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Krafttraining bei Kindern und Jugendlichen

Krafttraining bei Kindern und Jugendlichen

In der Vergangenheit wurde ein gezieltes Krafttraining vor Vollendung der Geschlechtsreife als nicht empfehlenswert erachtet. Dieser Umstand wurde hauptsächlich mit der geringeren Testosteronkonzentration begründet. Aufgrund zunehmender empirischer Evidenz zugunsten des Krafttrainings bei Kindern und Jugendlichen fand eine Änderung hin zu Krafttrainingsempfehlungen statt.

Krafttraining bei Kindern und Jugendlichen nutzt dabei alle erdenklichen Formen eines Widerstandstrainings, dessen Inhalte je nach Zielstellung und Adressatengruppe auszuwählen und zu gestalten sind. Klassifikatorisch ist Krafttraining mit seinem unterschiedlichen Methodeninventar unbedingt von Bodybuildingtraining, Gewichthebertraining und Kraftdreikampf zu unterscheiden. Des Weiteren ist darauf zu achten, dass Sozialisations-, Selektions-, sowie insbesondere Reifungs- und Entwicklungsprozesse als Anpassungsphänomene auf Krafttrainingsreize unbedingt von Anpassungsprozessen durch Trainingsinterventionen zu unterscheiden sind.
Belastungsfestlegungen müssen je
nach Adressatengruppe, Leistungsniveau, Test- und Trainingserfahrung, biologischer und kalendarischer Entwicklung, allgemeiner und spezieller Konstitution sowie nach Zielstellung, Inhalt und Methodik des geplanten Trainings jeweils individuell durch erfahrene Trainerinnen und Trainer und unter sportartspezifischen und biomechanischen Aspekten entschieden werden.

Krafttrainingseffekte im Entwicklungskontext

Anhand der aktuellen Forschungslage kann konstatiert werden, dass der menschliche Organismus über die gesamte Lebensspanne trainierbar ist. Zur Abschätzung aller Aspekte möglicher Adaptationsprozesse im Rahmen der allgemeinen Ontogenese und speziellen motorischen Entwicklung ist zunächst die abgrenzende Beschreibung unterschiedlicher Entwicklungsabschnitte bis hin zur Geschlechtsreife notwendig.
Die einzelnen Entwicklungsabschnitte ­werden dabei im Allgemeinen in das Vorschulalter, das frühe Schulkindalter, das späte Schulkindalter, die erste und zweite puberale Phase sowie in das ­frühe Erwachsenenalter unterschieden.
Neben dem Einfluss von muskelaufbauenden Hormonen sind bei der Interpretation von Krafttrainingseffekten im Kindes- und Jugendalter explizit neuromuskuläre Koordinationsaspekte aufgrund verschiedener Rekrutierungs-, Frequenzierungs- und Synchronisationsmechanismen, zentralnervöser Aktivierungsprozesse, psychologische Merkmale wie Motivation und Volition, genetische Präpositionen usw. für die Steigerung der Kraft bzw. der Kraft­fähigkeit verantwortlich. Die aktuelle Forschungslage lässt für Präpubeszente als auch für Pubeszente bzw. Adoleszente den Schluss zu, dass neuromuskuläre, koordinative, hormonelle und muskelphysiologische Anpassungsprozesse bei Heranwachsenden durch Krafttrainingsinterventionen festzustellen sind.

Krafttrainingseinflüsse auf den passiven Bewegungsapparat

Knochen, Muskeln, Sehnen und Bänder sind altersspezifisch unterschiedlich belastbar. Bei Kindern unter 10 Jahren stellt der Röhrenknochen die kritische verletzbare Struktur dar. Bei Jugendlichen sind die Epiphysenfugen besonders gefährdet, bei jungen Erwachsenen der Kapsel-Band-Apparat und im Alter ist es wieder der durch die Osteoporose bedingt vermindert belastbare Knochen. Zu beachten ist, dass Kinder und Jugendliche hohe Belastungsumfänge aus orthopädischer Sicht erstaunlich gut tolerieren. Bezüglich der Anpassung des Knochengewebes im Allgemeinen und der des Röhrenknochens im Speziellen wird die Auffassung vertreten, dass die Entwicklung durch Krafttraining verbessert werden kann, indem die entwickelte Muskelkraft, die Belastungsrate sowie die diesbezügliche Stauchung
entsprechende Entwicklungsreize bzw. Stimuli für Knochenbildung und/oder Knochenumbildung sind. Empirisch nachgewiesen werden konnte, dass aufgrund äußerer Belastungsreize, wie sie durch spezifische Sportarten z.B. Turnen, Laufen, Tennis, Eishockey, Gewichtheben etc. auftreten, die Knochendichte und Knochenmasse in den entsprechenden Strukturen erhöht wird.

Verletzungen und Schädigungen

Vergleicht man Krafttrainingsinterventionen mit anderen Sportarten sowie mit Alltagsaktivitäten, so zeigt sich, dass ein fachgerecht ausgeführtes Krafttraining überaus sicher ist und sowohl absolut als auch relativ wenige Verletzungen resultieren. Des Weiteren ist Krafttraining bei Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Verletzungsprophylaxe sowie der Reduzierung von Überlastungen durch andere sportliche Aktivitäten zu befürworten. Weiterhin wird konstatiert, dass die erzielten positiven Wirkungen eines Krafttrainings ähnlich ausgeprägt seien wie bei Erwachsenen und zu einer Zunahme der Kraft, der Schnellkraft, der Kraftausdauer, der Knochendichte, der Stärkung der Verbindung von Sehne zu Knochen, der körperlichen Leistungsfähigkeit, des Selbstbewusstseins, der Selbsteinschätzung sowie einer positiven Veränderung des Körperbildes führen.
Krafttrainingsinterventionen bei Kindern und Jugendlichen in Abhängigkeit von unterschiedlichen Schädigungen, Verletzungen bzw. Erkrankungen sind im klinischen und therapeutischen Setting zahlreich dokumentiert. Die Bandbreite der Trainingsmethoden, der verschiedensten Schädigungen und Verletzungen, der therapeutischen Mittel und Indikationen ist jedoch so vielfältig, dass eine vertiefende wissenschaftliche Auseinandersetzung sowie die Aufklärung der Wirkungsweise eines Krafttrainings im Kindes- und Jugendalter in weiten Teilen noch aussteht. Kräftigungsübungen scheinen einen Einfluss auf den Energieumsatz zu haben. Somit könnten durch Krafttrainingsmaßnahmen positive Wirkungen im Bereich der Gewichtsreduktion bei Übergewichtigen erzielt werden. In der Literatur wird berichtet, dass bei Schulkindern nicht nur positive Effekte auf die Körperzusammensetzung erzielt werden können, sondern auch Einflüsse auf das Essverhalten sowie die positive Lebenseinstellung festzustellen sind.
Bezüglich der zu verwendenden Geräte und Maschinen ist ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass alle Geräte auf die individuellen Körperverhältnisse von Kindern- und Jugendlichen einstellbar sein müssen (Hebelarme, Sitzhöhen, Gewichtsabstufungen). Verschiedene Gerätehersteller bieten hierzu spezielle Krafttrainingsgeräte und -maschinen für Kinder und Jugendliche an.

Dr. Michael Fröhlich

Ausgabe MSN 4 / 2009

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 4 / 2009.
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