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Psychische Gesundheit im Leistungssport

Psychische Gesundheit im Leistungssport

MentalGestärkt

In den Medien wird aktuell immer wieder über Leistungssportler und inzwischen auch über Trainer berichtet, die sich mit psychischen Problemen outen. Daher ist zu fragen: Macht Leistungssport krank? Diese Frage kann mit „Nein“ beantwortet werden.

Leistungssport beinhaltet nicht nur ein großes Potenzial zur körperlichen Entwicklung und zur Persönlichkeitsbildung des Sportlers, sondern auch zur Förderung von Motivation, Empathie und Teamfähigkeit sowie zur Entwicklung kognitiver und emotionaler Fertigkeiten, beispielsweise zur Stress- und Angstregulation. Gleichzeitig bestehen im Leistungssport neben höchsten körperlichen Ansprüchen aber auch psychische und soziale Belastungen, die eine potenzielle Gefährdung der psychischen Gesundheit von Sportlern darstellen können und die nicht zu vernachlässigen sind.

Fakten

Für die Normalbevölkerung liegt die Lebenszeitprävalenz für psychische Störungen bei insgesamt 42,6 % und das Risiko, einmal im Leben an einer unipolaren Depression zu erkranken, wird mit 16 bis 20 % angegeben. Im Feld des Leistungssports finden sich diesbezüglich die folgenden Angaben: Mindestens 20 % der Leistungssportler leiden zeitweise an depressiver Verstimmung (z.B. Thiel et al., 2010). In einer Studie von Kleinert et al. (2007) klagten sogar 46 % der untersuchten 341 jugendlichen Leistungskader-Fußballspielerinnen über Schlafstörungen, die ein Verhaltenskorrelat für psychische Störungen sein können. In Sportarten, in denen die Ästhetik (z.B. Turmspringen, Eiskunstlauf, Turnen) oder das Einhalten bestimmter Gewichtsklassen im Vordergrund steht (z.B. Judo, Karate, Ringen), liegt die Prävalenz für Essstörungen bei ca. 25 % (Sundgot-Borgen, 1993). Der Forschungsbedarf im Bereich Leistungssport ist aber immer noch hoch.

Gründe von psychischen Störungen im Leistungssport

Gründe für das Auftreten von psychischen Störungen im Leistungssport können möglicherweise in der Zweck- und Sinngebung des Leistungssports selbst gesehen werden: Auf diesem Leistungslevel verliert die Tätigkeit des Sporttreibens den ausgleichenden Charakter und wird als „Beruf“ definiert. In aktuellen Studien werden verschiedene Gründe für psychische Störungen wie Burnout, Depressionen, Ess- oder Angststörungen diskutiert:

- Die hohen Anforderungen durch den professionellen Sport (Begel & Baum, 2000),
- Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale (wie z.B. Perfektionismus; Goodger et al., 2007),
- Fehlende physische, psychische und soziale Ressourcen (Smith, 1986),
- Depression und Suizid als direkte Folge von Verletzungen (Appaneal et al., 2009).

Strukturierte und systematische diagnostische Instrumente, die sowohl Frühsymptome als auch kritische Stadien frühzeitig und wenig aufwändig feststellen können, werden allerdings immer noch selten angewendet. Außerdem ist die Diagnostik dadurch erschwert, dass der Beruf des Profisportlers und die damit verbundene Bekanntheit eine notwendige (diskrete) psychiatrische oder psychotherapeutische Maßnahme oftmals sehr schwierig macht. Dass Sportler oder Trainer „sich outen“, ist ebenfalls immer noch die Ausnahme.

Ziele von MentalGestärkt

Vor diesen Hintergründen wurde die Netzwerkinitiative MentalGestärkt gegründet, deren Koordinationsstelle an der Deutschen Sporthochschule Köln angegliedert ist und die Experten und Institutionen miteinander vernetzt, sodass Leistungssportler im Hinblick auf Gesunderhaltung, Krankheitsvermeidung und Behandlung optimal informiert und betreut werden können. Die Grundkonzeption und Pilotphase von MentalGestärkt werden von der Robert-Enke-Stiftung, der Verwaltungsberufsgenossenschaft, der Vereinigung der Vertragsfußballspieler und der DSHS Köln finanziert. MentalGestärkt verfolgt zwei wesentliche Ziele. Erhalt und Förderung der psychischen Gesundheit im und damit die Stärkung psychischer Potenziale und Benefits von Leistungssport. Gesundheitsressourcen sollen gestärkt und die Anfälligkeit für die Ausprägung von psychischen Störungen oder Erkrankungen minimiert werden (gemäß des Salutogenesekonzepts von Antonowsky, 1997). Minderung der psychischen Risiken von Leistungssport und frühzeitiges Erkennen potenzieller Folgen wie übermäßigen Stress, Depressionen oder Burnout. Außerdem sollen Ansprechpartner für die richtige Behandlung (z.B. Psychotherapie, medikamentöse Behandlung, Klinikaufenthalt) gegeben werden.

Das Konzept

MentalGestärkt unterscheidet die Arbeitsbereiche Edukation, Betreuung und Therapie, die als Interventionssäulen nebeneinanderstehen (Abb.1).

Edukation

Edukation im Rahmen von MentalGestärkt unterstützt gemäß des Konzepts der Salutogenese die „primordiale Prävention“ (Becker, 1990), die idealerweise bereits im Nachwuchsbereich ansetzen sollte (z.B. bei Sportlern in Nachwuchsleistungszentren, Eliteschulen des Sports, Auswahl- und Kadermannschaften). Krankheitssymptome liegen in dieser Altersklasse selten vor. Allerdings sind gerade diese Athleten hohem Druck und Mehrfachbelastungen (wie Schule und Leistungssport) ausgesetzt und müssen vielfältige psychische sowie organisatorische Anforderungen bewältigen. MentalGestärkt will mithilfe edukativ ausgerichteter Athleten-Workshops junge Sportler für Themen wie Stress, psychische Belastungen oder Wettkampfangst sensibilisieren und ihnen im Kreise der Gleichaltrigen Techniken und Strategien vermitteln, mit denen sie im Umgang mit diesen Belastungen erfolgreich sein können.

Betreuung

Sportpsychologische Betreuung wird zum Ziel der Entwicklung und Förderung von Leistung, Persönlichkeit und Gesundheit eines Sportlers ausgeübt. Im Leistungssport ist sportpsychologische Betreuung idealerweise als kontinuierlich-begleitende Arbeit im Training und Wettkampf organisiert. Die praktische Betreuungsarbeit ist hierbei zielgerichtet, systematisch, wissenschaftlich gesichert und übungsorientiert. In Einzelfällen finden aber auch kurzzeitige Maßnahmen (z.B. Kriseninterventionen) bei einzelnen Sportlern oder ganzen Teams statt, sind aber eher die Ausnahme. MentalGestärkt will darüber hinaus mit Informationsmaterialien, Vorträgen, Veranstaltungen und Weiterbildungen Angebote schaffen, die sportpsychologische Betreuer für die Früherkennung von (klinischen) psychischen Störungen sensibilisieren.

Therapie

Obwohl für Leistungssportler der Gang zum Orthopäden oder Internisten zum Trainingsalltag gehört, ist es leider noch nicht selbstverständlich, bei Hinweisen auf eine mögliche psychische Störung (z. B. eine Depression oder eine Angsterkrankung) einen psychologischen Psychotherapeuten oder einen Facharzt für Psychiatrie aufzusuchen. Dabei ist eine kompetente Diagnostik entscheidend, um die optimalen therapeutischen Schritte einzuleiten, die es dem Sportler ermöglichen, kurz-, mittel- oder langfristig in den eigenen Sport zurückzukehren. MentalGestärkt will in der Säule Therapie vor allem daran arbeiten, die Akzeptanz psychotherapeutischer und psychiatrischer Arbeit im Setting Leistungssport zu erhöhen, damit Sportler und Trainer, aber auch Angehörige von betroffenen Athleten „niedrigschwellige“ Angebote zur optimalen Versorgung annehmen können. Dazu sollen neben einer verbesserten Information der Öffentlichkeit und des Fachpublikums vor allem die Aus-, Fort- und Weiterbildung unterschiedlicher Zielgruppen sowie die Prophylaxe und Beratung in Hinsicht auf psychische Erkrankungen im Feld des Leistungssports vorangetrieben werden.

Netzwerkbildung

Experten der Felder Edukation, Betreuung und Therapie sollten optimalerweise „Hand in Hand“ arbeiten, sodass die Sportler heimatnah und schnell versorgt werden können. MentalGestärkt greift in der ersten Pilotphase der Initiative auf bereits bestehende Expertennetzwerke zurück, deren Zusammenarbeit und Kooperation organisiert und ständig weiterentwickelt werden. Im Rahmen der edukativen Säule ist die Zusammenarbeit mit Mentaltalent.de (www.mentaltalent.de) ein positives Beispiel. In diesem Projekt, das sich an der DSHS seit fünf Jahren mit sportpsychologischer Talentförderung befasst, stehen bereits Sportwissenschaftler, Sportpsychologen, aber auch Experten aus Nachbardisziplinen als Betreuer von Athleten-Workshops zur Verfügung. In der Säule der Betreuung kann MentalGestärkt auf bereits bestehende Netzwerke zurückgreifen, beispielsweise auf die Kontakte der Zentralen Koordination Sportpsychologie (ZKS) im Deutschen Olympischen Sportbund sowie auf das Sportpsychologie-Portal des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp). Im Arbeitsbereich Therapie arbeitet MentalGestärkt eng mit dem Netzwerk des Referats Sportpsychiatrie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) zusammen.

Fazit

Nicht nur die zahlreichen Zugriffe auf die Homepage von MentalGestärkt (www.mentalgestaerkt.de), sondern auch die Anfragen von betroffenen Sportlern und Sportlerinnen, die in den letzten Wochen Hilfe bei MentalGestärkt gesucht haben und die daraufhin schnell, diskret und heimatnah versorgt werden konnten, verdeutlicht die Notwendigkeit solch einer Initiative. Einzigartig ist dabei die optimale Kooperation der an der Initiative beteiligten Professionen und Institutionen, die eine erfolgreiche Arbeit im Feld der psychischen Gesundheit und zum „Wohle des Athleten“ erst möglich macht. Außerdem zeigt die Resonanz auf die bisherigen Veranstaltungen (u.a. Trainerausbildung, Spielerberaterausbildung, Fußballlehrerlehrgang, Sportpsychiatrie-Workshop für Psychiater, Workshop für Sportpsychologen mit Inhalt Psychiatrie), dass hier ein großer Fort- und Weiterbildungsbedarf besteht, den die Experten des MentalGestärkt-Teams in den nächsten Jahren abdecken möchten.

Literatur bei der Autorin

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Ausgabe MSN 6 / 2011

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 6 / 2011.
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