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Sportklettern - Die Gefahren der Wand

Outdoor

In der letzten Ausgabe der MedicalSportsNetwork berichtete Dr. Volker Schöffl vom Kampf an der Wand. Im zweiten Teil zeigt der Mannschaftsarzt der Deutschen
Sportkletternationalmannschaft Verletzungsrisiken beim Sportklettern auf und geht der Frage nach, ob intensives Training bereits in jungen Jahren zur Früharthrose der Finger führt.

Verletzungen beim Sturz

Durch die modernen Sicherungsmittel sowie die verbesserte Ausrüstung ist ­sicheres Stürzen für den Sportkletterer möglich geworden, für das Erreichen der höchsten Schwierigkeitsgrade essentieller Bestandteil des Sportes. So sind 10 Stürze pro Tag durchaus normal. Schubert, DAV Sicherheitskreis, unterscheidet dabei zwischen bewusstem absichtlichem „Springen“, wie im Sportklettern häufig, und den unkontrollierten „Stürzen“ mit häufigeren Verletzungsfolgen. Im Sportklettern ist, im Gegensatz zum alpinen Klettern, der Hüftsitzgurt etabliert, Verletzungen innerer Organe sind dabei sehr selten. Ein Hängetrauma ­(orthostatischer Kollaps) ereignet sich eigentlich nur beim bewusstlosen Kletterer. Allgemein versteht man unter einem Hängetrauma jene Körperschädigung, welche durch einen Kreislauf­zusammenbruch beim freien Hängen in einem Anseilgurt verursacht wird. Beim Hüftgurt kann zusätzlich eine „Kopf tief, Beine oben Position“ erfolgen.
Inwieweit wiederholtes Stürzen die Genese von Bandscheibenvorfällen unterstützt, befindet sich noch in der ­Diskussion, bei allen im eigenen Klientel vorhandenen Bandscheibenvorfällen (4 von 604) sowie Wirbelsäulenproblemen (Facettensyndrom) (24 von 604) ergab sich kein direkter Zusammenhang. ­Ursächlich sind wohl mehr muskuläre Dysbalancen, wie sie im Spitzensport häufig vorkommen. Die dorsale Abstützung der LWS im Hüftgurt wird durch neuere Bauweisen, wie „split-lip“, der Gurthersteller verbessert.

Führend bei Sturzverletzungen sind Traumata der unteren Extremität, ursächlich prinzipiell zwei verschiedene Unfallmechanismen; das Anpralltrauma und das Niedersprung­trauma. Das Anpralltrauma entsteht durch den Seilzug, der den Stürzenden gegen die Felswand zieht. Vor allem kurze Stürze mit hohem Sturzfaktor in wenig steilem Gelände sind hierfür ursächlich. Hierbei kommt es vor allem zu Kontusionen und Frakturen des Vor- und Mittelfußes sowie des Calcaneus.
Beim Niedersprungtrauma kommt es zum ungebremsten Sturz auf den Boden. Dieses ereignet sich zunehmend beim Bouldern; beim Klettern meist beim Sturz vor dem Einhängen des Sicherungsseiles in den ersten Haken oder bei sicherungstechnischen Fehlern. Hierbei kommt es vor allem zu Umknicktraumen mit eventuell nur harmlosen Distorsionen oder aber auch Außenbandrupturen und Frakturen (typisch: z.?B. Sprunggelenksluxationsfraktur).

Tenosynovitiden

Die Sehnenscheidenentzündung einzelner Finger ist das häufigste Überlastungssyndrom bei Sportkletterern. Da Mittel- und Ringfinger beim Klettern am stärksten belastet werden, treten hier besonders häufig Entzündungen der Beugesehnenscheiden auf. Diagnostisch muss man bei ähnlichen Symptomen die Verletzung eines Ringbandes von der Sehnenscheidenentzündung abgrenzen. Dies gelingt leicht im Ultraschall am Finger. Bei einer Sehnenscheidenentzündung können zwar die Beschwerden während des Kletterns auch akut beginnen, aber es liegt nie ein echtes Trauma (Sturz, Hängenbleiben eines Fingers usw.) vor.
Die Behandlung der Sehnenscheidenentzündung erfolgt durch Ruhigstellen mittels einer Schiene über eine Woche und anschließende Schonung über weitere ein bis zwei ­Wochen. Zusätzlich kann durch Antiphlogistikagabe und Eisabreibungen Besserung erzielt werden, in chronischen ­Fällen hilft die Injektion eines Corticoids in die Sehnenscheide (Cave: Injektion in die Sehne!). Bei chronischen Tendovaginitiden findet man manchmal auch eine allgemeine Bänderschwäche mit hypermobilen Gelenken. Zeitweises Bandagieren oder Tapen kann die Schmerzen reduzieren und als Prophylaxe dienen.

Arthroseentwicklung

Durch die hochintensiven Belastungen, welche auf das ­Skelettsystem wirken, stellt sich die Frage, inwieweit ein hoch intensives Klettern in bereits jungen Jahren die Arthrose­entwicklung in den Fingergelenken begünstigt. Im Rahmen einer Quer- und Längsschnittuntersuchung wurden die Mitglieder der deutschen Jugendnationalmannschaft Sportklettern sowie eine gleichstarke Gruppe an Freizeitkletterern untersucht, nun liegen die Auswertungen der 5-Jahreskontrolluntersuchung vor. Zum Zeitpunkt der Kontrolluntersuchung waren die 6 männlichen und 4 weiblichen Jugendkader­kletterer (JK) 21,0 ± 1,6 Jahre und die Freizeitkletterer (FK) (8 m, 2 w) 19,9 ± 1,9 Jahre alt. Nachdem in den letzten Jahren das Thema Magersucht (Anorexia nervosa) unter Hochleistungsathleten leider aktueller wurde, ist es als sehr positiv zu beurteilen, dass der Body-­Mass-Index mit 21,8 ± 1,5 (JK) und 21,6 ± 3,1 (FK) im Normalbereich lag und somit keinerlei Gefährdung vorlag. Das Kletterniveau war im JK bei UIAA 10 und bei den FK bei UIAA 7. Als äußerst positiv ist die Aufklärungsarbeit durch Trainer und Betreuer in ­beiden Gruppen zu sehen.
So waren im Kader und in der Vergleichsgruppe alle Sportler über gefährliche Trainingsformen sowie über die Bedeutung eines Aufwärm- und Dehnprogramms informiert. Hier fruchtet die Aufklärungs- und Schulungsarbeit des Deutschen Alpenvereins.
In der klinischen Untersuchung zeigte sich über die fünf Jahre keine Zunahme an Finger­gelenksschwellungen, Gelenkkapselverbreiterungen oder Bewegungseinschränkungen. Insgesamt waren Bewegungseinschränkungen der Finger über den ­Studienzeitraum sogar rückläufig, die Tipps und Ratschläge der Ärzte sind anscheinend beherzigt worden. In der Auswertung der Röntgenbilder wurde zwischen Stressreaktionen (Belastungsanpassungen) und Früharthrose unterschieden. Stressreaktionen stellen ­hierbei noch normale Anpassungserscheinungen des knöchernen Skelettes an die erhöhte Belastung dar. Sowie z.?B. der Knochen des Schlagarmes eines Tennisprofis dicker und sogar länger wird, nimmt auch die Knochendicke und -dichte der Fingerknochen bei Kletterern zu. ­Diese Veränderungen dürfen nicht mit einem früh­zeitigen Verschleiß verwechselt werden. Solche Belastungsanpassungen (Stressreaktionen) fanden sich bei 8/10 der Kaderkletterer und nahmen in der Vergleichsgruppe (FK) von 2/10 (1999) auf 3/10 (2004) zu. Zeichen ­einer Früharthrose fanden sich in keinem Fall in der Kontrolle von 2004. In der Querschnittsuntersuchung fand sich 1999 in beiden Gruppen je ein Fall eines Bruches der Wachstumsfuge eines Fingers.
Beide Kletterer trainierten in damals noch sehr jungen Jahren Maximalkraft am Campusboard! Es ist bemerkenswert, dass der eine Fall (FK) mit einer solchen Verletzung unter ­entsprechender ärztlicher Behandlung komplett und folgenlos ausgeheilt ist. Das Kontroll­röntgenbild zeigte keinerlei Auffälligkeit.

Insgesamt zeigte sich in der Längsschnitt- sowie bereits in der Querschnittsunter­suchung ein guter Gesundheitszustand unserer Jugendkaderathleten. Um auf die Anfangsfrage­stellung nochmals einzugehen, ob „jugendliches Leistungsklettern zu einer frühzeitigen Arthrose der kleinen Fingergelenke führt“, lässt sich Folgendes konstatieren: Die Risiko­faktoren zur Entstehung einer Arthrose sind vielfältig (z.?B. genetische Disposition und anatomische Gegebenheiten) und sicherlich kann Hochleistungs­klettern eine solche Arthrose bedingen. Dies vor allem dann, wenn wichtige Trainingsgrundsätze (Auf- und Abwärmen, Ausgleichssport, Vermeidung von maximalen Belastungen im Wachstums­alter (Campusboard), Fingergymnastik etc.) vernachlässigt werden. Bei einem vernünftigem Umgang mit dem eigenen Körper ist das Risiko jedoch vertretbar und jugendliches Leistungsklettern führt sicher nicht zwangsläufig zur Fingerarthrose. Die kompletten Ergebnisse der Studie wurden im American Journal of Sports Medicine veröffentlicht.

Fazit

Klettern, gerade wenn es im Sinne des Sportkletterns mit entsprechenden Sicherungsmöglichkeiten betrieben wird, stellt sich als unfallarme und sichere Sportart dar. Die meisten Verletzungen sind niedrigeren Schweregrades und betreffen die obere Extremität. Unter entsprechender Anleitung muss auch ein intensives Training in bereits jungen Jahren nicht zwangsläufig zur Früharthrose der Finger führen.

Dr.Volker Schöffl

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Dr. Volker Schöffl:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/5983

Stichwörter:
Sportklettern Bergsteigen

Ausgabe MSN 5 / 2008

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 5 / 2008.

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