Lebensqualität für Dialysepatienten
– die nephrologische Forschung ist keine „Doping-Schmiede“
Seit der Synthese von Hormonen am Labortisch in den 30er Jahren ist medikamentöses Doping im Sport leider Realität. Bis heute wurde und wird eine große Zahl von Medikamenten und Substanzen zum Doping verwendet:
(anabole) Steroide und Hormone, Psychopharmaka wie Hypnotika und Sedativa, Stimulanzien, Narkotika, Diuretika und alle ihnen verwandte Stoffe.
Schwerkranke Menschen brauchen neue Therapien– weitere Forschung ist daher wichtig
Doping, also der Einsatz leistungssteigernder Mittel bei Gesunden, ist nicht nur unfair und „unsportlich“, sondern kann für die Sportler sogar lebensgefährlich sein. Das Medikament Erythropoetin (Epo) kann bei gesunden Menschen Bluteindickung, Bluthochdruck mit Gefahr von Herz-, Hirn- und anderen Organinfarkten bzw. Durchblutungsstörungen und Thrombosen verursachen, während es für chronisch kranke Menschen wie Dialyse- oder Tumorpatienten eine segensreiche Möglichkeit ist, mit ihrem Leiden zu leben. Die verminderte renale Erythropoetin-Produktion dieser Patienten führt zur chronischen Anämie, die nicht nur mit Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Infektanfälligkeit und Luftnot einhergehen kann, sondern mit einer dramatisch erhöhten Mortalität korreliert. Epo wurde zur Anämie-Therapie entwickelt, also zur Substitution bei unzureich-
ender körpereigener Produktion (z.B. in der Nephrologie und Onkologie)- und erspart den Patienten die Vielfach-Transfusionen mit Infektions- und Anaphylaxierisiko und dem Risiko der Antikörperbildung, die oftmals einen späteren Transplantationserfolg bei Dialysepatienten vereitelte.
Da es aber auch Patienten mit Epo-Resistenz oder -Kontraindikationen gibt, muss auch auf diesem Gebiet weiter geforscht werden. Inzwischen sind beispielsweise Epo-Mimetika entwickelt worden, die allerdings noch keine Zulassung haben. Diese Epo-Mimetika sind nicht mit Epo strukturverwandt, sondern stimulieren den
Epo-Rezeptor allosterisch. Nach den letzten Epo-Skandalen der Tour de France ist zu befürchten, dass das Doping vor neuen Substanzklassen, z.B. Repoxygen, ein viraler Vektor zur Steuerung des Epo-Gens, Epo-Mimetika oder Epo-Biosimilars (Nachahmerpräparate) nicht Halt macht.
Oft wird der Unmut darüber geäußert, dass trotz Mißbrauch weiterhin an neuen Substanzen geforscht wird. Diese Forschung wird aber nicht in Hinblick auf eine mögliche illegale Anwendung betrieben, sondern im Hinblick darauf, die Lebensqualität von schwerkranken Patienten zu steigern. Bei jährlich
über 17.000 neuen Dialysepatienten in Deutschland (insgesamt fast 70.000) ist weitere Forschung unabdingbar. Die Zahl skrupelloser Leistungssportler, die sich durch diese Substanzen einen unfairen Vorteil verschaffen wollen, ist im Vergleich dazu gering und kann auch nicht für die forschende Industrie wirklich interessant sein.
*Neue Therapie-Option zur Leistungssteigerung bei schwerkranken Patienten:
Wachstumshormone*
Dialysepatienten entwickeln langfristig oftmals eine Störung verschiedener hormoneller Regelkreise und eine schwere Malnutrition (geringe Nahrungsproteinzufuhr bei chronischem Katabolismus und persistierender Inflammation). So korrelieren bei Urämikern messbare Malnutritions-Parameter (z. B. Protein/ Serumalbumin) mit Mortalität und Morbidität. Bei multimorbiden Patienten, in der Geriatrie oder Dialyse, stellt die additive Gabe von Wachstumshormon (und ggf. bestimmter anaboler Steroide) einen neuen Therapieansatz dar, um Proteinsynthese und Serumalbuminspiegel, Trockenmasse, bzw. Muskelmasse und -kraft und Lebensqualität zu steigern.
2008 wurde eine groß angelegte, prospektive, randomisierte klinische Studie angekündigt, die den Effekt von Wachstumshormonen (WH) bei Dialysepatienten anhand klinischer Endpunkte wie Mortalität, Morbidität (z. B. Klinikaufenthalte, kardiovaskuläre Komplikationen), Leistungsfähigkeit und HRQoL (health-related quality of life), einschließlich Markern wie Gesamtkörperprotein oder Inflammationsgeschehen auswerten sollte.
2.500 Patienten sollten in 22 Ländern einbezogen werden und über 2 Jahre randomisiert entweder WH (20 µg/kg/d) oder Placebo erhalten. Bedauerlicherweise wurde diese Studie im November 2008 abgebrochen, da der Sponsor der Studie sein finanzielles Engagement nicht aufrecht erhielt. Somit bleibt die durch experimentelle Studien genährte Hoffnung, dass niedrig dosiertes Wachstumshormon bei chronischer Niereninsuffizienz z. B. die Herzfunktion verbessern kann (Verbesserung der Kapillarisierung, Reduktion des Kollagen- und Fibroblastenvolumens) und eventuell die Mortalität senkt, letztlich noch unbewiesen.
Wachstumshormone: Kein „Doping“ für Kranke, sondern Therapie
Das für uns Nephrologen Interessante war und ist, dass hier nun endlich ein effizientes, therapeutisches Mittel für unsere Patienten zur Verfügung stehen könnte, dessen Missbrauchspotenzial neueren Studien zufolge hingegen als Dopingmittel als sehr gering einzustufen ist.
Bei Dialysepatienten könnte die WH-Therapie anabol, lipolytisch und kohlenhydrateinsparend wirken. Der Proteinkatabolismus wird vermindert, Muskelmasse und -kraft gesteigert, mortalitätsassoziierte Ernährungsmarker (z.B. Serumalbumin, Harnstoff, Trockenmasse) verbessern sich, kardiovaskuläre Risikofaktoren werden reduziert (z.B. Transferrin, HDL, Homocystein), die HRQoL steigt.
Ganz anders verhält sich dies bei gesunden Sportlern, wie eine Studie des australischen Garvan-Instituts demonstrierte: Athleten, die glaubten, dass sie ein Wachstumshormon erhalten hatten, zeigten zwar eine verbesserte Leistung [3, 4], eine objektive Auswertung der Leistung der tatsächlich mit WH „gedopten“ Sportler zeigte hingegen keinen Effekt [5, 6]. Bei gesunden Menschen scheint also lediglich der Placeboeffekt und nicht die tatsächliche biochemische Wirkung zur Leistungssteigerung zu führen – und diesen „Nulleffekt“ bezahlen die Sportler dann mit hohen gesundheitlichen Risiken, z.B. Weichteilödemen, Erschöpfungszeichen, Arthralgien und Karpaltunnelsyndrom [6]. Auch sollte man daran denken, dass die Karzinogenese von Wachstumshormonen und -faktoren gesteuert wird, eine Erhöhung der Hormonkonzentration also durchaus mit einem erhöhten Krebsrisiko einhergehen könnte.
Wer dopt, handelt nicht nur illegal, sondern setzt auch seine eigene Gesundheit aufs Spiel. Zudem gefährdet er den Ruf der Sportart, die er ausübt, und letzten Endes auch den der Medizin. Denn häufig gerät dann, wenn mehrere Dopingfälle in den Medien enthüllt werden, die Forschung ins Kreuzfeuer der Kritik. Diese Forschung ist aber wichtig, im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtig – und zwar zum Wohle der zig hunderttausend schwerkranken Krebs-, Dialyse- und anderen Patienten – und sollte nicht wegen des Missbrauchs durch einige kurzsichtig und eigennützig agierende Sportler in Verruf geraten
Prof. Dr. Jan Galle
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