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Ich will Spaß am Sport

Sportmedizin & Laufsport

Obwohl Laufen eine der gesündesten Sportarten überhaupt ist, drückt Marathonläufer oft mehr als nur der Schuh. Vom kleinen Wehwehchen bis hin zur lebensbedrohlichen Situation gehört alles zum üppigen Repertoire der Zwischenfälle bei einem Marathonlauf. Also wohl dem, der sich vorher auf Risiken und Gefahren einstellt und ihnen durch angemessenes Verhalten schon im Vorfeld zu begegnen versucht.

Kann man beim Laufsport sein Herz über­fordern? Ist ein medizinischer Check sinnvoll oder gar notwendig?

Fraglos ist ein medizinischer Check nicht nur sinnvoll, sondern unverzichtbar, wenn ein Marathonnovize an den Start geht. So empfehlen es Sportmediziner weltweit. In etlichen Ländern kann gar keine Startnummer erworben werden ohne eine aktuelle ärztliche Unbedenklichkeitsbescheinigung.
Ein gesundes Herz kann unter normalen Umständen nicht überfordert werden, ein krankes hingegen sehr wohl. Und auch ein junges, an sich gesundes Herz kann vorübergehend einmal krank sein. Es sind derartige, vom Läufer nur zu gern bagatellisierte Gesundheitsstörungen wie z.?B. ein Infekt (dazu zählt auch die „banale“ Grippe!), aber auch zuvor unerkannte Probleme (ein Herzfehler, Veränderungen der Herzkranz­gefäße etc.), die für die Mehrzahl der erschreckenden Bilder bei Marathonläufen verantwortlich sind.
Überforderung kann dem Herzen allerdings auch drohen, wenn Medikamente eingenommen werden müssen oder zur Leistungssteigerung eingesetzt werden (Doping). Die für das gesunde Herz geltenden Sicherheitsreserven werden dann ggf. außer Kraft gesetzt, sodass der Organismus unter ungünstigen Bedingungen (z.?B. Hitze plus hohe Luftfeuchtigkeit) und bei hoher Motivation – vielleicht gar übersteigertem Ehrgeiz?? – „aufs Ganze“ geht. Möglicherweise mit fatalen Folgen.

Was erlebt ein Körper während eines ­Marathonlaufs und wie gesund ist das?

Während eines Marathonlaufes gelangt der Organismus vieler Teilnehmer an seine Grenzen. Die Energiedepots werden sehr stark ausgeschöpft, der Flüssigkeits-haushalt gerät durch­einander, ggf. werden viele Elektrolyte (Salze) verloren, das Immunsystem wird stark belastet und gegebenenfalls erheblich geschwächt und nicht zuletzt werden Muskeln und ­Gelenke einem extremen Härtetest unterzogen. All das ist natürlich nicht gesund. Aber ein Marathonlauf wird ja nicht bestritten, um von diesem einen Lauf an diesem einen Tage gesundheitlich zu profitieren.
Der gesundheitliche Benefit gilt in fast uneingeschränktem Maße für das zuvor über Monate oder Jahre durchgeführte, regelmäßige, möglichst optimal angepasste Training. In der richtigen Dosierung absolviert, stellt diese Form der Bewegung neben Nichtrauchen und gesunder Ernährung die wichtigste Maßnahme dar, die ein Mensch heutzutage überhaupt für seine Gesundheit ergreifen kann.
Der unschätzbare Wert des Marathons liegt letztlich in seiner Motivationskraft. Für viele Menschen ist er ein einmaliges Grenzerlebnis, erfüllt Wünsche, die das Leben ansonsten nicht bereit hält und wird zur ganz entscheidenden Triebfeder bei der gesundheitsorientierten Lebensumstellung. Und das für Hunderttausende von Läufern weltweit. Mehr kann man kaum verlangen.

Gehört der Muskelkater, den man nach ­einem Marathonlauf spürt, auch zu den Symptomen körperlicher Überforderung?

Ja, denn der Muskelkater ist Resultat einer Vielzahl von Mikroverletzungen, die durch sog. exzentrische Muskelbelastungen entstehen. Darunter versteht man Bewegungen, bei denen sich Ursprung und Ansatz eines Muskels oder einer Muskelgruppe voneinander entfernen, obwohl sich der Muskel gleichzeitig anspannt (also eigentlich zusammenziehen soll). Bei der ­exzentrischen Kontraktion wird der Muskel also gedehnt und muss diese Dehnung gleichzeitig bremsen – wie beispiels­weise beim Bergabgehen, von dem jeder Bergwanderer weiß, dass
es im Nachhinein erheblich anstrengender ist als das Bergaufgehen.
Wenn Muskelkater vorliegt, finden sich winzige Verletzungen in der Muskelfaser (an den sog. Z-Scheiben), die einige Tage benötigen, um vollständig abzuheilen. Die während dieser Zeit verspürten Schmerzen sind vermutlich auf die begleitende Schwellung der Muskelzelle (Zellödem) zurück zu führen. Sanftes Bewegen (Gehen, Radfahren, Aqua Jogging, Schwimmen) lindert die Schwellung und vermindert daher auch den Schmerz.

Wie sollte die Regeneration nach einem Marathon aussehen (Art der Regeneration, Dauer bis zur Erholung)? Wie viele ­Marathonläufe verträgt der Mensch in einem Jahr?

Bis zur vollständigen Erholung nach einem Marathonlauf vergeht eine geraume Zeit. Nicht von ungefähr laufen die wirklich Besten der Welt pro Jahr maximal 2 Marathonläufe, manchmal sogar nur einen. Oder sie legen ein Zwischenjahr ein, in dem sie gar nicht an den Start gehen. Insbesondere die Veränderungen des Immunsystems sind oft tief greifend und halten über Wochen, im Extremfall sogar Monate an. In der Phase der immunologischen Beeinträchtigung spricht man vom „Open Window“, einem Effekt, der die verstärkte Öffnung des Organismus gegenüber schädigenden Einflussfaktoren (z.?B. Krankheitserregern) charakterisieren soll. Die Dauer der Schwächung unterliegt individuell erheblichen Abweichungen, abhängig vom Trainingszustand, den Witterungsbedingungen, dem Laufverhalten (Ausbelastungsgrad) usw..
Neben den körperlichen Nachwirkungen des Marathons, die wir auch mit den besten Unter­suchungsmethoden noch nicht vollkommen und bis in den letzten Winkel des Organismus hinein exakt nachweisen können, spielen auch die psychischen Regenerationsfaktoren eine große Rolle. Darum gibt es eine ganze Reihe von Spitzenathleten, die nur 2 oder 3 Marathonläufe in ihrer Karriere im absoluten individuellen Höchstleistungs­bereich gelaufen sind.

Wie kann man seinen Körper (mechanisch) optimal auf die Belastung eines Marathonlaufes ­vorbereiten?

Körper und Psyche benötigen eine intensive, zeitlich ausreichend dimensionierte Vorbereitung, bis ein Marathonlauf problemlos absolviert werden kann. Das „Finishen“ ist für viele sportliche Menschen eigentlich kein Problem, das Finishen bei maximaler Ausschöpfung der eigenen Reserven hingegen schon. Wobei in diesem Zusammenhang immer die Frage nach der Sinnhaftigkeit gestellt werden muss.
Neben dem regelmäßigen Lauftraining in ausreichend ­hohem Kilometerumfang gehören die langen, ruhigen Läufe (Long Jogs) hinzu, die für die Einstimmung von Körper und Geist auf die lang dauernde Belastung immens wichtig sind. Darüber hinaus sollten aber auch die Schutzfaktoren für den Bewegungsapparat ihren Platz haben, Kraft, Beweglichkeit, Koordination. Gute Athleten bauen daher eine gezielte Kräftigungsgymnastik, regelmäßiges Stretching und Laufschule (Lauf-ABC) in ihr Vorbereitungsprogramm ein und scheuen sich nicht, in die Vorbereitung reichlich alternative Sportarten einzubauen (Nordic Walking statt Long Jog; Radfahren zum schonenden Stoffwechseltraining usw.).

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Marathontourismus (Marathon für Breitensportler) eine Welt umfassende Bewegung geworden ist, die erhebliche Einflüsse auf die Lebensgestaltung vieler Menschen entfaltet. Diese Einflüsse lassen sich problemlos in ein gesundheitsorientiertes Freizeitverhalten integrieren – wenn Voraussetzungen und Rahmenbedingungen stimmen. Dann – und nur dann – ist der ­Marathon in seiner positiven Gesamtwirkung unschlagbar.

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Thomas Wessinghage:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/6577

Ausgabe MSN 2 / 2007

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 2 / 2007.
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