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Kraft im Alter

Ab der dritten Lebensdekade verliert der Mensch mit fortschreitendem
Alter jährlich 1–1,5?% seiner Maximalkraft. Hierbei gehen vor
allem die ­schnellen Muskeltypfasern aber auch die Anzahl der ­alpha-
Motoneuronen im Rückenmark zurück.

Es kommt in der Folge zu einer Abnahme der intra- und intermuskulärer koordinativen Fähigkeiten, einer Reduktion der Elastizität der Skelettmuskulatur und degenerativen Veränderungen des passiven Bewegungsapparates.
Zunehmende Einschränkungen der Gelenkbeweglichkeit sowie die Zunahme der Schmerzen münden in Inaktivität und Gewichtszunahme der Patienten, beschleunigen die Abnahme der Muskelkraft, Kraftausdauer und Koordination und führen darüber hinaus zur ­allgemeinen Dekonditionierung des Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel- Systems, die mit der Schwere der Arthrose und der funktionellen Einschränkung einhergeht [5]. Atrophierte und schnell ermüdende Muskeln erhöhen die Gelenkbelastung, die der rezidivierenden Gelenkentzündung und dem Schmerz Vorschub leistet. Es liegt deshalb
nahe, Muskelkräftigung, Ermüdungswiderstandsfähigkeit, Koordination und Dehnfähigkeit der gelenkumgreifenden Muskulatur im Alter und bei der Rehabilitation der Osteoarthrose eine große Bedeutung zuzuordnen.
Dabei ist die Krafttrainierbarkeit im höheren Lebensalter ohne weiteres gegeben, entspricht der von Kindern vor der Pubertät und ist durchaus hoch genug um den alternsbedingten Kraftverlusten weitgehend entgegen zu wirken.

Welchen Nutzen hat das Krafttrainings im Alter?

Eine hinreichend entwickelte Kraft ist eine Grundvoraussetzung für die selbständige Lebensführung, den Erhalt der Lebensqualität und die Durchführ­barkeit von Ausdauerbeanspruchungen.
Zudem stellen Kraftbeanspruchungen einen Reiz zum Erhalt und zur Erhöhung der Muskel- und Knochenmasse dar. Darüber hinaus bestimmen die Masse und Aktivität des Skelettmuskels u.a. den energetischen Umsatz und die Stoffwechselqualität.
Über eine Stabilisation des Körpergewichtes während des Gewichtstransfers und der Fortbewegung sowie den Erhalt der Muskelmasse unter standardisierten und situativen Bedingungen kommt es zu einer Verbesserung und Optimierung der Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) und Vermeidung von Stürzen.
Der Erwerb und die Mobilisation ­einer Kraftleistungsfähigkeit werden zur Überwindung des Körpergewichts und Stabilisation des Rumpfes benötigt.
Die Optimierung neuromuskulärer Steuerungs- und Regulationsmechanismen führt zur koordinativ optimierten Stabilisierung peripherer Gelenke und zu einem zeitlich optimierten Ablauf der kinematischen Kette der Extre­mitäten.

Welche Trainingsformen bieten sich an?

Das Hypertrophie-Training ist gut geeignet, um der Reduktion der Muskelmasse entgegenzuwirken und führt zu einer Muskelquerschnittszunahme von 5–10%. Trainiert wird im submaximalen Intensitätsbereich bei mittlerer bis längerer Belastung mit mindestens 2 Belastungen pro großer Muskelgruppe und Woche. Die Belastung ist für ältere und vorgeschädigte Menschen jedoch oft zu hoch.
Das situative Krafttraining ist an ­häufig im Alltag vorkommende Be­lastungsformen angelehnt und damit abwechslungsreicher, erfordert jedoch auch mehr Kreativität und Überwachung des Trainers. Eine hohe Compliance der Trainierenden ist ebenfalls durch ein sensomotorisches Krafttraining (Koordination/Balance) zu erreichen. Hier werden durch Inanspruchnahme des sensorischen Systems sowohl die afferenten Impulse als auch die efferente Reizantwort über die Muskulatur trainiert. Neben einer Steigerung der Kraftfähigkeiten kann hiermit auch eine ­trainingsinduzierte Verbesserung der Gleichgewichtsfähigkeit erzielt werden.
Auf alle Fälle ist eine zwei- bis dreimalige Belastung pro Woche mit mindestens 8–10 Einzelreizen pro Übung und ein zusätzliches Beweglichkeitstraining zur trainingsbegleitenden Verbesserung oder Aufrechterhaltung der ­Flexibilität notwendig.
Bei gelenkgeschädigten Patienten konnte der Erfolg von ambulantem Training zunächst vor allem bei Kniearthrose- und Knieprothesen- Patienten in den letzten Jahren, aber auch bei Hüftarthose nachgewiesen werden [1, 2, 6]. So können Kraft- und Kraftaus­dauerdefizite von 50–100?% zu Gleichaltrigen, die über die postoperative Rehaphase bestehen bleiben, deutlich gebessert werden [4]. Ein gezieltes Training bis kurz vor der Prothesenoperation konnte 30?%ige Verbesserungen bis 1 Jahr postoperativ erzielen [3]. Präoperativ steht über eine Kräftigung und damit Stabilisierung der Gelenke die deutliche Abnahme der Schmerzen im Vordergrund. Ein Aufschub der Operation kann teilweise um Jahre hinaus geschoben werden.

Mit der Diagnose einer Arthrose sollte nicht das Leid, sondern das Training beginnen!
Außerordentlich wichtig ist die gute Anleitung und Dosierung der Übungen und Aktivitäten. Gut geschulte Therapeuten und Übungsleiter für Anfänger– und Fortgeschrittenen- Gruppen von 12–15 Personen sind eine Grundvorrausetzung. Gewisse anatomische und ­trainingswissenschaftliche Grundlagen müssen vermittelt und entscheidende funktionelle Zusammenhänge aufgezeigt werden. Hiermit fällt es dem Teilnehmer langfristig leichter selbständig ­effektiv und richtig zu belasten und sich beim Üben und im Alltag selber zu kontrollieren und zu korrigieren. Durch das freudevolle Bewegen in der Gruppe, den direkten Erfahrungsaustausch und ein offenes, vertrauensvolles Klima innerhalb der Gruppe und gegenüber der Kursleitung ist eine hohe Compliance zu erreichen. Als anerkannte Behinderten/Versehrtensportgruppe können über den Rehabilitationssportbogen Zuschüsse der Krankenkasse bewilligt werden, außerhalb der Budgetierung. Die Patienten können somit einer kostengünstigen und für sie effektiven Behandlung zugeführt werden. Diese ­Kurse finden nicht nur in Deutschland zunehmende Verbreitung, auch das benachbarte Ausland und die USA haben das Programm übernommen [4, 7].
Die Angebote solcher qualifizierten Gruppen müssen von Physiotherapeuten, Vereinen und Institutionen (Rheumaliga, VHS) bereit gestellt werden, der Impuls für den Patienten muss jedoch von seinem Arzt ausgehen. Schon einmal haben vornehmlich die Sportmediziner eine Initiative flächendeckend erfolgreich in das ganze Land getragen – die Herzgruppen. Für ein kosten­günstiges, zielgerichtetes Training in Gruppen zur sekundären Prävention der Osteoarthrose wären diesmal die eher orthopädisch ausgerichteten Sportmediziner gefordert!

Ausgabe MSN 1 / 2007

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 1 / 2007.
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