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Sportklettern - Der Kampf an der Wand

Das extreme Klettern und Bergsteigen fand Anfang der 70er Jahre eine radikale Wende. War bis dahin nur das Ziel der Gipfel und nicht der Weg zum Ziel wesentlicher Bestandteil der Definition einer Kletterroute, so wurde nun die Idee des „freien Kletterns“ ­geboren. Hierunter versteht man die Bewältigung einer Kletterroute ohne Zuhilfenahme künstlicher Hilfsmittel zur Fort­bewegung; Seil und Haken dienen nur der Sicherung des Kletterers und werden nicht zur ­Fortbewegung selbst eingesetzt.

Die Idee des „freien Steigens“ wurde bereits seit über 100 Jahren im Elb­sandsteingebirge praktiziert, Emanuel ­Strubich kletterte mit der „Westkante“ am Wilden Kopf bereits 1918 die weltweit erste Route im 7. Schwierigkeitsgrad. Doch erst in der Mitte der 70er Jahre erlebte das Freiklettern seinen rasanten Aufschwung, als die Idee des „freien Steigens“ von den Kletterern der „Hippie“-Generation im Yosemite ­Valley wieder aufgegriffen wurde und sich dann auch in Europa verbreitete.
Sportklettern, vor allem als Freiklettern, wurde immer wieder als Risikosportart eingestuft. Die realistische Einschätzung stellt sich gänzlich anders dar. Die Sportausübung in der freien Natur ist durch die Einführung von Bohr-­haken deutlich sicherer geworden, schwere und tödliche Unfälle ereignen sich nur ­äußerst selten. Statistisch genaue Daten zu Unfällen im Sportklettern am Naturfels liegen nur eingeschränkt vor, hierbei ist auch die Differenzierung zum alpinen Klettern und Bergsteigen schwierig. Bessere Analysen erlauben allerdings die Indoor-Anlagen. In einer groß angelegten Untersuchung in England fanden sich nur 55 Unfälle auf 1,021 Millionen ­Besucher. Bei einer mittleren Aktivität von 2 Klettertagen pro Woche ergibt sich hier ein Unfallrisiko von 0,6?% pro Sportler und Jahr. Auch in den deutschen Anlagen konnte ein sehr geringes Unfallrisiko dokumentiert werden, bei 25163 Besuchern kam es zu nur 4 Unfällen, dies entspricht einer Unfallrate von 0,016?% pro Kletterwandbesuch. Insgesamt sind im extremen Klettern schwere Verletzungen im Sinne eines Hängetraumas oder gar Polytraumas sehr selten, nichts desto trotz ereignen sich immer wieder auch schwere Stürze mit teils tödlichem Ausgang. Normales Sportklettern stellt keine Risikosportart dar!

Trainingsmethodik

Die Disziplin Sportklettern entwickelte sich in den letzten Jahren in verschiedene Hauptrichtungen. Eine stellt das Schwierigkeitsklettern am Fels dar. Hierbei wurde derzeit der 11. Schwierigkeitsgrad erreicht und etabliert. Im Trainingsprozess für schwierigste Felstouren liegt das Hauptaugenmerk in der Entwicklung der Maximalkraft der ­Fingerbeuger. Beim Wettkampfklettern ist vor allem die laktazide Kraftausdauer der Unterarmbeugemuskulatur (ins­besondere der Mm.flexorum digitorum profundii) leistungsbegrenzend. In Analysen des sportmotorischen Eigenschaftsprofils des Sportkletterns erwies sich diese als hoch leistungsrelevant. So fanden sich statistisch hoch signifikante Zusammenhänge zwischen der statischen Kraftausdauer der oberflächlichen und tiefen Fingerbeuger mit der Kletter­leistung. Zur Objektivierung dieser ­Kriterien sowie zur besseren Trainingssteuerung wurden Herzfrequnz- und Laktatanalysen sowie VO2 max. Bestimmungen an der Kletterwand durch­geführt sowie eine sportartspezifische Leistungsdiagnostik entwickelt und in der regelmäßigen Kaderbetreuung eingeführt.

Mit der extremen Leistungssteigerung im Klettern in den letzten 10 Jahren erhöhte sich natürlich auch der Trainingsumfang und die Beanspruchung des Bewegungsapparates. Das Durchschnittsalter der Spitzenathleten nahm jedoch immer mehr ab. War der ­durchschnittliche Trainingsaufwand der männlichen A-Kaderathleten 1986 noch 10 Stunden/Woche, betrug er 1996 bereits 21 Stunden/Woche. Das Durchschnittsalter ging im gleichen Zeitraum von 26 auf 22 Jahre zurück. Insgesamt sind dabei im Trainings­prozess einige, teils abenteuerlich anmutende Trainingsmethoden im Einsatz, die näher dargestellt werden sollen. Ein isoliertes Fingerkrafttraining findet häufig an einem so genannten „Finger-oder Leistenboard“ statt. Das Fingerboard ist ein Brett aus einer Kunstharzmischung (entsprechend der Kunstgriffe) mit aufgesetzten Leisten verschiedener Stärken. An diesem werden Hänge- und Zugübungen durchgeführt, mit teil­-weise bis zu 50?kg Zusatzgewicht. Beim „Leisten- oder Campusboard“ sind dagegen verschiedene Leisten über eine Strecke von ca. 1?m übereinander angebracht und es werden Hangelübungen nach oben und unten durchgeführt.
Die Beanspruchung der Fingergelenke (hoher Druck auf die Gelenkknorpel) und der Ringbänder (starke Zugkräfte beim Aufstellen) ist hierbei extrem hoch. Diese Trainingsform gilt als sehr ­effektiv aber auch anfällig für Überlastungen und Verletzungen. Beim Hangeln nach unten kommt es durch die negativ ­exzentrische Belastung oft zu Über­beanspruchungen der Muskelansätze der Unterarmbeuger. Mittels kombinierter negativer/positiver Doppeldynamos wird zusätzlich versucht, ein Niedersprung- oder plyometrisches Training zu simulieren. Der Kletterer springt hierbei ­jeweils beidarmig hangelnd an den Leisten nach oben und unten. Auch wenn der trainingsmethodische Ansatz dieser Übung aufgrund der zu langen Kontaktzeiten beim Wiederabsprung zweifelhaft ist, wird die Methode immer noch praktiziert. Das Verletzungsrisiko für die Finger und den Schultergürtel beim Danebengreifen ist immens hoch. Eine ähnlich spektakuläre Trainingsmethode ist der einfingrige Klimmzug. Spitzenathleten können hierbei am Kleinfinger, welcher in einer Schling hängt, bis zu 5 einfingrige Klimmzüge durchführen. Durch das passive Hängen im PIP-Gelenk kommt es bei einem derartigen Training immer wieder zu Kapselbandverletzungen des Finger­gelenkapparates.

Klettern als Schulsport und in der Sporttherapie

Klettern bewirkt eine Aktivierung des Gesamtkörpers welche in spielerischer Weise umgesetzt werden kann. Das ­Gefahrenmoment eines Unfalls oder von Überlastungsschäden ist dabei
im Freizeitbereich zu vernachlässigen. Dieses spielerische Gesamtkörpertraining wird zunehmend auch im Schul- und Kindersport umgesetzt, einige Schulen bieten Klettern bereits im ­Rahmen des differenzierten Sportunterrichtes für Interessierte an. Auch in die Sport- und Physiotherapie hat Klettern in der Form des therapeutischen Kletterns Einzug gehalten und kann ­Wesentliches zur Vermeidung von Haltungsschäden und muskulärer Dysbalancen sowie zur Frührehabilitation nach Traumata beitragen.

Priv.-Doz. Dr.Volker Schöffl

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Dr. Volker Schöffl:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/5983

Stichwörter:
Outdoor Sportklettern

Ausgabe MSN 4 / 2008

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 4 / 2008.

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