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Der Marathon-Boom

Trend unser Zeit

Zu Recht! Wenn das die Bürgermeister der benachbarten Ortschaften geahnt hätten! Sie wären bestimmt mit Macht daran gegangen, die Schlacht zwischen ­Griechen und Persern vor mittlerweile fast 2.500 Jahren in ihrer Gemarkung stattfinden zu lassen. Und dieser Phidippides – man hätte ihn bestimmt unmittelbar postum zum Ehrenbürger ernannt.

Denn „Marathon“, das ist eine der beeindruckendsten PR-Stories der Menschheitsgeschichte. Unter den heute weltweit bekannten Eigennamen liegt das griechische Städtchen ­bestimmt ganz vorn. Wen kümmert dabei allerdings Historisches, gar Geographisches? Wer weiß schon, wie weit es wirklich vom historischen Dörfchen Marathon bis nach Athen war – zumal Straßen lediglich Feldwege waren und ihr ­tatsächlicher Verlauf sich unseren heutigen Kenntnissen ­natürlich entzieht? Bestimmt nicht exakt 42,195 km.
Egal, der Marathon zieht alle in seinen Bann. „Oh, ­Marathon!“ heißt es dann. Ehrfurcht schwingt mit, Begeisterung, Respekt für denjenigen, der auf mindestens einen ab­solvierten Lauf verweist. Oder nur dezent anklingen lässt, dass er demnächst an einem solchen teilzunehmen gedenkt.

Denn ein Marathonläufer, der ist heute was. Der hat ­Konsequenz in seiner Lebensführung unter Beweis gestellt. Der kann anpacken, durchhalten. Der lässt sich nicht so leicht von seinem Ziel abbringen. Und fast automatisch wird die Abstraktion vom Sport zum normalen Leben vorgenommen. Was auf den 42,2 km durch Asphaltschluchten ­irgendeiner Großstadt gelingt, wird ansonsten nicht anders sein.
Einige werden abwinken. Marathon polarisiert. Die Nicht-Marathonis kommen mit einer Vielzahl von Argumenten, die es ihnen quasi verbietet, diese Freizeitbeschäftigung für sich zu erschließen. Vielleicht alsbald nach einer Rechtfertigung suchen, dass sie selbst es noch nicht versucht haben. In ihrer verbalen Ablehnung auch gleich Schutz suchen. Denn man könnte ja mit entsprechenden Maßstäben gemessen werden („Gewogen und für zu schlapp befunden“).
Immer aber steckt in allen Wertungen, ob pro oder contra, eine gehörige Portion Respekt. Vor der Leistung, dem Anlass, der Aufgabe als solcher.

Warum hat dieser Lauf, der bis vor nicht allzu langer Zeit einer als verschroben geltenden Gruppe von gesellschaftlichen Außenseitern vorbehalten schien, einen solchen Siegeszug angetreten, dass Stadtväter es heute als Qualitätskriterium für ihre Kommune ansehen, einmal im Jahr Gastgeber für eine Marathonveranstaltung zu sein?
Vieles spricht dafür, dass unser beruflicher Alltag dabei eine große Rolle spielt. Er ist buchstäblich unmenschlich geworden. Die Dimensionen stimmen nicht mehr, der Einzelne wird zum oft winzig und unbedeutend erscheinenden Teil eines komplizierten, vielfach unüberschaubaren Ganzen. Insofern versinken Befriedigung und Motivation, die der Mensch aus seiner Arbeit ziehen könnte, in namenloser Anonymität. Die Identifikation mit der selbst erbrachten Leistung kann nicht mehr hergestellt werden.
Was liegt näher, als sich Ersatzfelder zu schaffen? Was liegt näher, als dies inmitten hoch motivierter Menschen zu tun, die an einem Tag das eine Ziel verfolgen, nämlich 42,195 km zu absolvieren. Mit einem Schlag tauchen sie ein in eine ganz andere Welt. Am Start das Bad in der Menge, die einhundertprozentige Anerkennung unter Gleichgesinnten, der Respekt der Zuschauer vor der Leistung jedes Teilnehmers, die Steigerung des Selbstwertgefühls, der Muskelkater in der folgenden Woche – alles inklusive.

Der Höhepunkt der Marathon-Werteskala ist ganz unstrittig der New York City Marathon. Mit knapp 40.000 Startern einer der weltweit teilnehmerstärksten Läufe, mehr als
1 Million Zuschauer entlang der Strecke, die alle fünf Stadtteile der Metropole einschließt und die das unvergleichliche Panorama Manhattans mit einbringt – frei Haus sozusagen.
New York ist immer aus dem Häuschen, wenn der ­Marathon stattfindet. Aber in diesem Jahr mal wieder ganz besonders, denn dieses Mal war Lance dabei. Ja genau, Lance Armstrong. Ja, der Radfahrer. New York Marathon statt Mont Ventoux.
In den USA ist Lance derzeit überall. Auf den Titelseiten der Lifestyle-Magazine („Outdoor“, „Details“), mit einer großen Story in der New York Times, auf Plakaten mit seinem 10.2.-Shirt (das Datum seiner Krebs-Diagnose) und auf ­unzähligen Nike-Promotion-Flächen. Lance ist „in“, ist ein Winner, ein harter Typ und doch gleichzeitig sehr menschlich mit seiner Krebsgeschichte. Darum mag man ihn.
In New York 2006 gingen sicherlich ein paar hundert­tausend Zuschauer mehr an der Strecke auf sein Konto. Aber so sind sie im Big Apple. Als vor einigen Jahren der Musiker Puff Daddy (alias P Diddy) sein Marathon Debut zelebrierte, gab es nirgendwo an der Strecke so viel Enthusiasmus wie dort, wo sich P Diddy gerade befand (die Spitzengruppe inklusive).
Ähnlich bei Lance. Alle fieberten mit ihm, alle interessierten sich – und der New York Marathon 2006 hatte seine große Story. Letztlich alles eine ganz geschickte Marketing-Aktion.

Running ist in. Running lebt. Gerade auch in New York. Warum lebt es? Weil viele Menschen sich interessieren, denn es gibt tolle Stories. Jedes Jahr eine andere – aber alle sind gut. Da ist der doppelt beinamputierte Desert-Storm-Veteran, der mit seinen Carbon-Prothesen die Strecke bewältigt. Der
57-Jährige aus Brooklyn, den erst der Herzinfarkt zum Läufer machte. Oder eben der Promi, der sich noch gut genug in Form fühlt, diese Strecke nach Abschluss der eigentlichen Karriere als Herausforderung anzunehmen.
Es wäre eine falsche Interpretation, aus Sicht der „richtigen“ Läufer auf Lance neidisch zu sein. Weil er jetzt die Titelzeilen bekommt und nicht der Favorit oder gar der Sieger (ein ­Brasilianer, glaube ich. Wie hieß er noch gleich…?). Die ­Szene lebt von ihren Personen, von unverwechselbaren Typen, die man kennt und für die man sich interessiert. Also sollten wir froh sein, dass Lance den Marathon wählte und nicht zum Autorennfahrer in Daytona oder zum Skilangläufer wurde.

Freuen wir uns, dass Lance die Aufmerksamkeit vieler ­Menschen auf den Marathon gelenkt hat. Freuen wir uns, dass er ihn gut bewältigt hat (man stelle sich vor, er wäre irgendwo bei 22 Meilen zusammen geklappt. Schon hätte wieder die ganze Welt darüber geschimpft, dass Marathonlaufen zu den gefährlichsten Dingen der Welt zähle). Und freuen wir uns ein wenig, dass Lance hinterher sagte, das sei die physisch härteste Sache seines Lebens gewesen. Härter als die Alpe d’Huez-Etappen. Schon können wir alle auch ein bisschen stolz sein. Zum Beispiel auf unsere schmerzenden Beine, die uns noch eine Woche an den Marathon denken lassen. Wir haben es auch geschafft. Wie Lance.
Die Frage sei an dieser Stelle erlaubt, wie lange es noch dauern wird, bis die Gesellschaft auch in relevanten und ­sensiblen Bereichen aus ihren eigenen Trends Lehren zieht. Motivation ist die treibende Kraft für erfolgreiche Veränderungen, nicht unübersichtliche Regelwerke. Ein gutes Unternehmen hat gute Mitarbeiter, und gute Mitarbeiter sind ­motivierte Mitarbeiter. Was in der Wirtschaft seit Jahren Standardwissen ist, lässt als nötiger Paradigmenwechsel ­beispielsweise im Gesundheitswesen weiter auf sich warten. Hier wird immer noch der schwerer Betroffene „belohnt“ – durch verringerte Zuzahlung, durch die höhere Pflegestufe, durch spezielle Parkplätze – (noch) nicht der höher ­Motivierte. Eine wirkliche Gesundheitsreform muss das Gesundsein ­attraktiver machen. Umso mehr in einer Zeit, da die großen und kostspieligen medizinischen Probleme nachweislich zu 80 bis 90?% durch uns selbst, durch unsere Lebensführung ver­ursacht werden (Bewegungsmangel, Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes mellitus etc.).
Die Marathonläufer leben es vor. Nicht weil der Marathon als solcher so gesund wäre. Sondern weil sich die Läufer zur Gesundheit und Fitness bekennen und dieses Ziel aus eigener Kraft selbstverantwortlich anstreben.

Dr. Thomas Wessinghage

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Thomas Wessinghage:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/6577

Ausgabe MSN 1 / 2007

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 1 / 2007.
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