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Der Gegner ist übermächtig

Der Gegner ist übermächtig

Wer sind die Gegner im Anti-Dopingkampf? Wer hat Interesse daran, dass der Anti-Dopingkampf nicht erfolgreich ist? Sucht man eine Antwort auf diese Fragen, so muss man erkennen, dass die Interessensfront jener, die gegen einen erfolgreichen Dopingkampf sind, sehr viel umfassender ist, als dies von Vielen wahrgenommen wird.

Man muss vor allem erkennen, dass es dabei mächtige Gruppen gibt, die sich durch vielfältige Einflussmöglichkeiten auszeichnen, und es ist dabei zur Kenntnis zu nehmen, dass sich die Konstellation im Anti-Dopingkampf nicht selten durch Paradoxien auszeichnet. Da ist zunächst der Betrüger selbst, der betrügende Athlet. Er ist daran interessiert, dass er auch zukünftig Preisgelder auf unerlaubte Weise verdienen kann. Er möchte auch weiterhin seinen Gewinn im Hochleistungssport steigern. Es muss angenommen werden, dass die Zahl der Betrüger in den vergangenen Jahrzehnten weltweit angestiegen ist. Einige Sportarten werden von den Betrügern dominiert und die Raffinesse des Betrugs scheint dabei noch immer steigerungsfähig zu sein. Interessiert an einem Misserfolg der Anti-Dopingkämpfer sind auch jene Handlanger, Dealer und „Experten“, die den Athleten bei seinem Dopingbetrug unterstützen. Natürlich sind die Produzenten der unerlaubten medikamentösen Raubkopien und verbotenen Substanzen daran interessiert, dass ihre Erlöse, die auf dem Schwarzmarkt durch den Verkauf von unerlaubten Substanzen erzielt werden können, auch weiterhin blühen.
Es gibt aber auch Funktionäre, die nur wenig Interesse haben, dass der Anti-Dopingkampf zu einem Erfolg führt. Auch die Wirtschaft steht nicht wie selbstverständlich auf der Seite jener, die aktiv gegen Doping kämpfen. Zu viele Repräsentanten der Wirtschaft haben sich über Jahrzehnte lediglich der sportlichen Spitzenleistung bedient, ohne sich um deren ethische Qualität zu kümmern. Nicht anders verhält es sich auf Seiten der Staaten. Nach wie vor sind noch immer viel zu viele Staaten am Repräsentationserfolg ihrer Athleten nahezu um jeden Preis interessiert.

Außerdem gibt es eine ganze Reihe von Vertretern der Massenmedien, die daran interessiert sind, dass es auch ­weiter interessante Rekordgeschichten gibt und die deshalb in auffälliger Weise eine Berichterstattung über den Doping­betrug und eine aktive Teilnahme am Kampf gegen diesen Betrug verdrängen. Jene Kollegen, die sich dem Thema widmen, werden des Sonderjournalismus bezichtigt, der aus der Sicht der großen Mehrheit dem Prinzip der Unterhaltung widerspricht, dem ihrer Meinung nach die Massenmedien zu entsprechen haben. Auf diese Weise ist in immer größeren Teilen der Massenmedien deren Versagen als Instanz der Aufklärung zu beklagen. Gleichzeitig ist es jedoch offensichtlich, dass ohne die Wächterfunktion der kritischen journalistischen Minderheit Betrug und Manipulation in der Welt des Spitzensports längst ein katastrophales Ausmaß erreicht hätte und dass die Reaktionen aus dem Sport heraus ebenso wie die Reaktionen der Wirtschaft und der Politik nur aufgrund der Öffentlichkeit erfolgt, die dank dieser kritischen Berichterstattung immer wieder entsteht.
Immer häufiger sind es aber auch die Zuschauer, die an einem erfolgreichen Anti-Dopingkampf nicht interessiert sind. Die Prinzipien des Fairplay und des chancengerechten Wettkampfs haben für sie nur noch nachgeordnete oder gar keine Bedeutung. Interessant ist lediglich das Spektakel, der Starkult, die bloße Unterhaltung.
Paradoxerweise gibt es auch Personen, Organisationen und Institutionen, die gegen Doping kämpfen und gerade wegen ihres Kampfes an einem Erfolg aus systemlogischen Gründen nicht interessiert sein können. Jene, die den Beruf des Dopingkontrolleurs ausüben, haben Interesse, dass es überführte Täter gibt. Die vielen Pharmakologen und Chemiker, die in den Labors arbeiten, sehen ihren Arbeitsplatz nur dann als gesichert, wenn die Indizien fortdauern, dass im System des Sports betrogen wird. Auch in den Sportorganisationen sind ganze Abteilungen und Personalstäbe aufgebaut worden, in deren ­Interesse es liegen muss, dass es auch zukünftig ausreichend Arbeit im Anti-Doping-Kampf geben wird, so dass ihre Arbeitsplätze als gesichert gelten können. Aus ökonomischer Sicht ist der Anti-Dopingkampf längst zu einem „Business“ geworden.
Die hier vorgelegte Kennzeichnung der Gegnerfront im Anti-Dopingkampf ist ernüchternd und schockierend zugleich. Sie macht klar, dass sich der Dopingbetrug im Hochleistungssport durch eine enorme Komplexität auszeichnet, der man im Kampf gegen diesen Betrug nur gerecht wird, wenn man dieser Komplexität entspricht, wenn mit einer kreativen und intelligenten Komplexität gekontert wird.

Der Kampf gegen den Dopingbetrug wird heute im Wesentlichen von zwei Säulen getragen. Auf der einen Seite ist dies der autonome Sport, der aus einem berechtigten Eigeninteresse heraus den Betrug mit seiner eigenen Sportgerichtsbarkeit bekämpft. Auf der anderen Seite muss es das Interesse eines demokratischen Staates sein, dass er das Kulturgut Sport in ausreichender Weise schützt, damit dieses Gut wichtige pädagogische, sozialpolitische, gesundheitspolitische Funktionen und nicht zuletzt die Funktion der Repräsentation des Staates in angemessener Weise erfüllen kann. Beide haben sich auf eine kooperative und dialogische Kampfführung einzulassen, bei der man sich auf kreative und innovative Maßnahmen verständigt, die zwingend notwendig sind, will man zukünftig Erfolge im Anti-Dopingkampf aufweisen. Einem sich selbst als autonom bezeichnenden Sport obliegt es dabei, sich innerhalb seiner Sportarten Regeln zu geben, diese zu überwachen und bei den Verstößen dafür zu sorgen, dass die notwendigen Sanktionen durchgesetzt werden. Dem Regelsystem der Sportverbände sind vor allem die Athleten und Athletinnen unterworfen. Alle weiteren Personen, die sich heute am System des Dopingbetrugs beteiligen, können mit dem Regelsystem des Sports und mit dessen Sportgerichtsbarkeit nicht erfasst werden. In der Beziehung zwischen Staat und Sport ist es deshalb Aufgabe des Staates, dem Sport die längst dringend notwendige Hilfe zu gewähren. Dank des Gewaltmonopols des Staates darf dieser polizeiliche Ermittlungen durchführen, kann bei entsprechendem Nachweis Dealer, Trainer, Betreuer, Manager, Funktionäre, Mediziner, Pharmakologen und all das sonst noch denkbare wissenschaftliche und nicht wissenschaftliche Personal jenen gerechten Strafen zuführen, die angesichts der umfassenden Reichweite des Dopingbetruges erforderlich sind.

Prof. Dr. Helmut Digel

Ausgabe MSN 5 / 2008

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 5 / 2008.

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