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Heldengeschichten im Sport

Heldengeschichten handeln typischerweise von Verwandlungen und den Konsequenzen, die sich hieraus für die ­beteiligten Personen ­ergeben. Damit ist ein zentraler Topos benannt, den man bereits in den ­griechischen und römischen Sagen der Antike nachlesen kann. Wie bewährt sich der Einzelne in riskanten und gefährlichen Situationen und welche Transformationen erfährt er auf seiner Abenteuerreise?

Die Helden von Homer und Vergil besaßen übermenschliche Fähigkeiten, die sie sich nicht aufgrund langjähriger ­Trainingsanstrengungen angeeignet hatten, sondern die ihnen durch Götter vermittelt worden waren. Der Wille nach Ruhm und Ehre war der Antriebsmotor, der sie zu höchsten Leistungen antrieb, manchmal aber auch ins Verderben riss. Unter den Bedingungen des Lebens in modernen Gesellschaften bekommen Verwandlungsgeschichten völlig neue Konturen. In Zeiten, in denen die traditionellen Sinninstanzen an Bedeutung verloren haben und die Suche nach ­außerweltlichen Heilsgewißheiten für viele Menschen nicht mehr im Mittelpunkt der Lebensführung steht, geht
es in den zeitgenössischen Helden­geschichten nicht mehr um die Auseinandersetzung zwischen Göttern und Sterblichen, sondern um die Verlockungen und Gefahren, mit denen Menschen in funktional differenzierten Gesellschaften zu rechnen haben. Der Spitzen sport ist für das Erzählen solcher Metamorphosen in besonderer Weise geeignet. Schließlich hat dieser Sozialbereich weltweit unbarmherzige Konkurrenzverhältnisse institutionalisiert und ist dadurch zu einer akzeptierten gesellschaftlichen Enklave geworden, in der die Bewährung einzelner Personen oder Gruppen vor den Augen Dritter dramatisch zur Aufführung und Entscheidung gebracht wird. Die gewollte Rivalität zwischen Sportlern um knappe Rangplätze führt zu extrem zugespitzten ­Situationen und schafft eine tragische Grundkonstellation, die archetypische Verwandlungen erwartbar macht.

Neben der Heldengeburt und Helden­werdung durch die positive Veränderung von Personen oder Gruppen sind es die Rückverwandlungen der Sporthelden in Nicht- oder Antihelden, die in den ­Heldengeschichten des Sports immer wieder auftauchen. Diese zweite Form der Heldenvita erzählt vom Straucheln, Fallen und Scheitern der Akteure. Im Mittelpunkt stehen Sportler oder Mannschaften, die den hohen Erfolgserwartungen nicht entsprechen konnten, die unter dem Druck der Verhältnisse kollabierten und Abschied von ihrer bisherigen Identität als Gewinner nehmen mussten. Andere Rückverwandlungsgeschichten erzählen von Sportlern, die falsche Freunde hatten, ihr Geld fehlinvestierten, mit der Justiz aneinander gerieten, ihre automobilen Statussymbole nach durchzechter Nacht an die Wand fuhren, durch sexuelle Kontakte in Besenkammern Schlag­zeilen machten oder ihre vormals glänzende Profikarriere als Pächter von ­Lotto-­Annahmestellen beenden mussten. Die in diesen Abstiegsgeschichten beschriebenen biographischen Wendungen thematisieren die Schattenseiten des sportlichen Erfolgs, die Rückverwandlung der Sieger in situative oder sogar permanente Verlierer. Man denke in diesem Zusammenhang nur an die vielen Geschichten, die bis heute über ehemalige Größen des Sports erzählt werden, und die von Mord, Totschlag, Alkohol- und Drogenexzessen, dramatischen Scheidungen, Mafiakontakten und transformierten Körpern und Psychen handeln.

In den letzten Jahren sorgt die Dopingproblematik immer wieder dafür, dass etablierte Sporthelden in der ­Öffentlichkeit dramatisch scheitern und ungewollte Metamorphosen erleben. Gefeierte Athleten verwandeln sich dann in Dopingsünder, für die man aufgrund ihrer hartnäckigen Lügen und Täuschungen häufig nur noch Mitleid übrig haben kann. Die Botschaft lautet: Wer sich illegitimer Mittel bedient, um in den Heldenhimmel zu kommen, kann mit Hilfe entsprechender Kontroll- und Degradierungszeremonien aus demselben auch wieder entfernt werden. Sportlernamen werden dann von den Verbänden symbolisch aus Sieger- und Rekordlisten gestrichen. Medaillen und Trikots müssen zurückgegeben werden. Die Dopingkontrolleure erhalten damit den Status professioneller Heldentöter, die mit Hilfe naturwissenschaftlicher Testverfahren in die Tiefen der Heldenkörper hineinschauen, um dort illegitime Abweichungen justitiabel festzustellen.
In der Transformation von Sport­helden in tragische Helden oder Schurken bekommt das Publikum wichtige Inhalte des gutbürgerlichen Erziehungsprogramms zu sehen, nämlich die an Heranwachsende gerichtete Forderung, die allgemein akzeptierten sozialen ­Regeln einzuhalten, sich permanent zu bemühen, an die Zukunft zu denken und sich nicht für die falschen Ziele zu verausgaben. Diese aus dem Versagen von Sportlern abgeleiteten impliziten Geschichten von einer „richtigen“ Lebensführung haben neben ihrer Anleitungs- und Vorbildfunktion wohl auch die Aufgabe, das Aufkommen sozialer Neidgefühle durch das Erzählen der ­negativen Konsequenzen des Erfolgs zu reduzieren, und zwar in einer Gesellschaft, die nach wie vor von starker ­sozialer Ungleichheit geprägt ist. Indem man die bedenklichen Seiten des sozialen Aufstiegs drastisch schildert, erklingt das Hohelied sozialer Normalität. Wenn Helden erwischt werden, können die Nichthelden sich zufrieden zurücklehnen und ihre Durchschnittlichkeit und Normtreue feiern. Eigenständige Zweige des Journalismus, die Papparazi und Enthüllungsjournalisten, sind inzwischen auch im Sport darauf spezialisiert, Helden zu entlarven, um der ­breiten Mehrheit Gefühle der Zufriedenheit in der Normalität zu vermitteln. Man erwischt die Außeralltäglichen in Alltagssituationen und zeigt dem Publikum mit voyeuristischen Bildern die Differenz zwischen Vorder- und Hinterbühne.

Eine dritte Kategorie der Heldenvita ergänzt die Darstellungen vom Auf- und Abstieg bekannter Sportgrößen. Es handelt sich hierbei um Geschichten von der Läuterung und Wiederauf­erstehung vormaliger Sporthelden. Die Grundstruktur dieser Erzählung knüpft an die Berichte vom Misserfolg und Scheitern des Helden direkt an, nutzt diese Beschreibung aber als Ausgangspunkt für die Darstellung einer positiven Rückveränderung: Einzelne Sportler, aber auch ganze Mannschaften ziehen sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ihrer Niederlagen und negativen Verstrickungen heraus. Indem sie hart arbeiten und sich auf ihre frühere Leistungsfähigkeit besinnen, überwinden sie den symbolischen Tod der sportlichen Niederlage. Sie verwandeln sich zurück in Helden und werden durch diese Transformation wieder verehrungs­würdig. Ulrike Meyfarth und Franziska van Almsick beispielsweise wurden im Teenageralter Hochsprung-Olympiasiegerin bzw. Schwimm-Weltmeisterin und hatten anschließend eine lange Durststrecke in ihren Karrieren zu überwinden, die von der Häme der zuvor noch verehrenden Boulevardpresse und einiger Funktionäre begleitet wurde. Beide Sportlerinnen kehrten nach ­Jahren erfolgreich zurück und erreichten in ­ihren Sportdisziplinen einen Kultstatus. Eine Wiederauferstehungsgeschichte der besonderen Art erzählte kürzlich „Gentleman“ Henry Maske, der nach zehn­jähriger Pause für einen einzigen Boxkampf gegen seinen damaligen Gegner, Virgil Hill, in den Ring stieg, um die Schmach der Niederlage im letzten Kampf seiner Profikarriere zeitversetzt zu tilgen. In den Läuterungs- und Wiederauferstehungsgeschichten von Sporthelden ist eine wichtige ­Botschaft eingespeichert, die auf Breitenwirkung und Nachvollzug ausgerichtet ist: dass es sich nämlich auch nach einer Niederlage lohnt, aufzustehen, den Herausforderungen ins Auge zu blicken und kämpferisch weiterzumachen. Die Zeitdimension wird so narrativ mit der Idee von der Selbstermächtigung des modernen Subjekts verknüpft.
Auf der Grundlage der Dynamik sportlicher Karrieren werden die Geschichten vom Auf- und Abstieg der Helden und ihrer möglichen Wiedergeburt heute in erster Linie von den ­Massenmedien erzählt und mit entsprechenden Bildern und Rhetoriken verstärkt. Indem die Medien außeralltägliche sportliche Leistungen verbreiten und in die kommunikative Sphäre der Gesellschaft einspeisen, ermöglichen sie eine Verzeitlichung sportiven Helden­tums. Durch ihre Übertragung- und Speicherfähigkeit lassen sie selbst die­jenigen Zuschauer, die im Moment der Heldengeburt nicht dabei waren, zeitversetzt am Heldennimbus teilhaben. Dass die Medien, insbesondere das Fernsehen und die Boulevardpresse, bewusst auf Heldenverehrung und Heldentötung setzen, hat mit ihrem eigenen Dramatisierungs- und Personalisierungsbedarf zu tun. Wer Leser, Zuhörer oder Zuschauer dauerhaft begeistern will, darf keine langen Geschichten über die Komplexität moderner Gesellschaften erzählen, sondern muss Informationen und Bilder liefern, die dem Unterhaltungsbedarf des Publikums entsprechen. Die Metamorphosen der Sporthelden sind in dieser Hinsicht besonders anschlussfähig.

Eine markante Zäsur für die Inflationierung der Heldenverehrung fand in der Bundesrepublik Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts mit der Zulassung der privaten Fernsehsender statt. Diese setzten ganz bewusst auf Sportstars und schufen eine Helden­industrie, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer von den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten auf eigene Programme und Werbebotschaften zu lenken. Man kann sagen: Die Privaten gingen gezielt dazu über, ein Heldenmanagement zu betreiben. Sie informierten nicht mehr nur über sportliche Höchstleistungen, die auch ohne sie passiert wären, sondern versuchten,
die Episoden sportiven Heldentums in eigener Regie herzustellen. Die Vermarktung der jungen deutschen Skispringer als „Boygroup“ durch RTL war hierfür ein erhellendes Beispiel. Die ­öffentlich-rechtlichen Anstalten haben sich inzwischen diesem Trend zur ­Inszenierung und Eventisierung von Sporthelden in gemäßigter Form angeschlossen.
Die Massenmedien bedienen damit systematisch die Helden- und Verschmelzungsphantasien eines Publikums, das selbst nicht zu außeralltäglichen Taten bereit oder fähig ist, und offerieren eine Ikonographie des Heldentums: Bilder und O-Töne von Situationen, in denen es ums Ganze geht, in denen spektakuläre Erfolge winken, aber auch dramatische Niederlagen passieren können. Die Geschichten von den diversen Verwandlungen der Sporthelden werden bis ins Mythologische gesteigert und in Sportepen und -legenden abgelegt. Man denke in diesem Zusammenhang nicht nur an die mediale Rekapitulierung ­heroischen Handelns anlässlich sportlicher Großereignisse, sondern auch an die Inhalte von Sportbüchern und ­-filmen oder an die steingewordenen Institutionen der Heldenverehrung in Gestalt von Sportmuseen oder halls of fame. Einrichtungen dieser Art richten systematisch Beobachtungsverhältnisse für die Prominenz des Sports ein. Sie legen damit fest, was erinnert und was ver­gessen werden soll. Vor allem sagen sie implizit, wie Menschen sein sollten.

Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/3740

Ausgabe MSN 6 / 2008

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 6 / 2008.
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