07.02.2012 15:47 - Über uns - Impressum & Kontakt - succidia AG - Partner
Standards der Sportmedizin - Kardiologie

Standards der Sportmedizin - Kardiologie

HERZ-CHECK-UP für Sportler

Die sportmedizinische Untersuchung, die für sogenannte Kadersportler zu den Eingangs- und Verlaufsunter­suchungen gehört, wird im Breitensport nur sporadisch in Anspruch genommen. Fester Bestandteil der Saisonvor­be­reitung im Spitzen- oder Leistungssport ist eine leistungs­analytische Untersuchung, z. B. durch eine Ergospirometrie oder Laktatanalyse. Vor einer solchen Bestandsaufnahme erfolgt in den meisten Zentren eine Analyse des Bewegungsapparates und eine kardiovaskuläre Basisdiagnostik.

Diese beinhaltet für das Herz-Kreislauf-System z. B. eine klinische Untersuchung, ein EKG, meistens auch eine Echokardiographie oder eine Ergometrie, diese wiederum sport­artassoziiert. Der genaue Umfang dieser Untersuchungen wird durch die Fachverbände festgelegt und variiert entsprechend. Das betrifft den Umfang und auch die Intervalle der Untersuchungen. Eine Erweiterung der Diagnostik erfolgt meist orientiert an individuellen Beschwerden oder klinischen Verdachtsmomenten.
Viele Sportler aus dem leistungsorientierten Breitensport nehmen körperliche Belastungen auf und sind häufig perfekt ausgerüstet. Nur die wenigsten nehmen allerdings im Vorfeld eine sportmedizinische Diagnostik in Anspruch. Doch wer sollte sich eigentlich sportmedizinisch untersuchen lassen und warum? Und welches sind die Erkrankungen, die erkannt werden sollten?

Hier gilt die 35/35 Regel:

Das Alter 35 stellt eine Grenze der Herzkreislauferkrankungen dar. Die Jüngeren sind selten durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefährdet. Die in Frage kommenden Erkrankungen sind aber nicht nur selten, sondern auch schwer zu erkennen. Dies wird immer dann besonders deutlich, wenn im Rahmen von sportlichen Großereignissen plötzliche unerwartete Todesfälle auftreten. Die Ursachen sind meistens: angeborene Herzmuskelerkrankungen, sogenannte Cardiomyopathien, ebenfalls angeborene Anomalien der Herzkranzgefäße (Coronaranomalien) sowie auch Störungen im Bereich des Erregungsleistungssystem des Herzens (Channelopathies). Diesen Erkrankungen im jungen Lebensalter ist gemeinsam, dass sie einer Früherkennung kaum zugänglich sind, meist keine Schmerzen verursachen und dann plötzlich fatal in Erscheinung treten. Anders verhält es sich mit einer ebenfalls häufigen plötzlichen Todesursache bei jungen Sportlern, der Herzmuskelentzündung (Myocarditis). Hier sind fast immer vorausgegangene Virusinfekte, die nicht ernst genommen wurden, erkennbar. Die Diagnostik ist durch ein 12-Kanal-EKG und/oder eine Echokardiographie nicht immer möglich. Neue bildgebende Verfahren können hier einen erheblichen Vorteil ­bieten und die entzündlichen Veränderungen häufig frühzeitig erfassen. Diese strahlenfreie Methode wird aber nur vereinzelt eingesetzt und bleibt ­ speziellen Zentren vorbehalten.
Oberhalb des 35. Lebensjahres ist es die Volkskrankheit Arteriosklerose, die am häufigsten Probleme bereitet. Gerade Sportler nehmen Warnsignale aber nicht ernst. Zusätzlich treten die Symptome ebenfalls erst auf, wenn das ­versorgende Herzkranzgefäß bereits zu 70?% verengt ist. Besonders gefährdet für den plötzlichen Herztod sind die Menschen, die weniger als 35?% Herzauswurfleistung haben (EF Man darf sich an dieser Stelle fragen, ob es denn nicht sinnvoll wäre, sich ­einer entsprechenden Diagnostik zu unterziehen, die bereits zu einem früheren Zeitpunkt Veränderungen ­detektiert und so Möglichkeiten eröffnet, diese Prozesse positiv zu beeinflussen? Vor einer Leistungsdiagnostik muss eine gezielte klinisch orientiert (Sport-)Anamnese erfolgen, insbesondere die hereditäre Belastung (genetische Komponente) ist wichtig.
Ein EKG, eine Lungenfunktion und eine Labordiagnostik sind die Basis, anschließend sollte eine Echokardiographie (Herz­ultraschall) und eine Gefäßanalyse (Endothelvermessung der Halsschlagader/siehe Schaubild) vor der ergometrischen Belastung erfolgen.
Mit diesen Maßnahmen ist bereits ein guter Überblick über den körperlichen Status, die Gefäßsituation, potenzielle Gefahren und Risiken zu gewinnen. Die leistungs­orientierte Analyse gewährleistet dann eine optimierte Führung des Trainings.
Klar machen sollte man sich dennoch, dass auch dieser Umfang häufig nur die Spitze des Eisbergs beleuchtet. Es ist auseinander zu halten, dass ein EKG, eine Ultraschalluntersuchung des Herzens (Echokardiographie) unter Ruhebedingungen keine ausreichende Sicherheit bieten. Auch eine Fahrradergometrie kann nur eine Sensitivität von ca. 70?% bieten, bei Frauen noch weniger. Der routinemäßige Einsatz aggressiverer Diagnostik ist aber nicht durch unser Gesundheitssystem finanzierbar, in den Sportverbänden nicht etabliert, häufig aber auch schwierig den ärztlichen ­Kollegen, welche die Patienten oder Sportler betreuen, zu vermitteln.

Empfehlungen zur Untersuchung

Natürlich steht als erster Schritt immer die gründliche Anamnese. Diese muss die bisherigen gesundheitlichen Ereignisse ebenso erfassen wie auch die ­familiäre Komponente und die Sport­anamnese. Angeschlossen wird eine ­kardiovaskuläre Basisdiagnostik (EKG/Echokardiographie/Analyse der Halsschlagader/Lungenfunktion/Ergometrie ggf. mit Leistungsdiagnostik). Bei auffallenden Unregelmäßigkeiten oder Blutdruckschwankungen (gar nicht so selten) wird eine 24-Stunden-Aufzeichnung angeschlossen. Eine Laborstatuierung gibt Hinweise über den Hormonstatus, den Elektrolythaushalt aber auch Entgiftungsfunktionen. Relativ häufig setzen wir die strahlenfreie ­Kernspintomographie ein, um entweder Durchblutungsstörungen des Herzmuskels, entzündliche Veränderungen oder strukturelle Defizite zu demaskieren. Diese Untersuchung ist harmlos und nur selten gibt es Komplikationen. Hiervon zu unterscheiden ist die Computertomographie, die exzellente Bilder der Herzkranzgefäße liefert und bereits in einem sehr frühen Stadium die Arteriosklerose demaskiert. Nachteil ist eine relativ hohe Strahlenbelastung, sodass dieses Verfahren als Screening-Methode ausscheidet und einer strengen Indikationsstellung durch den erfahrenen ­Kliniker bedarf. Die Kombination dieser Verfahren gewährleistet ein Maximalmaß an Sicherheit (keine Garantie!) und kann den Sportler hoffentlich vor unerwarteten Ereignissen schützen.

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Dr. med. W.O. Schüler:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/8549

Ausgabe MSN 5 / 2009

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 5 / 2009.
Das komplette Heft zum kostenlosen Download finden Sie hier: zum Download

Der Autor:

Weitere Artikel online lesen