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Dopingaffäre im Radsport

Der Schock, dass Jan Ullrich nicht an der letzten Tour de France teilnehmen durfte, saß beim Fernsehzuschauer tief. Die Einschaltquoten von ARD und ZDF halbierten sich im Vergleich zum Vorjahr. Die Dopingaffäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes hat den letzten Rest ­Vertrauen in einen sauberen Radsport zerstört. Dabei sind viele Einzelheiten des Skandals nicht einmal ­bekannt. Eufemiano Fuentes war in seiner Vergangenheit Teamarzt bei den Rennställen Kelme, ONCE und Liberty Seguros. Es ist leicht vorstellbar, welcher Umgang mit Dopingmitteln in diesen Teams gepflegt wurde. Von der Wirksamkeit seiner Dopingmittel und Dopingpraktiken überzeugt, hat Herr Fuentes auch ein Bonussystem für die Entlohnung seiner Leistung entwickelt. So schlugen Platzierungen von gedopten Sportlern bei großen Rundfahrten mit zusätzlichen finanziellen Leistungen durch den Sportler an Eufemiano Fuentes zu Buche.

Bevor auf die Geschichte des Dopings im Radsport einge­gangen werden soll, muss eines klar gestellt werden. Gedopt wird in allen Sportarten und dass ein großer Teil der Medien seine Berichterstattung einzig auf den Radsport konzentriert, gibt ein verzerrtes Bild der Realität wieder. Alleine ein kurzer Blick auf die verschiedenen Dopingskandale bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen zeigt, dass auch in der Leichtathletik von einem sauberen Sport keine Rede sein kann.
Eine Untersuchung von Dopingvorfällen in der Leichtathletik ­zeigt, dass in den Jahren 1999–2004 über 180 Sportler des Dopings überführt wurden. Unter ihnen waren 7 Weltrekordler, 8 Olympiasieger, 16 Weltmeister, 9 Kontinentalrekordler, 11 Kontinentalmeister, 25 National­rekordler und 14 Nationalmeister. Schwimmen, Reitsport, Fußball, Football, Tennis – ­alle diese Sportarten haben ­massive Dopingprobleme und ein gewichtiger Grund warum dies nicht publik wird ist, dass sich die Medien auf der Suche nach Dopingskandalen zumeist auf den Radsport konzentrieren.

Die Leistungsmanipulation durch Medikamente und Drogen hat im Radsport eine lange Tradition. Nicht immer konnte dies als Doping bezeichnet werden, denn Doping ist eine ­juristische Konstruktion. Erst wenn ein Mittel vom jeweiligen Sportverband als verboten definiert wird, kann ein Sportler beim Gebrauch dieses Mittels auch als Dopingsünder überführt werden. Ein Leistungssteigerndes Mittel, welches nicht verboten ist, darf von jedem Sportler benutzt werden.
Im Radsport gab es lange Zeit keine Dopinglisten. Dies führte dazu, dass die Leistungsmanipulation ebenso zum Sport gehörte wie das Training. Mischungen aus Kokain und Morphium waren Ende des 19. Jahrhunderts ebenso normal wie unterschiedlichste Kombinationen aus Alkohol, Kaffee, Tee, Strychnin, Opium, Nitroglyzerin und Äther. Diese ­umfangreiche Auswahl an Manipulationsmitteln ist dem
Umstand geschuldet, dass Doping unterschiedliche Aufgaben erfüllt. So eigenartig die Zusammenstellung der verschiedenen Stimmulanzien auch erscheint, so lässt sich doch mit jedem von ihnen genau ein Effekt herstellen. Die Verschiebung der Leistungsgrenze. Während Kaffee, Tee und Kokain wach machen, dienten Äther und Opium dazu die Schmerzen während eines Rennens erträglich zu halten. Das Doping in den frühen Jahren des Radsportes erfolgte zumeist experimentell. Die Folgen dieses Umgangs mit Drogen unter Extrembelastungen war, dass oftmals Sportler auf der Strecke vom Rad fielen. Vereinzelnd kam es zu Todesfällen, von ­denen der Engländer Tom Simpson der Prominenteste ist. Tom Simpson kollabierte und verstarb kurz danach am ­Anstieg zum Mont Ventoux während der Tour de France 1967. Bei der Obduktion stellte sich heraus, dass er zuvor einen ­Amphetamin-Cocktail zu sich genommen hatte.

Im Laufe der Zeit setzte sich die wissenschaftliche Forschung gegen das Experimentieren durch und Dopingmittel gewannen an Effizienz. Zum einen Teil ist dies auch auf die systematischen Dopingprogramme zurück zu führen, wie sie im Rahmen des kalten Krieges von Staaten des Ost- und Westblocks durchgeführt wurden. Zum anderen Teil erkannten Ärzte und medizinische Institute, dass mit der professionellen Leistungsmanipulation von Sportlern Geld zu verdienen ist. Die wohl bedeutendsten Schritte zur Professionalisierung des Dopings im Radsport waren die Entwicklung des Blutdopings und die Verwendung von EPO. Beide Methoden der Manipulation führen zu einer signifikanten Erhöhung der Ausdauerfähigkeit. Wissenschaftliche Studien gehen von ­einer Steigerung der Leistungsfähigkeit von bis zu 10?% aus. Durch den Gebrauch von EPO verdickt sich jedoch auch das Blut. In den Jahren 1987–1992 starben 18 holländische und belgische Radfahrer sowie 7 schwedische Läufer an Herzversagen. Es ist relativ wahrscheinlich, dass diese Todesfälle auf den massiven Missbrauch von EPO zurück zu führen sind.

Woraus erklärt sich die Dopingkultur im Radsport? Zum großen Teil ist sie auf den extremen Konkurrenzdruck ­zwischen den Athleten zurück zu führen. Es ist davon auszu­gehen, dass jeder der Topathleten im Radsport vollständig austrainiert
ist und seiner Ernährung als auch seiner ­medizinischen Betreuung erhebliche Aufmerksamkeit schenkt. Wenn jedoch durch Dopingmittel ein Leistungsvorteil von bis zu 10?% ­erreicht werden kann, dann ist ein sauberer Sportler kaum in der Lage, wichtige Rennen zu gewinnen. Doping ist in diesem Augenblick eine reaktive Maßnahme. Gedopt wird nicht mehr um einen Vorteil, sondern vielmehr keinen Nachteil gegenüber den Konkurrenten zu haben. Wenn alle ­Sportler auf Dopingmittel verzichten würden, würde sich möglicherweise an der Rangfolge der Athletenleistungen nichts ändern. Das Dilemma ist jedoch, dass jeder Sportler den Anreiz hat, aus diesem Nichtdoperkartell auszubrechen und sich so einen fast sicheren Sieg zu verschaffen. Dieses Verhalten wird jeder Athlet bei seinen Konkurrenten antizipieren und so ebenfalls auf Dopingmittel zurückgreifen. Ökonomen sprechen in ­diesem Zusammenhang von einem Gefangenendilemma. Alle würden sich besser stellen, wenn sie kooperieren, jedoch hat jeder Einzelne den Anreiz, sich nicht an die Kooperations­vereinbarungen zu halten.
Es wäre Aufgabe der Teams und der Verbände rücksichtslos gegen das Doping vorzugehen, um so eine Situation herzustellen, in welcher jeder Athlet darauf vertrauen kann, dass sein Konkurrent nicht gedopt ist. Erst dann wird es einen sauberen Radsport geben. Solange jedoch in den führenden Radteams der Welt ehemalige Dopingsünder als sportliche Leiter arbeiten, scheint diese Zeit noch nicht gekommen zu sein.

Frank Tolsdorf

Ausgabe MSN 2 / 2007

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 2 / 2007.
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