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Sportgerede als „soziales Schmiermittel“
Sportgerede als „soziales Schmiermittel“In der Gegenwartsgesellschaft gehören die einzelnen Personen nicht mehr einem homogenen lebensweltlichen Verbund an. Die Wahrscheinlichkeit, auf Menschen zu treffen, mit denen man eine gemeinsame Geschichte und einen gemeinsam erarbeiteten Gesprächsvorrat besitzt, wird angesichts der gestiegenen Mobilität immer unwahrscheinlicher.
Außerdem führen die fortschreitenden Prozesse der Arbeitsteilung und Rollendifferenzierung zu einer Verknappung allgemeiner Gesprächsthemen. Diese Entwicklung resultiert in einem Gemeinschaftsverlust auf der Diskursebene. Worüber soll man sprechen, wenn Menschen immer weniger Gemeinsamkeiten aufweisen? Eine gesellige Konversation entsteht, wenn die Themen so gewählt werden, dass alle Anwesenden prinzipiell die Chance haben, sich in irgendeiner Weise beteiligen zu können. Neben dem Wetter, bestimmten Tagesereignissen und bestimmten Aspekten der persönlichen Geschichte repräsentiert der Sport ein solches öffentlichkeits- und geselligkeitsfähiges Thema. Nur: Über das Wetter kann man lediglich ein paar Sätze verlieren, dann wird es schnell langweilig oder zäh. Der Sport passt in besonderer Weise in den Code der Geselligkeit hinein: Jedermann verfügt über Primärerfahrungen im Sport. Dadurch gibt es einen Anschluss an das, was alle schon wissen oder selbst erfahren haben. Der sportliche Wettkampf ist zudem relativ einfach strukturiert und prinzipiell beobachtbar. Selbst ein Laienpublikum kann ihn verstehen, wenn es hierfür – etwa durch den schulischen Sportunterricht – vorsozialisiert wurde. Der Sport offeriert durch Technisierung und Quantifizierung eine eindeutige Welt, in der Leistung noch ihren fest definierten Platz findet. Die Massenmedien sorgen zudem durch ihre tägliche Berichterstattung für eine permanente Produktion von Neuigkeiten. Als Kommunikationsthema erreicht der Sport deshalb keinen Sättigungsgrad. Die Daueraktualität des Sports ist ein bewährtes Mittel, um Gespräche zu beginnen, im Fluss zu halten und peinliche Stockungen zu vermeiden. Der Sport signalisiert weiterhin eine gewisse soziale Harmlosigkeit (Gegenbeispiel: Diskussionen über Politik oder Religion). Durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf ein beidseitig interessantes, harmloses Thema, lässt sich z. B. eine familiale Kohäsion inszenieren und – wie im amerikanischen Baseball – eine Vater-Sohn-Beziehung intensivieren. Gerade die Möglichkeit, nicht über konfliktträchtige Themen reden zu müssen, eröffnet spezifische Möglichkeiten eines Gemeinschaftserlebens, das jenseits des Sports selten anzutreffen ist. Paradoxerweise konnte der Spitzensport erst durch die Expansion der Massenmedien und die damit einhergehende Emanzipation von der physischen Anwesenheit der Zuschauer im Stadion zu einem öffentlichen Konversationsthema werden. Viele Sportbegeisterte haben noch nie eine Schwimmhalle oder ein Stadion betreten, können aber dennoch ihr Sportinteresse intensiv ausleben und anschließend darüber reden. Gegenüber den Fernsehzuschauern, die auf die Vorgaben und Sehausschnitte angewiesen sind, die ihnen die Medien anbieten, haben die real anwesenden Zuschauer im Stadion allerdings einen Vorteil: Sie besitzen eine höhere Wahrnehmungsautonomie bezüglich des Einsatzes ihrer diversen Sinnesorgane. Sie haben allerdings auch Nachteile hinzunehmen: Am Fernsehbildschirm können Zuschauer mit Hilfe der Kameralinsen und Richtmikrophone näher an das Geschehen heranrücken, Zeitlupen mitverfolgen und die Kommentare hören, die ihnen durch die Sportjournalisten mitgeteilt werden. Durch die Installation von Videowänden in den Stadien und Sporthallen sind in einigen Sportdisziplinen einige dieser Nachteile inzwischen aus der Welt geschaffen worden. Die Zuschauer können das Geschehen jetzt sowohl auf der Laufbahn als auch auf den riesigen Videoleinwänden verfolgen. Da sie sich hierbei selbst als zuschauende Akteure wahrnehmen, also reflexiv werden, ist im Gefolge dieser technischen Innovation in den Stadien eine neue Wink- und Grüßkultur entstanden, die es so vorher nicht gegeben hat. Die Beobachter entdecken sich mit Hilfe der Medien als Beobachter und teilen den Daheimgebliebenen mit ihrem mimisch-körperlichen Inventar oder mitgebrachten Fahnen oder Plakaten mit, dass sie von anderen Zuschauern gesehen werden wollen. Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette: http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/3740 |
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