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Voyerismus im Sport
Voyerismus im SportDer Sport macht Menschen in ihrem Bestreben, andere durch Leistung zu übertrumpfen, systematisch sichtbar. Wenn real existierende Personen einzeln oder in Mannschaften gegen- einander antreten, um Sieger und Verlierer zu bestimmen, präsentieren sie sich nicht als virtuelle Größen, sondern als Menschen „mit Haut und Haaren“. Sportereignisse bieten deshalb in erwartbarer Weise Gelegenheiten für diverse Formen der Sehlust. Diese kann, erstens, sexueller Natur sein. Die Zuschauer können auf den Körpern und in den Körperfalten der Sportler und Sportlerinnen visuell flanieren gehen: der Blick unter den Rock einer Eiskunstläuferin oder in den abgespreizten Schritt einer Turnerin; der Blick auf das imposante Muskelpanorama eines Boxers oder Ringers oder auf die durchtrainierte Körperlichkeit von Schwimmern und Schwimmerinnen. Geeignete Momente für den Einsatz „gefräßiger Augen“ (Mattenklott) können sich im Sport, zweitens, durch Missgeschicke, Unfälle und Verletzungen ergeben. Wo Athleten bewusst Risiken unter Konkurrenzbedingungen eingehen, Sportlerkörper um die eigene Achse rotieren oder sich beschleunigt und konfrontativ aufeinander zubewegen, können Entgleisungen, Disbalancen und Fehlsynchronisationen passieren.
Unfälle im Motorsport, Stürze bei der Ski-Abfahrt oder Foulplay in den Ballsportarten sind Anlässe, die nicht wenige Zuschauer ins Stadion oder vor die Bildschirme treiben. Auf den Rennstrecken dieser Welt stehen die Beobachter besonders gerne an jenen Stellen, an denen Unfälle wahrscheinlich sind. Eine dritte, in der Sporttheorie bislang übersehene Art der Sehlust ergibt sich in folgender Hinsicht: Der Zuschauer beobachtet nicht nur die Sportakteure in deren Körperlichkeit, Ästhetik, Gelingen oder Fehlverhalten. Es sind vielmehr auch die anderen Zuschauer, die in den Blickwinkel des Sehinteresses hineingeraten. Das Beobachten der Beobachter erhält dann den Status eines Seinsmodus, in dem Menschen sich mit jenen Evidenzgefühlen versorgen, die ihnen in anderen sozialen Lebensbereichen versagt bleiben. Menschen rezipieren Kunst in Museen oder Theatern hauptsächlich schweigend. Im Stadion hingegen kann man sich an der Spontaneität und Unmittelbarkeit des Publikums berauschen und offene oder klammheimliche Sympathiegefühle entwickeln, wenn Schlacht- und Hetzgesänge angestimmt werden und der Kodex der gutbürgerlichen Sitten mit Füßen getreten und durch einen Kodex der schlechten Sitten ersetzt wird. Gerade diejenigen, die ihr Alltagsleben eher leidenschaftslos und distanziert verbringen, können aus der Beobachtung der Geräusch- und Affektkulisse auf Seiten der anderen Sportzuschauer einen Rausch des Erlebens ableiten – ähnlich den Erfahrungswerten des Flaneurs, der aus der Bewegung im großstädtischen Straßengetümmel seine „choque“- Erfahrungen gewinnt. Selbst die An- und Abreise zu einem Fußballspiel kann für Zuschauer spannend sein, wenn die Anhänger der beiden konkurrierenden Mannschaften aufeinandertreffen und nicht durch polizeiliche Maßnahmen davon abgehalten werden, aufeinander loszugehen.
Abgesehen von jenen Ausnahmefällen, in denen real anwesende Zuschauer in Sportunfälle oder handgreifliche Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen hineingeraten, erlaubt der Sport die Befriedigung einer Sehlust, die sich ohne Gefahr für die eigene Person und ohne Gewissensbisse ausüben lässt. Die Zuschauer im Stadion, in der Halle oder vor dem Bildschirm können sehen, ohne dass sie als Einzelpersonen selbst gesehen werden. Das Kollektiv bringt den Einzelnen im Stadion zum Verschwinden und entindividualisiert ihn. Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette:
http:/ Foto: panthermedia / Xavier C. |
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