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Fußball - Von der volkstümlichen Spielkultur zum modernen Sport

König Fußball

Die Verwandlung traditioneller Volksspiele zum modernen Sport hat das Fußballspiel in einer geradezu idealtypischen Weise vollzogen. Am Anfang
steht die wilde, weitgehend regellose, nicht zwischen Zuschauern und Spielern trennende volkstümliche Spiel- und Festkultur Englands, die schon im Mittelalter
als Gefährdung der öffentlichen Ordnung angesehen und deshalb immer wieder
von der staatlichen Obrigkeit mit Verboten belegt wurde.

Dieses rauhe, kämpferische Spiel wurde im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts von den bürgerlichen Eliten aus seinem ursprünglichen Entstehungskontext abgekoppelt, einem grundlegenden Bedeutungswandel unterworfen und an den Public Schools in ein eigenständiges, auf Erziehung, männliche Charakterbildung und Körperdisziplinierung ausgerichtetes System konkurrenzorientierter Übungen und Spiele transformiert. In diesen internatsmäßigen Einrichtungen wurde das vormals brutale und verletzungsreiche Gegeneinander der Schüler erfolgreich durch eine Konkurrenzethik, den Fairplay-Gedanken, domestiziert und zivilisiert. Auf dieser Grundlage konnte anschließend eine jenseits des Erziehungssystems angesiedelte Sportart mit eigenen Organisationen entstehen, die national und international geltende Regeln definierte und schriftlich fixierte, räumliche Grenzen und zeitliche Limitierungen des Spielablaufs genau festlegte, die Sozialfigur des intervenierenden Dritten, des Schiedsrichters, strukturell in das Spielsystem einbaute, eine scharfe Trennung zwischen Akteur und Publikum vornahm, das Aggressionspotenzial der Spieler einer sozialen Kontrolle unterwarf, bei Verfehlungen Sanktionen verhängte sowie körperliche und taktische Fertigkeiten anstelle von Gewalt und Stärke belohnte.

So entstand aus einem in England und auf den äußeren Inseln auf lokaler Ebene zwischen Dörfern, Zunftmitgliedern,
Sippen oder anderen Gemeinschaften ausgetragenen frühneuzeitlichen Volksspiel durch Prozesse der Spezialisierung, Verregelung und Organisationsbildung ein in Ligen durchgeführter, auf Sieg und Niederlage, Auf- und Abstieg ausgerichteter Wettbewerbssport, der ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Autonomie gewann und anschließend einen weltweiten Siegeszug antrat und bis heute die Massen begeistert. In Europa, Südamerika und Afrika wurde das Fußballspiel nach seiner Etablierung als organisierte Wettkampfsportart anfänglich
über Missionare, Priester, Lehrer, Fernreisende, Händler, Seeleute und Soldaten verbreitet und popularisiert. Nur in den USA ist »soccer« aufgrund der Dominanz bereits etablierter Sportarten wie Football, Baseball, Basketball, Eishockey, Pferderennen, Boxen und Motorsport relativ marginal geblieben.

Lediglich an den dortigen Schulen und Universitäten erfreut sich das Fußballspiel einer großen Beliebtheit, insbesondere bei jungen Mädchen und Frauen. Beobachter gehen allerdings davon aus, dass sich die Reputationshierarchie der Sportarten in den USA unter dem Einfluss der massiven Einwanderungsströme aus Mittel- und Südamerika in den nächsten Jahrzehnten verändern könnte.
In Deutschland traf der Fußballsport zunächst auf den erbitterten Widerstand der Turner, denen das Geschehen auf
dem Rasen als »englische Krankheit« und als ekelerregende, undeutsche »Fußlümmelei « (Planck 1898) erschien. Die deutsche Turnerschaft lehnte die sportliche Wettbewerbs-, Leistungs- und Rekordorientierung strikt ab und setzte vielmehr auf straffe Körperdisziplin und nationale Gesinnung – mit der Konsequenz, dass viele Turner die Vereine verließen und sich dem Fußball und anderen Sportarten zuwandten. Erst 1923 fusionierten Turnen und Sport. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wurde am 28. Januar 1900 in Leipzig gegründet. Mit ca. 26000 Vereinen und 6,3 Millionen Mitgliedern ist er heute der größte Dachverband im Deutschen Olympischen Sportbund.

bette@ifs-tud.de

Foto: © olly - Fotolia.com

MSN 3 / 2010

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe MSN 3 / 2010.
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