08.02.2012 15:55 - Über uns - Impressum & Kontakt - succidia AG - Partner
Training RSS > Krafttraining und das metabolische Syndrom

Krafttraining und das metabolische Syndrom

Teil II: Dyslipidämie & Hypertonie

In der letzten Ausgabe der MedicalSportsNetwork behandelte Prof. Dr. Ben Hurley die Effekte von Krafttraining auf Insulinresistenz und abdominale Adipositas. Im zweiten Teil seines Beitrags beschäftigt der Autor sich mit Dyslipidämie und Hypertonie als zwei weiteren Komponenten des metabolischen Syndroms.

Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung)

Fast die Hälfte der Bevölkerung der USA (~ 45 %) haben ein Lipoprotein-, Lipidprofil, welches das Risiko der Entwicklung eines metabolischen Syndroms, einer artherosklerotischen kardiovaskulären Erkrankung und nachfolgend die Sterblichkeit erhöht. Daher haben abnorme Lipoprotein-, Lipidprofile (Dyslipidämie) relevante gesundheitliche Konsequenzen. Bereits vor zehn Jahren sind wir zu dem Schluss gekommen (Hurley & Roth, 2000), dass viele Studien eine Verbesserung der Lipoprotein-, Lipidprofile nach Krafttraining zeigen konnten, dass allerdings bei den meisten Studien die unabhängigen Effekte von Krafttraining nicht kontrolliert wurden. Wir haben auch gesehen, dass in Studien, bei denen Faktoren, die möglicherweise einen Einfluss auf Lipidprofile haben, so zum Beispiel Ernährung, tageszeitliche Schwankungen und saisonale Schwankungen, kontrolliert wurden, die Verbesserung von Lipidprofilen nach Krafttraining nicht gezeigt werden konnten.

Zu einem ähnlichen Schluss kamen Braith und Stewart (2006) und Williams et al. (2007). In einem neueren Review von Kelley and Kelley (2009) wird jedoch berichtet, dass Krafttraining alle Lipoproteinspiegel verbessert – mit Ausnahme von HDL-Cholesterin. Sie fassten Forschungsarbeiten aus einem Zeitraum von 1955 bis 2007 zusammen, wobei insgesamt 1.329 Männer und Frauen untersucht wurden. Im Durchschnitt wurde eine Reduktion des Total- Cholesterins (TC) um 2,7 %, von non- HDL-C um 11,6 %, von LDL-C um 4,6 % und der Triglyceride um 6,4 % gesehen, während TC/HDL-C um 1,4 % zunahm. Signifikante Änderungen beim HDL-C konnten nicht gezeigt werden. Einige Studien, die sie analysierten, waren jedoch solche, die wir als Studien mit fehlender Kontrolle von Faktoren, die Lipidprofile beeinflussen, identifiziert hatten. Später wurden diese Schlussfolgerungen von ihnen dahingehend modifiziert, dass alternative, nicht pharmazeutische Interventionen wie aerobes Training oder Pharmakotherapie zum Beispiel mit Statinen effektiver sein könnten als Krafttraining, um Lipidprofile oder Lipoproteinprofile bei Erwachsenen zu verbessern. Dies unterstützt die Schlussfolgerungen, die wir und andere Reviewer zogen.

Trotz dieser grundsätzlichen Schlussfolgerungen existieren einige relativ gut kontrollierte Studien, die eine signifikante Verbesserung von Lipid- und Lipoproteinprofilen durch Krafttraining zeigen. Zum Beispiel beobachteten Fahlman et al. (2002) bei einer Gruppe von Frauen zwischen 70 und 87 Jahren eine signifikante Reduktion von Triglyceriden und LDL-Cholesterinspiegeln und eine Zunahme von HDL-Cholesterinspiegeln nach 11 Wochen Krafttraining im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne Sport. Konträr hierzu berichten Misra et al. (2008) signifikante Verbesserungen von Totalcholesterin (TC), aber nicht von HDL-Cholesterin oder LDL-Cholesterin bei Indern mit Diabetes mellitus Typ II. Ähnlich wie Fahlman et al. (2002) zeigten Misra et al. (2008) ebenfalls eine Reduktion der Spiegel von Triglyceriden durch Krafttraining. Dieser Befund, in beiden Studien unabhängig voneinander erhoben, könnte unter der Annahme, dass erhöhte Triglyceride und nicht erhöhtes Totalcholesterin oder LDL-Cholesterinspiegel ein Kriterium für die Diagnose des metabolischen Syndroms sind, klinisch relevant für die Diagnostik des metabolischen Syndroms sein.

Hypertonie

Bluthochdruck ist die häufigste krankheitsspezifische, vermeidbare Todesursache bei Frauen und die häufigste vermeidbare Todesursache bei Männern aufgrund kardiovaskulärer Erkrankungen in den USA. Menschen sterben allerdings nicht direkt am Bluthochdruck, sondern an den kardiovaskulären Folgeerkrankungen und am Schlaganfall. Wegen der bekannten Blutdruckerhöhung bei starken Muskelkontraktionen, bekannt als Valsalva-Manöver, wurde Krafttraining bisher bei erhöhtem Blutdruck nicht empfohlen. Die Änderungen des Blutdrucks unter chronischem Krafttraining sind aber grundsätzlich anders als die akuten Effekte. Diese paradoxe Beziehung zwischen akuten und chronischen Effekten von Bewegung ist nicht nur bei Krafttraining und Bluthochdruck bekannt. Zum Beispiel erhöhen sich Herzfrequenz und Laktatspiegel deutlich im Verlauf aerober Bewegungen, fallen jedoch über die Trainingsperiode deutlich ab.

Das Risiko, eine kardiovaskuläre Erkrankung zu entwickeln, verdoppelt sich mit jeder Blutdruckzunahme von 20/10 mm HG, beginnend bei einem Blutdruck von nur 115/75 mm Hg. Daher sollte der Blutdruck eher als Kontinuum angesehen werden, anstatt eine Einteilung in Kategorien vorzunehmen. Systolische Blutdrücke zwischen 120 und 139 mm HG und diastolische Blutdrücke zwischen 80 und 89 mm HG wurden zuvor als normal angesehen, werden jetzt aber als Prä-Hypertonie bezeichnet und laut epidemiologischen Studien ist es für diese Population wahrscheinlich, dass sie innerhalb von 4 Jahren Bluthochdruck entwickeln.

Daher wurde in den letzten Jahren den Interventionen mehr Aufmerksamkeit geschenkt, die den Blutdruck bei Individuen reduzieren, die sich noch in einem Prä-Hypertonie-Status befinden. In diesem Zusammenhang haben wir gezeigt, dass ein Krafttraining gegen einen hohen Widerstand mit hoher Wiederholungszahl den Ruheblutdruck bei älteren Männern und Frauen, die bereits Blutdrücke im höheren Bereich der Prä-Hypertonie haben (120-139 und/oder 80-89 diastolisch), senken kann. Dieser Effekt war mindestens zwei Tage nach dem Training noch nachweisbar. Dieser gesenkte diastolische Blutdruck führte dazu, dass die Männer aus der Prä-Hypertonie-Gruppe nun im Normalbereich lagen. Wir untersuchten auch den Effekt von Gen- Profilen (Genotypen) auf die Blutdruckreaktion nach Krafttraining. Ältere Männer und Frauen mit spezifischen Genprofilen, der Gene, die Proteine kodieren, die den Blutdruck regulieren, profitierten stärker von einer Blutdruckreduktion des Ruheblutdrucks nach Krafttraining als solche, die andere Genotypen am selben Ort exprimieren. Daher kann der Effekt von Krafttraining auf den Blutdruck möglicherweise vom Genotyp abhängen.

Die offizielle Meinung des Amerikanischen College für Sportmedizin besagt, dass Sport und Krafttraining den Blutdruck bei Gesunden, Prä-Hypertensiven und Hypertensiven signifikant reduzieren. Zu diesem Konsens haben
weitere Arbeiten noch mehr Informationen hinzugefügt. Zum Beispiel haben Cornelissen und Fagard Daten von 9 randomisierten, kontrollierten Studien in einer Metaanalyse auf Effekte von Krafttraining auf den Blutdruck untersucht. Krafttraining reduzierte hiernach den systolischen Blutdruck um 3,2 mm Hg (grenzwertig signifikant), den diastolischen Blutdruck um 3,5 mm Hg, wenn die Zahl der Studienteilnehmer als Gewichtungsfaktor genommen wurde. Diese Änderungen waren noch größer, wenn die Variation der Änderung des Blutdrucks als Gewichtungsfaktor genommen wurde (6.0 mm Hg Reduktion des systolischen Blutrucks; und 4.7 mm Hg Reduktion des diastolischen Blutdrucks). Allerdings wurden aus Studien mit an Hypertonie erkrankten Patienten nur geringere Änderungen berichtet. Dennoch haben die Ergebnisse bei Gesunden große gesundheitliche Bedeutung, denn ein Großteil der kardiovaskulären Erkrankungen tritt bei Menschen mit Prä-Hypertonie auf und die Gesamtmorbidität und -letalität einer Population wird bereits durch eine geringe Senkung des Ruheblutdrucks reduziert.

Fazit

Geringe Muskelmasse und -kraft sind mit dem metabolischen Syndrom und Diabetes mellitus assoziiert. Folgende Schlussfolgerungen können zur Effektivität von Krafttraining als Gegenmaßnahme gegen das metabolische Syndrom
gezogen werden:

1. Es ist eine effektive Intervention, um die Insulinresistenz zu reduzieren und vergleichbar gut wie aerobes Training.

2. Es könnte in Verbindung mit aerobem Bewegungstraining den Beginn des Einsetzens einer altersbedingten abdominellen Adipositas durch die Prävention oder Umkehr der altersbedingten Verlangsamung des Ruhestoffwechsels verzögern. Bedingt durch seinen relativ geringen Energieverbrauch, scheint es allerdings weniger geeignet, um Fettgewebe unabhängig von der Ernährung zu reduzieren als aerobes Bewegungstraining.

3. Es scheint keine konsistente Verbesserung der Lipid-, Lipoprotein-Profile zu bewirken, aber es scheint die Triglyceridspiegel im Blut zu senken, ein Kriterium für die Diagnose des metabolischen Syndroms.

4. Es führt zu geringfügigen Senkungen des systolischen sowie des diastolischen Blutdrucks, aber diese Wirkung könnte möglicherweise vom jeweiligen Genotyp abhängig sein.

benhur@umd.edu

Ausgabe MSN 3 / 2010

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 3 / 2010.
Das komplette Heft zum kostenlosen Download finden Sie hier: zum Download

Der Autor:

Weitere Artikel online lesen