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Gefühlsarbeit im Sport
Gefühlsarbeit im SportDer gesellschaftliche Modernisierungs- und Zivilisierungsprozess hat Gelegenheiten für ein intensives, emotionsgeladenes und positiv besetztes Spannungserleben verknappt. So müssen Menschen im Alltag lernen, ihre Affekte zu zügeln. Wer es nicht schafft, sich an die Verhaltenserwartungen eines zivilisierten Auftretens in der Öffentlichkeit anzupassen, geht das Risiko ein, dass gesellschaftliche Kontrollinstanzen ihn disziplinieren und negativ sanktionieren. Der Leistungssport ist vor diesem Hintergrund innerhalb der modernen Gesellschaft zu einem zentralen Ort für die außeralltägliche Artikulation von Affekten geworden. Die sportspezifische Besonderheit des Auslebens von Gefühlen wird deutlich, wenn man rekapituliert, was mit dem Gefühlshaushalt im Verlauf der sozio-kulturellen Evolution passiert ist. Dass Spontaneität und unmittelbare Gefühlsäußerungen im Verlauf des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses einer zunehmenden sozialen Kontrolle unterworfen wurden, ist das Resultat einer Reihe von sozialen Errungenschaften, von denen nur einige an dieser Stelle aufgezählt werden sollen: die Monopolisierung der Gewalt in den Händen des Staates, die Verrechtlichung der Konfliktlösung durch die Etablierung eines eigenständigen Rechtssystems sowie die Durchrationalisierung der Lebenswelt durch Organisationsbildung. Auch die Entwicklung des Geldmechanismus hat sich disziplinierend auf den Affekthaushalt der Menschen ausgewirkt, wie man seit den Arbeiten von Karl Marx, Georg Simmel und Norbert Elias weiß. Der Reiz des Sports ergibt sich nun daraus, dass er die zivilisatorischen Verdrängungen von Gewalt, Körperlichkeit, Spontaneität und die Disziplinierung der Gefühle aufgreift und regelgeleitet auf den Kopf stellt. Indem der Sport das Verdrängte in die Gesellschaft zurückbringt, ist er zu einem modernen Mythos geworden. So hat er außerhalb von Polizei und Militär in einigen Disziplinen bewusst gewaltnahe Sozialverhältnisse eingerichtet. Im Boxen, Ringen, Rugby, Eishockey, American Football und in diversen asiatischen Kampfsportarten gehört die Anwendung physischer Gewalt zum akzeptierten Mittelrepertoire, um den Gegner auszuknocken, zu schultern oder um Punkte, Tore oder Raumgewinne zu erzielen. Der von beiden Seiten exekutierte Gewalteinsatz ist allerdings nur solange legitim, als er durch Regeln abgedeckt wird. Körpergewalt hat im Sport eine soziale Rahmung, die exzessive, unkontrollierte Abweichung negativ sanktioniert. In der Bearbeitung des Unzivilisierten zeigt sich der Sport somit als sehr zivilisiert. Der organisierte Sport zieht deshalb auch eine Grenze gegenüber jenen Praktiken, die im Rahmen von Gewaltevents, „ultimate fights“, eine Entgrenzung zivilisatorischer Standards durchzusetzen versuchen.
Der zeitgenössische Sport ist nicht nur für die diejenigen, die ihn betreiben, ein Refugium für das Ausleben von Gefühlen; auch das Sportpublikum, das über Prozesse der sinnlichen Wahrnehmung am Geschehen partizipiert, ist für eine eigenständige Gefühlsarbeit freigesetzt. Die Zuschauer können brüllen, schreien, pfeifen, jammern, johlen, grölen, buhen, applaudieren, stampfen, trampeln, in voller Erregung aufspringen, in den Klatschrhythmus anderer Fans einstimmen, Schlachtgesänge skandieren oder kollektiv stöhnen, wenn der Stürmer der eigenen Mannschaft das Tor knapp verfehlt hat. Der Beifall variiert dabei vom höflichen Respektzollen für den Gegner bis hin zum Toben und hysterischen Rasen, wenn selbst die ansonsten total Kontrollierten ihre vornehme Zurückhaltung vergessen und ihren Gefühlen explosionsartig freien Lauf lassen. Der Zuschauerraum erhält durch das affektive Sich-Ausleben der Zuschauer den Status eines gesellschaftlichen Sonderraums, in dem erlaubt ist, was ansonsten einer strengen sozialen Kontrolle unterliegt.
Das in einigen Sportarten artikulierte Gefühlspanorama hat, wie man leicht erkennen kann, eine gegenweltliche, anti-hierarchische Qualität. Lärmerzeugung und demonstrative Spontaneität kontern berufliche Coolness und ein Handeln „sine ira et studio“. Entscheidungen des Schiedsrichters müssen vom Publikum nicht stillschweigend akzeptiert werden, sondern laden zu einer affektiven, direkten und vor allem lautstarken Kommentierung ein. Auch das Einfrieren von Mimik und Gestik infolge der Verinnerlichung affektiver Neutralitätserwartungen dürfen Zuschauer auf der Tribüne oder vor dem Fernsehgerät durch ein Händeringen, Haareraufen, Aufspringen und ein mimisches Mitkämpfen außer Kraft setzen. Im Theater gelang die Domestizierung der Zuschauer durch die Ersetzung der unteren durch die mittleren und oberen Schichten. In den typischen Unterschichtsportarten verteidigen die Zuschauer bis heute ihre Ansprüche auf eigene Artikulationsformen, widersetzen sich den diversen Disziplinierungsmaßnahmen (Ruhigstellung durch Verstuhlung) und verteidigen so ihre letzten Räume für ein unzivilisiertes Auftreten in der Öffentlichkeit. Dass die Stühle bisweilen zerstört und als Wurfgeschosse eingesetzt werden, deutet auf den Unwillen nicht weniger Zuschauer hin, in der körperlichen Bewegungsfreiheit durch organisatorische Steuerungsmaßnahmen diszipliniert und eingegrenzt zu werden. Um Entgleisungen dieser Art zu verhindern, setzt die Polizei mithilfe technischer Errungenschaften „panoramatische Blicke“ ein. Zuschauer werden gefilmt, in ihren Gefühlsäußerungen identifiziert und bei Fehlverhalten aus den Zuschauerrängen entfernt und mit Stadionverboten belegt. Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette: http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/3740 |
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