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Depression - Das dunkle Loch

Durch den tragischen Tod des Nationaltormannes Robert Enke ist plötzlich eine Thematik in den Blickpunkt der Öffentlichkeit getreten, die bisher unter den Teppich gekehrt wurde: die Depression. Schon bei „normalen“ Menschen ein Tabu-Thema, passt diese Krankheit schon gar nicht zum Bild eines erfolgreichen Spitzensportlers: strahlend, erfolgreich, stark und in perfekter Verfassung - ein Idol für viele.

Diametral dazu zeigen sich Befinden und Symptome eines depressiven Menschen: Betroffene sind niedergeschlagen und ohne (Lebens-)Freude. Sie sind unentschlossen und interessieren sich für nichts. Ihre Gefühlswahrnehmung ist deutlich reduziert. Neben dem fehlenden Antrieb können auch Denkbarrieren und Konzentrationsschwächen mögliche Symptome sein. Körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen, Herzrasen, Kopf- und Magenschmerzen, Appetitstörungen und gestörtes sexuelles Verlangen sind typische Symptome, wie sie fast immer bei Depressionen auftreten. In weiterer Folge finden sich ein vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, innere Leere, Traurigkeit bis hin zu Selbstmordgedanken.
Diese Symptompalette macht es deutlich, dass es gerade bei Leistungssportlern schwierig ist, diese Diagnose zu stellen, da durch das spezielle Anforderungsprofil und die daraus zwangsläufig resultierende Lebensweise die Diagnose oft verschleiert wird. Für einen Leistungssportler ist sonnenklar, dass er alles dem Sport unterordnet. Es ist in der Regel ohnehin wenig Zeit für anderes. Das tägliche Leben ist durch intensives Training bestimmt und unterliegt damit einem straffen Zeitplan. Es bleibt nicht viel Platz für Eigenes, hiermit tritt eines der führenden Symptome, nämlich die Antriebslosigkeit, meistens erst spät zutage. Der Fokus liegt auf der körperlichen Leistungsfähigkeit, alles ist durchorganisiert, effizientes Funktionieren ist das Ziel. Vielleicht gibt es noch einen Mentalcoach, um wirklich alle Fassetten der Leistungsfähigkeit voll auszureizen. Die Sportler selbst ordnen alles dem großen Ziel, nämlich Wettkämpfe erfolgreich zu bestreiten, unter. Um dies zu gewährleisten, werden sowohl körperliche als auch seelische Warnzeichen ignoriert.

Hohes Risiko

Die Chancen, an einer Depression zu erkranken, sind relativ hoch: man kann davon ausgehen, dass 20 % der Bevölkerung mindestens einmal im Leben an einer Depression erkranken. Genau diese Zahlen betreffen auch Leistungssportler. Nach einer aktuellen Studie der Universität Tübingen klagt jeder fünfte über gelegentliche Depressionen. Dies ist bei näherer Betrachtung auch nicht verwunderlich. Der Leistungsdruck, der gerade auf dem Profisportler lastet, ist ungeheuer hoch. Medien und Gesellschaft haben eine hohe Erwartungshaltung. Als Person öffentlichen Interesses kann der Sportler sehr schnell sehr hoch im Ansehen steigen, wenn die Leistung aber aus irgendeinem Grund nicht mehr ganz perfekt ist, ist der Fall, oder zumindest das Desinteresse genauso plötzlich. Das ist gerade für die besonders Erfolgsverwöhnten nicht leicht zu verkraften. Dazu kommt, dass Sportler ja auch rein körperlich bis an die äußersten Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gehen müssen. Ein derart beanspruchter Organismus hat dann natürlich weniger Reserven, um verschiedene andere Belastungen ausgleichen zu können.

Gründe und Therapie

Die Ursachen sind mindestens so vielfältig wie die Symptome. Als relativ gesichert gelten eine gewisse genetische Veranlagung und ein Zusammenhang zwischen Stressbelastung und dem Auftreten einer Depression. Dafür spricht, dass die Spiegel des Stresshormons Cortisol in Blut und Harn in den meisten Fällen erhöht sind.
Als weitere Ursache wird ein Mangel an Botenstoffen im Gehirn angenommen. Dies betrifft einerseits Serotonin, das aus der Aminosäure Trytophan gebildet wird und die so genannten adrenergen Botenstoffe rund um das Dopamin, wofür die Aminosäure Tyrosin den Ausgangsstoff darstellt. Auch bergen gewisse Grunderkrankungen, wie z.B. Diabetes mellitus ein erhöhtes Risiko für Depressionen, wobei diese Komponente für Leistungssportler insgesamt wohl weniger in Betracht kommt.
Die Therapie einer Depression gehört ohne Wenn und Aber in die Hand eines Psychiaters. Das macht es gerade hierzulande wieder etwas schwierig, da ja Psychiatrie als Begriff stigmatisiert ist und die Konsultation eines Psychiaters fast als Kapitulation vor dem eigenen Selbst gilt, als Eingeständnis eigenen Unvermögens. Schon gar für einen Leistungssportler, der ja von Berufs wegen gesund und stark zu sein hat. Die tragende Säule jeder Therapie ist sicher eine medikamentöse. Die modernen Antidepressiva wirken über die Regelung des Serotonin-Stoffwechsels und sind relativ nebenwirkungsarm. Begleitend dazu ist gerade bei Sportlern, die auch körperlich stark gefordert sind, eine gezielte Nahrungsergänzung vor allem mit Aminosäuren als Vorstufen der Gehirnbotenstoffe von Vorteil, wie eigene wissenschaftliche Untersuchungen zeigen konnten. Zusätzlich ist Psychotherapie im Rahmen eines ganzheitlichen Konzepts ebenfalls sinnvoll, als alleinige Maßnahme aber in den allermeisten Fällen nicht ausreichend. Als Beitrag zur Selbstreflexion und Lebensstilmodifikation hat sie aber auf jeden Fall einen hohen Stellenwert.

Fazit

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die öffentliche Diskussion über dieses Thema sehr deutlich vor Augen geführt hat: Depressionen sind kein Zeichen von Schwäche oder Disziplinlosigkeit oder persönlichem Versagen. Sie sind auch nicht zwingend Folgen von äußeren Ereignissen oder inneren Wahrnehmungen. Sie können jeden treffen und machen auch vor den Stärksten nicht Halt. Sie sind keine Schande und professionelle Hilfe ist in vielen Fällen möglich und erfolgreich. Wenn diese Botschaft den Weg in das allgemeine Bewusstsein findet und mit Selbstverständlichkeit thematisiert wird, kann das dem tragischen Tod von Robert Enke ein wenig von der ohnmächtigen Verzweiflung nehmen, die dieses Ereignis in der Sportwelt hinterlassen hat.

juergen.spona@vitalogic.com

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Jürgen Spona:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/7098

Ausgabe MSN 1 / 2010

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 1 / 2010.
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