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Körpererleben im Zuschauersport
Körpererleben im Zuschauersport
Die moderne Gesellschaft hat die Nachfrage nach dem menschlichen Körper durch interne Umbauprozesse erheblich reduziert. Alle Maßnahmen, den Körper im Rahmen von Sport-, Fitness-, Gesundheits- oder Schönheitsmaßnahmen aufzuwerten, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die moderne Gesellschaft in zunehmender Weise körperlos funktioniert.
Einige Schlagworte sollen genügen, um die Frage zu beantworten, wodurch der Körper an Bedeutung verloren hat und warum das stellvertretende Sich-Bewegen der Sportlerkörper auf dem Bildschirm oder im Stadion für viele Zuschauer so attraktiv geworden ist: Die Technisierung des Transports stellt den menschlichen Körper bei der Durchquerung des Raumes ruhig. Der zeitgenössische Mensch ist vornehmlich der sitzende Mensch – selbst wenn Auto oder Flugzeuge ihn fortbewegen. Die modernen Massenmedien ermöglichen weiterhin eine zwischenmenschliche Kommunikation ohne gleichzeitige physische Anwesenheit der Kommunikationspartner am gleichen Ort. Und die Technisierung der Arbeitswelt hat körperlich anstrengende Arbeit immer mehr verdrängt – mit der Konsequenz, dass es seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer fortschreitenden Intellektualisierung und „Verkopfung“ der Arbeit gekommen ist. Organisatorische Regeln unterwerfen den Körper zudem einer Vielzahl sozialer Kontrollen und Reglementierungen: Der Körper hat ruhig zu sein, darf nicht durch Geräusche auf sich aufmerksam machen, wird zur besseren Abwicklung abstrakter Geschäfte auf den Stuhl verbannt, muss in öffentlichkeitszugewandten Berufen permanent lächeln oder hat den Taktvorgaben der Industrieproduktion zu folgen.
Gegenüber dem im Alltag weitgehend ruhiggestellten und ausgeblendeten Körper stellt der sportlich bewegte Körper der Athleten im Stadion oder auf dem Bildschirm etwas Besonderes, man kann durchaus sagen etwas Unzeitgemäßes dar. Mit den enormen Aufwendungen in Training und Wettkampf für die Erbringung optimaler körperlicher und motivationaler Leistungen können die Sportler durchaus als die letzten körperorientierten Leistungsindividualisten der modernen Gesellschaft bezeichnet werden. Der Spitzensport ist – so gesehen – ein riesiger gesellschaftlicher Verausgabungsapparat, der körperliche und psychische Verschwendungsexzesse institutionalisiert und auf Dauer gestellt hat: Mindestens zwei Akteure treten in einem Wettkampf gegeneinander an, um sich vor den Augen eines interessierten Sportpublikums zu verausgaben.
Drei körperorientierte ästhetische Momente sind für das Zuschauererleben in besonderer Weise bedeutsam: erstens, die Ästhetik riskanter Körperlichkeit: der Salto rückwärts auf dem Schwebebarren; bestimmte Bewegungsvollzüge am Reck oder die Steilabfahrt beim Skirennen mit Tempo 120; zweitens, die Ästhetik der Perfektion körperlicher Abläufe und Synchronisationen: ein perfekter Fallrückzieher; gelungene Spielzüge im Fußball; die Koordination schlanker Körper im Tanzsport; die passgenaue Abstimmung von Körper, Musik und Gerät in der Rhythmischen Sportgymnastik oder das Zusammenspiel von Mensch und Maschine im Rennsport; weiterhin reizt
im Sport, drittens, die Ästhetik des Kampfes: der kraftvolle, aber untereinander auf Distanz bleibende Einsatz der Spielerkörper in den Rückschlagsportarten; der Schlagabtausch im Boxen oder die körpernahe Konfrontation in den Ballsportarten.
Das Erleben der sportspezifischen Körperästhetik profitiert von der prinzipiellen Möglichkeit des Scheiterns. Sportler verlieren nicht nur, weil andere besser sind; sie können bei ihrer Leistungsdarbietung auch stürzen, straucheln, mit anderen Sportlerkörpern kollidieren, ihre Geräte verlieren, aufgrund von Überanstrengung kollabieren und das Optimum an Bewegungsabläufen insgesamt verfehlen. Die permanente Möglichkeit des Misslingens nobilitiert das Geschehen, indem sie dem möglichen Funktionieren ein radikales Gegenbild entgegenstellt. Der sportliche Wettkampf ist hierdurch nicht nur spannend, er ist dadurch auch zu einem modernen Mythos geworden, zu einem Sinnbild für das menschliche Dasein überhaupt. Alle, die sich auf Wettkämpfe einlassen, können scheitern und in ihren Erfolgsambitionen enttäuscht werden. Der sportliche Wettkampf steht deshalb in einer symbolischen Nähe zum Tod. Selbst die dauerhaft erfolgreichen Athleten wissen, dass ihre Körperkompetenz irgendwann nicht mehr ausreichen wird, um zu gewinnen und dass sie irgendwann einmal verlieren werden und die Bühne zu verlassen haben.
Im Unterschied zu vielen künstlerischen Formen der Ästhetik im Rahmen von Literatur, moderner Musik oder bildender Kunst entlastet der Sport das Publikum von jedem Zwang zur Reflexion und Kommunikation. Der Zuschauer kann vielmehr ohne größere Denk- und Redeanstrengungen durch einfaches Wahrnehmen der Sportlerkörper, Rennautos oder der weggeschleuderten Artefakte – Speer, Kugel, Diskus – direkt genießen. Die Zuschauer können sich sogar über Prozesse der Wahrnehmung mit den Körperhandlungen der Sportler synchronisieren und sich in das Gefühl hineinsteigern, dass die beobachteten Athleten die verlängerten Organe ihres eigenen Bewusstseins und ihrer eigenen Siegesphantasien wären.
Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette
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http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/3740
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