die Turnspezifik sieht vor, dass die Stabilisationsübungen an die spezifischen Eigenschaften des Leistungsturnens angepasst werden und die Lendenlordose auch aufgelöst wird. Die Beweglichkeitsübung Grätsche in der Rückenlage (Abb. 8&9) wurde beispielhaft aus dem bestehenden Training aufgegriffen, unter Stabilisationskriterien angepasst und anschließend wieder integriert. Die Tertiärstabilisation ist eher marginal zu betrachten, jedoch nicht zu vergessen. Klassische Übungen auf Kraft und Beweglichkeit zum Ausgleich muskulärer Dysbalancen sind obligatorisch.

Fazit

Für den Nachwuchs im Leistungssport sind präventive Stabilisationsmaßnahmen von entscheidender Bedeutung. Ziel ist es, entsprechende Trainingseinheiten mit der optimalen Zeit-Nutzen-Relation in den Trainingsalltag zu integrieren. Es gilt, den Nachwuchs möglichst früh mit der Wahrnehmungsschulung für die tiefe Muskulatur vertraut zu machen und durch entsprechendes Training die nötigen Grundlagen bereit zu stellen. Machen Sie den ersten Schritt!

Literatur beim Autor

Ausgabe MSN 1 / 2012

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 1 / 2012.
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