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Social Sports - Sportbegeisterung

Social Sports - Sportbegeisterung

Von der Notwendigkeit des Überflüssigen

Die Sportbegeisterung der Zuschauer verweist insgesamt nicht nur auf den Sport und
dessen Konstellationsstruktur; sie deutet auch auf die Verdrängungen und Verluste hin, die Menschen durch den gesellschaftlichen Modernisierungsprozess hinzunehmen haben. Folgt man dieser Einschätzung, dann ist das Interesse am Sport als ein möglicher kompensatorischer Mechanismus für die Gesellschaftsmitglieder einzustufen, der als komplexes Motivbündel überdies kein funktionales Äquivalent besitzt.

Weder Politik und Wirtschaft noch Erziehung, Religion, Wissenschaft, Kunst oder das Rechtssystem können mit ihren systemspezifischen Grundoperationen eine dem Leistungssport vergleichbare öffentliche Dauernachfrage hervorrufen. Dies lässt sich wie folgt plausibilisieren: Politische Parteitage sind in der Regel nur noch symbolische Inszenierungen für das Verkünden von Ergebnissen, die bereits feststehen, weil sie vorher unter Ausschluss der Öffentlichkeit an anderen Stellen ausgehandelt wurden. Außerdem sind die Konsequenzen politischen Handelns nicht belanglos, sondern können die Lebensführung der Menschen nachhaltig beeinflussen. Schließlich besteht die Funktion der Politik gerade darin, kollektiv bindende Entscheidungen auch dort herzustellen, wo keine Zustimmung erwartbar ist. Auch dem wirtschaftlichen Handeln fehlt im Oszillieren zwischen Haben und Nichthaben, zwischen Eigentum und Nichteigentum, jene „Leichtigkeit des Seins“, die dem Sport zukommt. Ökonomische Verluste, die man an der Börse einsteckt, haben eine andere Qualität als die Niederlage der heimischen Fußballmannschaft, die man als Fan bisweilen zu betrauern hat.

Auch die traditionellen Amtskirchen taugen nicht als funktionales Äquivalent für die Kompensation der durch Modernisierung erzeugten Verdrängungen und Verluste. Kirchliche Hochämter und Messen sind nach wie vor – trotz aller Ökumene – als Kontakthöfe zur imaginierten Transzendenz konzipiert. Der Sport hingegen betreut Menschen in Fragen des konsequenzenlosen Diesseitserlebens. Religion offeriert außerdem – zumindest in den Kirchen Westeuropas – eher ein gedämpftes, kontemplatives Handeln und Beten. Nicht wenige Zeitgenossen empfinden kirchliche Messen deshalb eher als langweilig und wenig abwechslungsreich. Die Konstellationsstruktur einer religiösen Feier ist weder konfrontativ noch siegesorientiert. Ein affektives Sich-Ausleben mit verbalen Entgleisungschancen und entsprechenden körperlichen Äußerungsformen auf seiten der Teilnehmer ist nicht vorgesehen. Außerdem ist es den diversen religiösen Glaubensrichtungen bisher noch nicht gelungen, ein dauerhaftes Miteinander ohne Konflikte durchzusetzen.
Der Sport hingegen hat sich bereits seit ca. einhundert Jahren, nämlich mit Entstehung des modernen Olympismus, zu einem „lateralen Weltsystem“ (Willke 1998: 381) entwickelt, in dem Wettkämpfe zivilisiert auch zwischen denjenigen Nationen ausgetragen werden, die ansonsten eher durch Konflikt und Dissens miteinander verbunden sind. Der Sport ist ein „global player“, weil er sich aus einzelnen nationalstaatlichen Gesellschaften herausziehen und in ein transnationales Gebilde hineinentwickeln konnte. Weiterhin kann Religion Gewissheit nur durch Glauben, durch Rückgriff auf Übernatürliches, schaffen. Der Sportzuschauer gewinnt demgegenüber ein Evidenzerleben durch die Beobachtung real existierender Sportlerkörper, die in einem von außen beobachtbaren Wettkampfambiente gegeneinander antreten und um ein knappes Gut, den sportlichen Sieg, konkurrieren. Im Gegensatz zu den klassischen Religionen ist der Sport weder gottorientiert noch auf ein imaginäres Jenseits ausgerichtet. Er ist vielmehr auf den Körper der Sporthelden, das Diesseits und die Gegenwart fixiert.

Auch die Wissenschaft ist nicht dazu angetan, die durch Modernisierung hervorgerufenen Verdrängungen an Spannung, Gemeinschaft, Körpererleben und Heldentum funktional äquivalent zu ersetzen. Die Ergebnisse wissenschaftlichen Forschens sind häufig zu abstrakt und schwierig, und eignen sich deshalb nicht für ein globales Jedermann-Verstehen. Die Helden der Wissenschaft, z.B. Nobelpreisträger, erbringen ihre Forschung auch nicht vor den Augen einer direkt zuschauenden Öffentlichkeit im Rahmen einer alles entscheidenden Wettkampfsituation, sondern in irgendwelchen Labors, die sich einer externen Beobachtung entziehen. Vor allem erfolgt die Prämierung als Wissenschaftsheld erst Jahre nach der Leistungserbringung im Rahmen nichtöffentlicher Gremienentscheidungen. Und künstlerische Happenings oder Besuche im Museum rufen kein dauerhaftes Masseninteresse hervor, weil Kunstobjekte oft nur für Eingeweihte oder mit Hilfe gut gemeinter didaktischer Begleitinterpretationen verstehbar sind. An einem 100m-Lauf oder einem Fußballspiel hingegen kann auch derjenige seinen Spaß haben, der die diversen Regeln nicht kennt. Wer außerdem eine bestimmte Ausstellung ein oder zwei Mal besucht hat, trifft beim dritten Mal auf inzwischen Bekanntes, das sich aus sich selbst heraus nicht mehr verändert. Selbst Videoinstallationen mit Zufallsgeneratoren sind irgendwann einmal langweilig. Im Gegensatz hierzu erzeugen sportliche Konkurrenzen permanent neue Situationen und sind im Ausgang nicht präzise kalkulierbar. Der Zuschauer hat an einem dynamischen sozialen Geschehen Teil, in dem sich Handlungsresultate im Moment des Geschehens immer wieder neu herstellen. Niemand weiß im Vorfeld eines Fußballspiels, wie die Handlungen sich auf dem Spielfeld entfalten werden, weil die Sportakteure kämpferisch bemüht sind, die Entfaltungschancen der jeweils anderen Seite zu beschneiden.

In einer Zeit, in der die traditionellen Sinninstanzen Religion, Familie und Arbeit massive Bedeutungsverluste hinnehmen müssen, ist der Sport aufgrund der unterschiedlichen Erlebnisofferten, die er unterbreitet, für viele Menschen zu einer neuen Sinninstanz geworden. Dies gilt sowohl für diejenigen, die ihn aktiv betreiben, als auch für jene, die passiv teilhaben. Eben weil der sportliche Wettkampf für das Publikum im Reich der Freiheit, und nicht im Reich der Notwendigkeit angesiedelt ist, ist er für viele paradoxerweise zu einer Notwendigkeit im Bereich des Überflüssigen geworden. Das genießerische Erleben der Zuschauer setzt dabei nicht nur die Risikobereitschaft und Leidensfähigkeit der sportlichen Leistungsträger voraus: Es sind vor allem die personalen Konsequenzen des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses, die den Boden für die moderne Sportbegeisterung bereitet haben. Aus der weltweit gestiegenen Nachfrage nach spannenden und aufregenden sportlichen Leistungen durch ein interessiertes Publikum lässt sich ableiten, wie weit die Routinisierung der Lebenswelt fortgeschritten ist und wie sehr die humanen Kollateralschäden des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses in Gestalt von Entkörperlichung, Subjektabwertung, Gemeinschaftsverlust und biographischer Diskontinuität bereits im Alltag virulent geworden sind.

bette@ifs-tud.de

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/3740

Ausgabe MSN 1 / 2010

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 1 / 2010.
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