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Tai Chi Chuan - Fernöstliche Synthese

Tai Chi Chuan (Taijiquan) ist eine alte chinesische Kampfkunst, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts auch im Westen bekannt wurde. In der öffentlichen Wahrnehmung steht der Aspekt der Entspannung und der „Meditation in Bewegung“ im Vordergrund. Es wäre jedoch falsch, diese östliche Bewegungskunst allein auf diese Themen zu reduzieren.

Als ein Bewegungssystem, das gelenkschonend, geschmeidig, natürlich und dennoch hocheffektiv und kraftvoll ist, hat sich Tai Chi heute zu einem festen Bestandteil vieler präventiver und rehabilitativer Einrichtungen und Behandlungskonzepte entwickelt. Das Übungsgut trainiert die flexible (dynamische) Stabilität des Körpers in Ruhe und Bewegung. Dies führt zu fließenden und sehr ökonomischen Bewegungsmustern, die den gesamten Körper durchfließen, beginnend in den Füßen (die „Wurzel“), über die Körpermitte (das Zentrum „Dan tien“) bis in die Arme und Hände – wie eine Welle.

Tai Chi in der orthopädischen Reha

Viele gesundheitliche Wirkungen sind bereits durch Studien untersucht und bestätigt worden wie z.B. positive Effekte auf das Herz-Kreislauf- System, die Atmung, die Koordination und die Beweglichkeit. Gerade bei der Rehabilitation
von Fuß-, Knie-, Hüft- und Wirbelsäulenbeschwerden (sowohl konservativ als auch postoperativ) sind die Prinzipien des Tai Chi aus orthopädischer Sicht hervorragend geeignet. Das Training verbessert hier insbesondere die
Körperwahrnehmung, die Koordination, die Beweglichkeit und Stabilität sowie die Haltung der Übenden. In den orthopädischen Nachbehandlungskonzepten des Medical Parks Bad Wiessee St. Hubertus werden die Tai Chi-Prinzipen und
Übungsvarianten schon seit Jahren erfolgreich eingesetzt. Verspannte Muskeln werden wieder flexibel und beweglich, tiefe Muskelpartien reaktiviert und muskuläre Dysbalancen ausgeglichen. Im Grunde profitiert der gesamte Bewegungsapparat nachhaltig vom regelmäßigen Üben der Tai Chi- Formen.

Am Beispiel der Rehabilitation von konservativ behandelten Bandscheibenläsionen lassen sich im Einzelnen die folgenden positiven Wirkungen beschreiben:

> Training der sensorischen Druckwahrnehmung über die Fußsohle als Grundlage der dynamischen Stabilität des gesamten Körpers. Hier finden sich therapeutische Entsprechungen und deutliche Verbindungen zu den Prinzipien der Biomechanik und Gewebelehre, wie sie in der manuellen Therapie, medizinischen Trainingstherapie und der Spiraldynamik gelehrt werden.

> Reduzierung von Rückenbeschwerden durch das Training der tiefen segmentalen Stabilisation, der Beweglichkeit und der Bewegungsharmonie.

> Positiver Einfluss auf die Körperwahrnehmung, insbesondere auf die Stellung der Wirbelsäule, wodurch Fehlhaltungen korrigiert und Bewegungsabläufe optimiert werden.

> Verbesserung der dreidimensionalen Positionierung des Körpers im Raum in Ruhe und Bewegung.

> Fließende und harmonische Bewegungen durch den ständigen Wechsel von Spannung und Entspannung („Dehnen/Stretch“ und „Entdehnen/ Unstretch“). Die Bewegungen sind durch die Betonung der exzentrischen Muskelarbeit ökonomischer und weniger belastend für den Bewegungsapparat.

Insbesondere der Effekt der Tai ChiÜbung auf die segmentale Stabilität der Lendenwirbelsäule soll hier hervorgehoben werden. Die Lendenwirbelsäule wird in erster Linie von den tief liegenden Muskeln (Mm. multifidii/rotatores, m. transversus abdominis und der Beckenbodenmuskulatur) stabilisiert. Der klassische trainings- und physiotherapeutische Ansatz besteht hier darin, diese Muskelgruppen durch geschickte Übungsanweisung bewusst zu kontrahieren und somit eine Muskelspannung zu erzeugen, die segmentale Stabilität kreiert. Im Tai Chi hat diese Körperregion zentrale Bedeutung (das Zentrum „Dan tien“). Hier wird der Übende jedoch aufgefordert, die entsprechenden Muskeln „loszulassen“, zu verlängern und so eine Volumenvergrößerung im Zentrum zu erzielen, die so genannte abdominale Druckblase. Durch diese elastische (exzentrische) Dehnung (Trampolin- oder Therabandprinzip) der angesprochenen Muskeln erreicht das System ebenfalls eine hohe segmentale Stabilität. Die richtige Positionierung des Beckens im Tai Chi führt zu einer druckstabilen Situation im Zentrum, Beckenboden und m. transversus abdominis sind exzentrisch gespannt, die tiefen Rückenmuskeln sowie die thorakolumbale Faszie ebenfalls.
Diese Variante der segmentalen Stabilisation erfordert in der Praxis viel Übung und Vertrauen, ist aber, wenn sie gelingt, weitaus effektiver und im Energieverbrauch ökonomischer als die klassische Technik der Kontraktion. Außerdem lässt sie viel mehr Freiheitsgrade in der Bewegung zu als die bewusste Kontraktion. Das soll jedoch
nicht bedeuten, dass das Erlernen der Kontraktionsvariante falsch oder schlecht wäre, im Gegenteil, sie zu beherrschen ist von großem Vorteil. Aber sie ist eben nicht die einzige Variante, die langfristig zu einer stabilen Lendenwirbelsäule führt.

Fazit

Aus orthopädischer Sicht eignet sich Tai Chi als einzigartige Synthese von positiven biomechanischen Bewegungsaspekten, meditativen Elementen, konzentrationsfördernden Übungstechniken und der bewussten Atemführung somit hervorragend, um im Einzelunterricht oder in kleinen Patientengruppen die „natürliche Bewegung“ wiederzuentdecken, die wir aufgrund unseres individuellen Alltags allzu oft „vergessen“ haben.

MPH.Sportreha@medicalpark.de

Ausgabe MSN 4 / 2010

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 4 / 2010.
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