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Orthopädie - Epidemiologie von Verletzungen im Fußball
Orthopädie - Epidemiologie von Verletzungen im FußballNichts für WeicheierIn den letzten Jahren hat sich der Leistungsfußball verändert. Während die Laufumfänge weitgehend unverändert sind, haben sich die Intensitäten, Wettkampfhäufigkeiten und körperlichen Voraussetzungen der Spieler im Sinne der höheren Anforderungen gewandelt. Die Epidemiologie von Verletzungen, Über- und Fehlbelastungen im Fußball sind für den Spieler, aber auch die Vereine von größter – auch kommerzieller – Bedeutung. Erst nach der Analyse der Ursachen können wirksame Konsequenzen für die Prävention im Fußball erfolgen. Sie betreffen die Betreuung, die Ernährung, das Training und die Regeneration. Im Leistungsfußball sind Verletzungen durch Sportunfälle sowie Fehl- und Überlastungsprobleme an der Tagesordnung. Bevor jedoch über deren Ursachen und Vermeidung reflektiert wird, müssen die verwendeten Begriffe definiert sein. Definitionen Ein Sportunfall ist ein plötzliches und unerwartetes Ereignis, das durch einmalige exogene (Gegner) oder endogene Einwirkungen (z.B. Muskelkraft) zu einer Schädigung von Geweben führt. Bei Überbelastungen steht weniger das einmalige, sondern das chronische Überschreiten der Gewebstoleranzen im Vordergrund (Summation von Mikrotraumen bei nicht ausreichender Fähigkeit zur Adaptation). Bei Fehlbelastungen steht das Missverhältnis von Belastung und Belastbarkeit – oft auf der Basis von Fehlstellungen oder Vorschädigungen – im Vordergrund. Epidemiologie und betroffene Regionen Um gezielt präventiv wirksame Maßnahmen zur Verhütung von Verletzungen im Fußballsport zu ergreifen, müssen sowohl die Häufigkeit als auch typische Lokalisationen von Fußballverletzungen, Fehl- und Überlastungsschädigungen bekannt sein. Nur zwischen 12% bis 28% aller Verletzungen entstehen durch Foulspiel; für den Rest sind andere Ursachen verantwortlich, wobei der Großteil der Verletzungen ohne Gegnerkontakt geschieht; insbesondere beim Laufen oder bei Richtungswechseln. Ca. 20%–25% aller Verletzungen sind Wiederverletzungen an gleicher Stelle und vom selben Typ; an dieser Stelle wird die Bedeutung der vollständigen Ausheilung und der gezielten Rehabilitation deutlich. Profifußballspieler sind – bezogen auf die Spiel- und Trainingsdauer – weniger häufig verletzt als Amateurfußballer. Dies liegt u.a. am besseren Trainingszustand und genetischen Faktoren. Spieler, die im Jahr mehr Spiele absolvieren sind nicht häufiger verletzt als Spieler, die weniger häufig spielen. Die am häufigsten von Verletzungen betroffenen Regionen sind die unteren Extremitäten, insbesondere die Fuß-, Sprungund Kniegelenke. Bei Verletzungen, die eine Trainings- und Spielpause erfordern, stehen Kapsel-Bandverletzungen (Distorsionen), Muskelverletzungen (Muskelzerrungen; Kontusionen) sowie Frakturen und Luxationen im Vordergrund. Besonders betroffen sind die Waden-, die vordere und hintere Oberschenkelmuskulatur, die Hüftbeuger und Adduktoren sowie die Bauchmuskulatur. Verletzungsursachen und –einflüsse Die Ursachen, die zu einer Verletzung führen oder die zu Über- und Fehlbelastungen führen, sind vielfältig; meist liegen Verletzungen mehrere Faktoren zugrunde. Wenn der Spieler in der bisherigen Karriere mehr als sechs Verletzungen hatte, erhöht sich das Risiko, erneut eine Verletzung zu erleiden um zirka das Doppelte; bestehende Gelenkschmerzen erhöhen die Wiederverletzungsquote um zirka das Dreifache. Mangelndes Aufwärmen verdreifacht das Verletzungsrisiko; auch ein Vereinswechsel führt zum zwei- bis dreifach erhöhtem Verletzungsrisiko. Ältere Spieler sind häufiger verletzt als jüngere Spieler; mit zunehmendem Alter häufen sich insbesondere Zerrungen sowie Leistenverletzungen. Mikrotraumen gehen vielfach Verletzungen voran, die über eine Veränderung der Koordination zur Verletzung, Über- oder Fehlbelastung führen; daher sind (Wieder-)Verletzungen vielfach Folge noch nicht vollständig ausgeheilter Verletzungen. Prävention Während Sportunfälle nicht vollständig zu vermeiden sind, sind Über- und Fehlbelastungen durch geeignete Diagnostik, Ausrüstung, Lebensweise und Training weitgehend vermeidbar. Die Prävention umfasst daher Aspekte des Lebensregimes wie ausreichender und qualitativ hochwertiger Schlaf, das Begleiten von Zeit- und Klimazonenwechseln, eine schon im jugendlichen Alter angepasste Ernährung um z.B. die Knochen- und Bindegewebsfestigkeit zu erhöhen, eine individuell angepasste Trainingsbelastung und die Organisation einer gezielten, individualisierten, körperlich- geistigen Regeneration. Viele Sportverletzungen sind nur zu vermeiden, wenn hohe Kräfte vermieden oder gemindert werden können. Daher haben sich technisch-taktische und koordinativeSchulungen mit dem Schwerpunkt der Vermeidung von hohen Kräften und zur optimierten Risikoeinschätzung in verletzungsträchtigen Spielsituationen als wirksam erwiesen. Durch ein angepasstes, frühzeitig einsetzendes Training, insbesondere der koordinativen und der Kraftfähigkeiten, wird die Sensomotorik optimiert und eine erhöhte mechanische Widerstandsfähigkeit der verletzungsgefährdeten Gewebe bewirkt. Betreuungsstrukturen und Reintegration Im Leistungsfußball müssen die Spieler ein individuelles Screening im Rahmen einer sportärztlichen und biomechanischen Untersuchung durchlaufen, denn nur so können individuelle Risikofaktoren erkannt und durch geeignete Interventionen beeinflusst werden. Nach Durchführung der Messungen muss darauf geachtet werden, dass die Ergebnisse nicht in einem Computer `versacken´, sondern dass auf der Grundlage der Auswertungen individuelle und mannschaftsbezogene Therapie- und Trainingspläne erstellt und umgesetzt werden. Das betrifft sowohl die Ergebnisse der medizinischen als auch der psychologischen und leistungsdiagnostischen Untersuchungen. Um dies zu garantieren, werden sich in Zukunft die Betreuungsstrukturen im Leistungsfußball verändern und sich weiter professionalisieren (Personal; Geräte; Kommunikation). In Zukunft wird der Reintegration verletzter Spielern besondere Aufmerksamkeit zu widmen sein – auch unter präventiven Aspekten wie zum Vermeiden erneuter Verletzungen. Fazit Durch den Beitrag wurde deutlich, dass sich die wissenschaftliche Befundlage zu Verletzungen, deren Ursachen und zur Prävention in den letzten Jahren deutlich verbessert hat. Trotz aller Fortschritte bestehen noch große Lücken in der Konzeption und Umsetzung präventiver und rehabilitativer Maßnahmen, die wir am Forschungsinstitut für Leistungsdiagnostik und Trainingsberatung (FLT) an der Bergischen Universität in Wuppertal zu schließen versuchen. In Zukunft werden bei der Planung und der Beurteilung präventiver Konzeptionen weniger Meinungen (`Meisterlehren´ oder `so haben wir das schon immer gemacht´) von Bedeutung sein als wissenschaftlich fundierte und praktisch umsetzbare Konzeptionen.
freiwald@uni-wuppertal.de |
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