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Heldengeschichten im Sport
Heldengeschichten im SportHeldengeschichten handeln typischerweise von Verwandlungen und den Konsequenzen, die sich hieraus für die beteiligten Personen ergeben. Damit ist ein zentraler Topos benannt, den man bereits in den griechischen und römischen Sagen der Antike nachlesen kann. Wie bewährt sich der Einzelne in riskanten und gefährlichen Situationen und welche Transformationen erfährt er auf seiner Abenteuerreise?
Die Helden von Homer und Vergil besaßen übermenschliche Fähigkeiten, die sie sich nicht aufgrund langjähriger Trainingsanstrengungen angeeignet hatten, sondern die ihnen durch Götter vermittelt worden waren. Der Wille nach Ruhm und Ehre war der Antriebsmotor, der sie zu höchsten Leistungen antrieb, manchmal aber auch ins Verderben riss. Unter den Bedingungen des Lebens in modernen Gesellschaften bekommen Verwandlungsgeschichten völlig neue Konturen. In Zeiten, in denen die traditionellen Sinninstanzen an Bedeutung verloren haben und die Suche nach außerweltlichen Heilsgewißheiten für viele Menschen nicht mehr im Mittelpunkt der Lebensführung steht, geht Neben der Heldengeburt und Heldenwerdung durch die positive Veränderung von Personen oder Gruppen sind es die Rückverwandlungen der Sporthelden in Nicht- oder Antihelden, die in den Heldengeschichten des Sports immer wieder auftauchen. Diese zweite Form der Heldenvita erzählt vom Straucheln, Fallen und Scheitern der Akteure. Im Mittelpunkt stehen Sportler oder Mannschaften, die den hohen Erfolgserwartungen nicht entsprechen konnten, die unter dem Druck der Verhältnisse kollabierten und Abschied von ihrer bisherigen Identität als Gewinner nehmen mussten. Andere Rückverwandlungsgeschichten erzählen von Sportlern, die falsche Freunde hatten, ihr Geld fehlinvestierten, mit der Justiz aneinander gerieten, ihre automobilen Statussymbole nach durchzechter Nacht an die Wand fuhren, durch sexuelle Kontakte in Besenkammern Schlagzeilen machten oder ihre vormals glänzende Profikarriere als Pächter von Lotto-Annahmestellen beenden mussten. Die in diesen Abstiegsgeschichten beschriebenen biographischen Wendungen thematisieren die Schattenseiten des sportlichen Erfolgs, die Rückverwandlung der Sieger in situative oder sogar permanente Verlierer. Man denke in diesem Zusammenhang nur an die vielen Geschichten, die bis heute über ehemalige Größen des Sports erzählt werden, und die von Mord, Totschlag, Alkohol- und Drogenexzessen, dramatischen Scheidungen, Mafiakontakten und transformierten Körpern und Psychen handeln.
In den letzten Jahren sorgt die Dopingproblematik immer wieder dafür, dass etablierte Sporthelden in der Öffentlichkeit dramatisch scheitern und ungewollte Metamorphosen erleben. Gefeierte Athleten verwandeln sich dann in Dopingsünder, für die man aufgrund ihrer hartnäckigen Lügen und Täuschungen häufig nur noch Mitleid übrig haben kann. Die Botschaft lautet: Wer sich illegitimer Mittel bedient, um in den Heldenhimmel zu kommen, kann mit Hilfe entsprechender Kontroll- und Degradierungszeremonien aus demselben auch wieder entfernt werden. Sportlernamen werden dann von den Verbänden symbolisch aus Sieger- und Rekordlisten gestrichen. Medaillen und Trikots müssen zurückgegeben werden. Die Dopingkontrolleure erhalten damit den Status professioneller Heldentöter, die mit Hilfe naturwissenschaftlicher Testverfahren in die Tiefen der Heldenkörper hineinschauen, um dort illegitime Abweichungen justitiabel festzustellen.
Eine dritte Kategorie der Heldenvita ergänzt die Darstellungen vom Auf- und Abstieg bekannter Sportgrößen. Es handelt sich hierbei um Geschichten von der Läuterung und Wiederauferstehung vormaliger Sporthelden. Die Grundstruktur dieser Erzählung knüpft an die Berichte vom Misserfolg und Scheitern des Helden direkt an, nutzt diese Beschreibung aber als Ausgangspunkt für die Darstellung einer positiven Rückveränderung: Einzelne Sportler, aber auch ganze Mannschaften ziehen sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ihrer Niederlagen und negativen Verstrickungen heraus. Indem sie hart arbeiten und sich auf ihre frühere Leistungsfähigkeit besinnen, überwinden sie den symbolischen Tod der sportlichen Niederlage. Sie verwandeln sich zurück in Helden und werden durch diese Transformation wieder verehrungswürdig. Ulrike Meyfarth und Franziska van Almsick beispielsweise wurden im Teenageralter Hochsprung-Olympiasiegerin bzw. Schwimm-Weltmeisterin und hatten anschließend eine lange Durststrecke in ihren Karrieren zu überwinden, die von der Häme der zuvor noch verehrenden Boulevardpresse und einiger Funktionäre begleitet wurde. Beide Sportlerinnen kehrten nach Jahren erfolgreich zurück und erreichten in ihren Sportdisziplinen einen Kultstatus. Eine Wiederauferstehungsgeschichte der besonderen Art erzählte kürzlich „Gentleman“ Henry Maske, der nach zehnjähriger Pause für einen einzigen Boxkampf gegen seinen damaligen Gegner, Virgil Hill, in den Ring stieg, um die Schmach der Niederlage im letzten Kampf seiner Profikarriere zeitversetzt zu tilgen. In den Läuterungs- und Wiederauferstehungsgeschichten von Sporthelden ist eine wichtige Botschaft eingespeichert, die auf Breitenwirkung und Nachvollzug ausgerichtet ist: dass es sich nämlich auch nach einer Niederlage lohnt, aufzustehen, den Herausforderungen ins Auge zu blicken und kämpferisch weiterzumachen. Die Zeitdimension wird so narrativ mit der Idee von der Selbstermächtigung des modernen Subjekts verknüpft.
Eine markante Zäsur für die Inflationierung der Heldenverehrung fand in der Bundesrepublik Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts mit der Zulassung der privaten Fernsehsender statt. Diese setzten ganz bewusst auf Sportstars und schufen eine Heldenindustrie, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer von den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten auf eigene Programme und Werbebotschaften zu lenken. Man kann sagen: Die Privaten gingen gezielt dazu über, ein Heldenmanagement zu betreiben. Sie informierten nicht mehr nur über sportliche Höchstleistungen, die auch ohne sie passiert wären, sondern versuchten, Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette: http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/3740 |
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