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Sportinteresse als biografischer Fluchtpunkt
Sportinteresse als biografischer FluchtpunktDie gesellschaftliche Modernisierung hat in den Biografien der Gesellschaftsmitglieder nachhaltig Spuren hinterlassen. Menschen haben millionenfach ihre Arbeit verloren, Paarbeziehungen sind heute auch nicht mehr das, was sie einmal waren, bestehende Freundschafts- und Bekanntschaftsnetzwerke zerbröseln unter dem Druck gesellschaftlicher Veränderungen, der Individualisierungsprozess lässt die Gesellschaftsmitglieder immer unähnlicher werden. Lebte der vormoderne Mensch hauptsächlich noch im Einzugsbereich seines Wohn- und Arbeitsortes unter dem alles überformenden Himmel religiöser Weltdefinitionen, hat das moderne Subjekt sich auf räumliche und soziale Mobilität einzustellen. Außerdem erlebt es die dramatischen Veränderungen innerhalb der Gesellschaft in einem Zustand der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ (Lukács). Sicherlich können die gravierenden biografischen Brüche, die Menschen in der Moderne hinzunehmen haben, nicht gänzlich durch eine passive Einbeziehung in den Sport kompensiert werden. Dennoch kann das über Jahrzehnte konstante Sportinteresse nicht zu unterschätzende biografische Fixpunkte liefern. Es eignet sich zunächst für eine biografische Rückbesinnung, weil es sich meist schon in der frühen Kindheit und Jugend formiert und intellektuell wenig anspruchsvoll ist. Menschen können ihr Sportinteresse – beispielsweise an der Fußballmannschaft des eigenen Herkunftsmilieus – auch dann noch bedienen, wenn sie schon längst ihren Geburtsort verlassen haben. Die Massenmedien helfen, das Interesse aufrechtzuerhalten, weil sie die Rezeption des Sports auf der Zuschauerseite durch ihre Speicher- und Verbreitungsmöglichkeiten entterritorialisiert haben. Sportereignisse strukturieren die eigene Biografie aber nicht nur mit Blick auf vergangene Zeiten, sondern auch in Bezug auf die permanent ablaufende Gegenwart. Nach wie vor sind die Fußballübertragungen und Konferenzschaltungen am Samstagnachmittag im Radio und die anschließenden abendlichen Sportsendungen im Fernsehen feste Bestandteile lebensweltlicher Wochenendrituale, anhand derer nicht wenige Menschen ihre Freizeit ausrichten und strukturieren. Das Zelebrieren des passiven Sportkonsums aufseiten des Publikums und die hartnäckige Abwehr sportunspezifischer Praktiken während der sportlichen Seh- und Hörzeit deuten auf ein wichtiges Begehren hin: Unterhalten zu werden und Kontinuität in einer Zeit zu erleben, in der Diskontinuitäten strukturell erzeugt werden und biografisch zu ertragen sind. In einer Gesellschaft, in der durch Prozesse funktionaler Differenzierung divergierende Zeithorizonte entstanden sind, kann das Festhalten an der Rhythmik des Sports dabei helfen, eine Festigkeit ins eigene Leben zu bekommen, die jenseits des An- und Abgeschaltet-Werdens im Arbeitssektor angesiedelt ist. Das Ritual der Wiederholung schafftGefühle der Kontinuität und Geborgenheit.
Der Sport gibt mit seinen Ligen und deren Zeitstruktur biografischen Halt: Er ordnet die Wochen, Monate und Jahre und strukturiert das individuelle Erleben auf kollektiver Basis – ähnlich dem Wirkungseffekt von Nachrichtensendungen, die für Millionen den Abend einleiten und selbst in der Übermittlung von Katastrophen und Kriegen den Zuschauern und Hörern die Botschaft zu übermitteln vermögen, dass man sich zumindest noch auf das Medium verlassen kann, das diese Schreckensinformationen verbreitet. Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette: http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/3740 |
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