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Gefahren, Verletzungen und Prävention beim Snowboarden
Gefahren, Verletzungen und Prävention beim Snowboarden
Gefährliches Pistenvergnügen?
In den achtziger Jahren hat der Snowboardsport begonnen, sich zunehmend auf und neben unseren Pisten zu etablieren. Seit 1998 ist Snowboarden mit mittlerweile drei Disziplinen (Half-Pipe, Snowboard-Cross und Parallel-Riesenslalom) olympisch und hat hierdurch weiter an Stellenwert gewonnen. Snowboarden hat sein Dasein vom Trendsport zur ernst zu nehmenden Disziplin bis hin zum Ausdruck eines Lifestyles weiterentwickelt.
Vom Trendsport zur etablierten Disziplin
Aus dem mittlerweile nahezu komplett von den Pisten verschwundenen Alpinboarden hat sich das Carving-Skifahren entwickelt und der Skiindustrie gegenüber dem zunächst stark boomenden Snowboarden neue Märkte erschlossen. Das Freestyle Snowboarden stößt insbesondere bei jungen Wintersportlern auf Interesse und bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Ausübung dieser Sportart. Hierbei sind die in vielen Skigebieten obligatorischen Fun-Parks regelrechte Anziehungspunkte für Snowboardsportler. Entsprechend hierzu haben sich gegenüber dem Skisport differierende, typische Verletzungsmuster herauskristallisiert.
Ausrüstung
Snowboarden als Breitensport wird mittlerweile nahezu ausschließlich mit Freestyle- oder Allroundboards ausgeübt.
Hierbei wird im Gegensatz zum Skisport ein stiefelähnlicher, weicher Schuh, der „Softboot“, verwendet. Beide Füße sind starr auf dem Board fixiert, eine Sicherheitsbindung mit Auslösemechanismus wird hierbei nicht verwendet.Die Ausrichtung auf dem Board ist je nach Fahrtyp und Art der Benutzung mehr oder weniger zur Seite hin ausgerichtet. Zeigt die linke Körperseite nach vorne wie bei ca. zwei Dritteln der Snowboardsportler, wird die Positionierung als „Regular“ bezeichnet, steht der rechte Fuß vorne, als „Goofy“. So genannte Race-Boards, die mit skistiefelartigem Schuhwerk verwendet werden und hauptsächlich zum Fahren mit höherer Geschwindigkeit auf der Kante, dem „Carven“, ausgerichtet sind, sind nahezu ausschließlich dem Leistungssport vorbehalten. Die Wettkämpfe werden in spannenden Parallelwettbewerben ausgetragen.
Gefahren und Verletzungsmechanismen
Snowboardsport wird zumeist von Kindern und jungen Erwachsenen ausgeübt. In diesen Altersgruppen besteht eine erhöhte Risikobereitschaft bzw. eine verminderte Fähigkeit, potenzielle Gefahren realistisch einzuschätzen. Anfänger sind während der ersten Tage der ansonsten rasch erlernbaren Sportart einer hohen Sturzfrequenz ausgesetzt. Hierbei wird der Aufprall meist bei gestreckten Ellenbogen mit den dorsal extendierten Handgelenken aufgefangen. Die angebotenen Handgelenksschoner führen zur Reduktion von Verletzungen, bieten bislang jedoch keinen vollständigen Schutz. Zudem sehen wir regelmäßig so genannte „Splint-topfractures“ des Unterarmes, die an der proximalen Begrenzung des Protektores auftreten.
Besonders beliebt ist das Springen mit dem Board auf Sprunganlagen („Kickern“) oder das Befahren von speziell angelegten Parcours in den Fun-Parks mit Elementen aus Geländern („Rails“), Bodenwellen, Sprüngen und von der Kreativität der Anlagenbetreiber anhängigen Features. Da die Jugendlichen hierbei meist in Gruppen unterwegs sind, spielen Faktoren wie Gruppenzwang und dem Können nicht angepasste Fahrweise eine nicht unerhebliche Rolle. Die Fehleinschätzung entsprechender Anlagen mit nicht angepasster Anlaufgeschwindigkeit führt unserer Beobachtung nach häufig zu Sprüngen weit über den vorgesehenen Landbereich hinaus ins flache Gelände. Derartige Mechanismen führen zu mitunter schweren Verletzungen im Sinne von Rasanztraumen. Die Unkenntnis der Geländebedingungen, insbesondere der Gefahren durch Lawinen und Schneebretter, führte in den letzten Jahren gehäuft zum Auftreten von Verschüttungen und regelmäßig auch zu Todesfällen durch unangepasstes Verhalten im freien Gelände.
Verletzungen
Am häufigsten verletzt zeigt sich beim Snowboarder das Handgelenk. Insbesondere bei Kindern und Anfängern machen Handgelenksfrakturen bis zu 60 % aller Verletzungen aus, hierbei werden bis zu 80 % Frakturen des distalen Radius diagnostiziert. An zweiter Stelle der Verletzungsstatistiken werden Schulterverletzungen wie Claviculafrakturen, Schultereckgelenkssprengungen und Luxationen, aber auch ansonsten eher seltene und nur durch subtile Diagnostik diagnostizierbare Verletzungsformen gesehen, beispielsweise am Sternoclaviculargelenk. An der unteren Extremität ist zumeist das Kniegelenk betroffen. Häufig handelt es sich um weniger schwere Läsionen wie Prellungen oder Zerrungen des medialen Kollateralbandapparates. Die im Vergleich zum Skisport eher selten festgestellten Rupturen des vorderen Kreuzbandes oder proximalen Tibiafrakturen treten vor allem im Wettkampfsport auf, insbesondere bei Ausführung von weiten und hohen Sprüngen. Sprunggelenksverletzungen werden sowohl im Softboot als auch im vermeintlich vor Distorsionen schützenden Hardboot gesehen. Hervorzuheben sind hier schwere Pilonfrakturen durch Hochgeschwindigkeitstraumen mit Stauchungskomponente und das durch die auffällige Häufung beim Snowboardsport mittlerweile derart bezeichnete „Snowboarders ankle“ – eine Fraktur des Prozessus lateralis tali, die sich häufig der Primärdiagnostik im Rahmen der Notfallbehandlung unterzieht und in der Regel einer operativen Versorgung bedarf. Kopfverletzungen sind neben Lawinenunfällen mit Verschüttung die häufigste Ursache für tödliche Verletzungen, Gehirnerschütterungen als häufigste Form der Kopfverletzungen werden auch durch Helme nicht sicher vermieden.
Helme können jedoch die Schwere des Schädelhirntraumas reduzieren. Schwere Wirbelverletzungen werden nach Sprüngen als Folge eine Fehleinschätzung der gegeben Bedingungen und der eigenen Fähigkeiten gesehen. Hierbei können die häufig eingesetzten Rückenprotektoren nur vor direkter Krafteinwirkung schützen, haben jedoch wenig Effektivität bei axial einwirkenden Stauchungskräften, wie sie bei einer Landung auf das Gesäß auftritt.
Vorbeugung
Insbesondere beim Erlernen der Sportart empfehlen wir neben dem Fahrtraining auch die Ausübung eines speziellen Sturztrainings, bei dem das schonende Abrollen in die möglichen Sturzrichtungen für den Bedarfsfall eintrainiert wird. Leider wird das von den Snowboardschulen bislang meist aus Zeitgründen nicht umgesetzt. Durch Handgelenks- und Rückenprotektoren können Verletzungen nicht ausgeschlossen, jedoch in der Schwere und Häufigkeit reduziert werden. Die Schwere von Kopfverletzungen als häufigste Todesursache im Snowboardsport kann durch Helme reduziert werden. Mithilfe der einflussreichen Wintersportindustrie kann durch Eltern und (Snowboard-) Lehrer die Bedeutung eines umsichtigen Verhaltens geschult und für verbesserte körperliche Konditionierung geworben werden. Beim Befahren von Gelände abseits der Pisten gilt es, bestehende Warnhinweise zu berücksichtigen, sich entsprechendes Wissen über Lawinenrisiken anzueignen und die erforderliche Ausrüstung wie z. B. Lawinenpiepser, Schaufel, ggf. Lawinenairbag mit sich zu führen. Eine Selbstverständlichkeit sollte eine an den vermehrten Verbrauch in Höhenlagen angepasste Flüssigkeitszufuhr darstellen, um die Konzentrations- und körperliche Leistungsfähigkeit über den Tag zu erhalten.
Fazit
Im Vergleich zum Skisport besteht beim Snowboardsport prinzipiell keine höhere Verletzungsgefahr, insbesondere bei herkömmlicher Anwendung des Sportgerätes. Beim Erlernen der Sportart gilt es, den Handgelenksbereich speziell zu schonen. Dies ist durch die Anwendung von speziellen Protektoren und das Erlernen einer entsprechenden Sturztechnik zu realisieren. Die Wintersportindustrie ist hier jedoch weiter gefordert, suffizientes Protektorenmaterial zu entwickeln und anzubieten. Das Tragen von Helmen und Rückenprotektoren kann vor allem vor schwereren Verletzungen bei Kollisionen und Rasanztraumen schützen. Beim Befahren von Gelände abseits der Pisten gilt es unbedingt, die geltenden Regeln zum Schutz vor Lawinenunfällen einzuhalten. Die Kenntnis über mögliche, spezielle Verletzungsbilder erleichtert dem betreuenden Arzt das diagnostische Vorgehen, um den verletzten Sportlern die optimale Versorgung zukommen zu lassen und eine schnellstmögliche Rückkehr zum Sport zu gewährleisten.
Heinz.Kusche@klinikum-gap.de
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