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Taktiktraining - Schlecht üben - besser werden

Neue Ansätze im Bewegungslernen – Besser durch falsches Üben.

Traditionell ist die Methodik des Bewegungslernens durch sogenannte „Programmtheorien“ geprägt, die davon ­ausgehen, dass Bewegungen in Form von Programmen in der Steuerungszentrale Gehirn abgespeichert sind.

Durch monotones Üben (Übungswiederholungen) werden die Bewegungsprogramme „eingeschliffen“ und gefestigt, Abweichungen von dem Programm werden als Bewegungsfehler aufgefasst, die über entsprechende Rückmeldungen und Übungen korrigiert werden müssen. In diesem Kontext wird auch explizit vor einem „falschen“ Ausführen von Bewegungen gewarnt, da sich dadurch falsche Programme einschleifen können, die dann mühsam wieder aus dem Programmspeicher entfernt werden müssen. In der Praxis des Bewegungslernens erweist sich diese Vorgehensweise jedoch als nicht unproblematisch. Eine einseitige Ausrichtung des Trainings auf Zieltechniken kann zu einer eingeschränkten Vielseitigkeit erworbener Bewegungskompetenzen führen. Problematisch ist weiterhin die Übertragung von Zieltechniken auf alle Sportler, die sich in einer sog. „Meisterlehre“ wiederfindet, ohne dass individuelle Voraussetzungen berücksichtigt werden. Darüber hinaus ergibt sich das Problem von eingeschliffenen Bewegungsfehlern, wenn „falsche“ Programme erlernt werden. Im Bereich der Motorikforschung wird daher die Methodik des „Einschleifens“ von Bewegungsprogrammen durch monotones Üben als erweiterungsbedürftig angesehen.

Bewegungslernen als variable Selbstorganisation

Lernstudien zeigen, dass erlernte Bewegungen wesentlich ­robuster gegenüber „falschen“ Bewegungsausführungen sind. Zahlreiche Lernexperimente zeigen größere Lernerfolge bei variablen Übungsformen im Vergleich zum monotonen Üben (vgl. u. a. Schöllhorn, Sechelmann, Trockel, & Westers, 2004, Simon, Hänsel, & Schulz, 2003). Darüber hinaus zeigen ­detaillierte Analysen der menschlichen Motorik, dass die ­erlernten Bewegungen im Detail durch eine große Variabilität gekennzeichnet sind und dass exakte Bewegungsreproduktionen nicht möglich sind. Erlernte Bewegungen zeichnen sich vielmehr durch eine Ergebniskonstanz und weniger durch ­eine Ausführungskonstanz aus.
Ein theoretisches Erklärungsmodell für die Variabilität in der menschlichen Motorik liefert die Systemdynamik, die Bewegungskoordination als Resultat von Selbstorganisationsprozessen beschreibt (zum Überblick siehe Kelso 1995). Grundgedanke dabei ist die Auffassung, dass Bewegungen nicht über eine übergeordnete Zentrale (Gehirn) gesteuert werden, sondern dass alle an der Bewegung beteiligten Steuerungssysteme (Nervensystem und Muskulatur) sich so gegenseitig beeinflussen, dass geordnete Bewegungen entstehen. Damit aber diese Ordnungszustände in Form von Bewegungen erlernt werden, muss der motorische Lernprozess auch Zustände der Unordnung durchlaufen. Zentraler ­Bestandteil des Übens müssen daher Übungsvariationen sein, durch die der Übende sowohl mögliche Lösungen als auch Fehler durchspielt. Durch systematische Variationen der Übungsausführung sowie der Ausführungsbedingungen verbessert sich das kinästhetische Bewegungsempfinden, d. h. der Übende lernt, an welcher „Schraube“ er drehen muss, damit sich die Bewegung in die eine oder andere Richtung verändert.

Praktische Konsequenzen

Das Bewegungslernen sollte neben dem traditionellen Einschleifen von Bewegungen auch Bewegungsvariationen enthalten, die es dem Lernenden ermöglichen, alte Bewegungsmuster aufzubrechen und individuelle Lösungen zu finden. Bei der methodischen Umsetzung des Variationsprinzips stellt sich zunächst die Frage, was und wie kann variiert werden? Im Bereich der Variationsmöglichkeit „Bewegungstechnik“ er­geben sich drei grundlegende Dimensionen: Die räumliche Dimension über eine Variation der Gelenkwinkel, die dynamische Dimension über die Variation der Bewegungs­geschwindigkeit und schließlich die muskuläre Dimension über die Variation der Muskelanspannung. Trägt man die drei Dimensionen auf ein Koordinatensystem auf, so ergibt sich ein dreidimensionales Schema von Variationsmöglichkeiten.

Als vierte Dimension sind die Situationsanforderungen und damit die Ausführungsbedingungen zu nennen. Am Beispiel Laufen lassen sich die drei Dimensionen verdeutlichen. Durch die Variation der Gelenkwinkel kann aufrecht, gebückt, mit betontem Anfersen oder Kniehub, mit rechter Seite betont und linker Seite passiv, mit Kopf gerade oder schief, mit Fußaufsatz aktiv oder passiv usw. gelaufen werden. Durch die Variation der Geschwindigkeit lassen sich die oben genannten Bewegungen langsam oder schnell durchführen. Über die Variation der Muskelanspannung können die Bewegungen verkrampft oder locker durchgeführt werden. Im ­Bereich der Situationsanforderungen können die genannten Bewegungen auf unterschiedlichem Untergrund, bergauf oder bergab usw. ausgeführt werden.
Weiterhin ist zu klären, welche Variationsausprägungen im Prozess des Bewegungslernens zweckmäßig sind. Hier ergibt sich zunächst ein Widerspruch: Werden die Technikvariationen durchgeführt um alte Bewegungsmuster aufzubrechen, müssen große Variationen durchgeführt werden. Ist dagegen das Ziel, die Bewegungen in einem mechanisch sinnvollen Rahmen einer Zieltechnik zu stabilisieren, so sind lediglich kleine Variationen erforderlich. Im Laufe des Lernprozesses sollten daher die Variationsausprägungen kontinuierlich reduziert werden, bis am Ende nur noch Variationen in einem mechanisch sinnvollen Rahmen der Zieltechnik zugelassen werden.
Mechanisch unsinnige und sinnvolle Variationen lassen sich am Beispiel Laufen verdeutlichen. Eine sehr diagonale Schwungbeinbewegung oder eine ausgeprägte Oberkörper­rotation wären aus mechanischer Sicht unsinnig, da Energie in seitliche Bewegungen und Rotationen um die Körperlängsachse verloren geht. Mechanisch sinnvolle Variationen wären z.?B. eine geschwindigkeitsabhängige Variation des Fußaufsatzes von Fersen- auf Vorfußlauf.

Fazit

Insgesamt sollte das Erlernen von Bewegungen wesentlich offener im Sinne eines spielerischen „Experimentierens“ gestaltet werden. Die Angst vor „falschen“ Bewegungsaus­führungen ist nur bei einem „Einschleifen“ von Bewegungsfehlern durch monotones Wiederholen begründet

Stichwörter:
Taktik Bewegungswissenschaft

Ausgabe MSN 2 / 2007

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 2 / 2007.
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