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Bobfahren - Interview mit Karl Angerer

Bobfahren - Interview mit Karl Angerer

Karl Angerer ist einer der besten deutschen Bobpiloten und schaffte mit seinem Team den Durchbruch in die Weltspitze. Masiar Sabok Sir von MedicalSportsNetwork sprach mit dem 28-jährigen Sportler über Erfolge, Verletzungen und dem Gefühl mit sechsfacher Erdbeschleunigung durch Schikanen zu schießen.

Karl Angerer, der Bobsport wird auch als die „Königsklasse“ des Schlittensports bezeichnet. Welche grundlegenden Unterschiede gibt es zum ­Rennrodeln und Skeletonsport?

Der größte Unterschied ist natürlich das Gerät, das viel größer, schwerer und auch teurer ist. Der Start ist ganz anders und auch das ganze Drumherum. ­Bobfahren ist ein Teamsport, das heißt, dass wir als Piloten den Sommer über ein Team zusammenstellen und formen müssen, was sehr kostspielig ist, da die meisten Anschieber sehr viel Geld bekommen. Auch müssen wir auf eigene Kosten Trainingslager, gemeinsames Anschubtraining usw. koordinieren.

Wie sind Sie eigentlich zum Bobsport gekommen?

Zum Bobsport bin ich durch Zufall ­gekommen. Ich war seit 1998 als Funktionspersonal in der SportFGrp Bischofswiesen/Strub tätig, dort lernte ich viele Sportler kennen. Im Sommer 98 fragte ich jemanden, ob ich einmal mit einem Bob mitfahren könnte. Dies ­wurde wohl falsch verstanden, denn im Winter 99 bekam ich einen Anruf von Hans Wimmer (Landesverband Trainer Bayern), der mich zur Bobbahn am ­Königssee bestellte. Dort setzte er mich bei einem anderen Bobpiloten in dem Bob. Die zweite Fahrt saß ich schon selber an den Lenkseilen und hinter mir Hans Wimmer, was sehr mutig von ihm war. Es machte von Anfang an total Spaß und seitdem bin ich Bobfahrer.

*Bobs erreichen Geschwindigkeiten von weit über 100, teilweise 140?km/h.
Erzählen Sie uns bitte etwas über die Verletzungsrisiken, die sich daraus
ergeben!*

Wenn man mit dem Bob startet, wird er immer schneller und schneller bis zu knapp 150?km/h. Man kann während der Fahrt nicht bremsen. Nur ein kleiner Fehler an den Lenkseilen und man kann stürzen. Bobsport ist ein Rennsport. Es ist normal, dass Stürze vorkommen. Meist geht es jedoch glimpflich aus – Prellungen und Verbrennungen vom Rutschen über das Eis gehören dazu. Das Problem ist nur, dass die Bobs ­immer schmäler und niedriger gebaut werden und somit bei einem Sturz der Bob nur noch wenig Schutz bietet.
Ganz oben hat man nur noch einen Helm auf dem Kopf, der schützt.

*Bei einem Sturz in Cortina verletzten Sie sich schwer am Halswirbel.
Was ist genau passiert und wie verlief der Heilungsprozess/Reha?*

Im 1. Lauf des Europacup-Finales in Cortina d’Ampezzo (Italien) 2005 stürzte ich im 2er Bob schwer. Im Krankenhaus wurde bei mir ein Bruch des sechsten Halswirbels und bei meinem Anschieber ein Bruch des Lendenwirbels festgestellt. Noch am selben Abend wurden wir nach Deutschland in das Krankenhaus Traunstein gebracht. Dort wurde am nächsten Morgen eine CT durchgeführt. Im ­Anschluss wurden wir zu unserem Glück durch Druck von Stefan Kraus ­(Generalsekretär Bob- und Schlittensportverband für Deutschland) in das Orthozentrum München gebracht, wo wir von Wirbelsäulen-Spezialisten ­behandelt und operiert wurden. Die ­genauen Untersuchungen ergaben, dass ich nur knapp einer Querschnittlähmung entgehen konnte. Ich bekam eine Titanplatte über HWS 5–7 und statt zwei Bandscheiben zwei Versteifungen. Bei Ronny stellte man einen komplizierten Bruch des Lendenwirbels fest. Die OP verlief gut, wir konnten 5 Tage nach der OP das Krankenhaus wieder verlassen. Ronny begab sich zu einer Reha nach Bad Wiessee. Ich blieb ­daheim in Berchtesgaden, wo ich bei Markus Hirschbiehl eine ideale physiotherapeutische Betreuung bekam. Ich machte sehr gute Fortschritte und ­konnte ab August wieder voll ins ­Training einsteigen.

*Gibt es eine spezielle medizinische Kontrolle vor, während und nach den Wettkämpfen?*
Ich hab vor und nach jeder Saison eine Untersuchung bei Dr. Schneider im ­Orthozentrum München. Das reicht, ist alles gut verschraubt :-) .

Die Beschleunigung in den Steilkurven und Schikanen kann kurzzeitig 6g (sechsfache Erdbeschleunigung) er­reichen. Wie können wir uns das vor­stellen und welche Auswirkungen hat das für Anfänger?

Es ist eigentlich mit nichts anderem zu vergleichen. Man hat bis zu 6 g, das ist nicht ohne! Das Schlimmste ist, dass das eine sehr ruppige Angelegenheit ist und sehr viele Schläge kommen. Die, die schon öfter gefahren sind, wissen was auf einen zukommt. Man kann entsprechend atmen und die Muskulatur anspannen. Aber selbst dann ist man im Ziel ganz schön im Eimer. Es ist sehr schwierig, trotz all dem die totale ­Konzentration zu halten und den Bob sicher und schnell ins Ziel zu lenken. Besonders wenn man zum ersten Mal auf einer neuen Bahn ist und nicht weiß, was auf einen zukommt, ist das Gefühl am Start schon etwas komisch. Auch wenn man die Bahn schon Hundert Mal im Kopf durchgegangen ist. Das Schöne beim Bobfahren ist, es kann ­jeder einmal ausprobieren, auf ziemlich allen Bahnen gibt es Gästebobfahrten mit Original-Bobs.

*Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, wenn man Bobfahrer
werden möchte?*

Wir sind immer auf der Suche nach neuen Bobfahrern und auch Bobfahrerinnen, besonders Anschieber(innen). Man muss sehr schnell sein und auch ein bisschen Gewicht – ca. 85?–110?kg, bei Frauen reichen 80?kg – mitbringen. Auch braucht man Mut und sollte kein Weichei sein. Es ist von Vorteil, wenn man Erfahrungen in der Leichtathletik oder einem anderem Schnelligkeitssport hat. Wenn man dann einmal mitgefahren ist, will man eh nix anderes mehr machen.

*Wie sieht das typische Training eines Bobpiloten aus? Gibt es spezielle
Methoden, wie z.?B. mentales Training?*

In erster Linie machen wir das Gleiche wie die Anschieber. Im Athletikbereich trainieren wir hauptsächlich Kraft – Schnellkraft, Lauf und Sprung. Für das spezielle Piloten-Training hat jeder ­Pilot sein eigenes Programm. Für mich ist es sehr wichtig, dass ich auch im Sommer Videos von den verschiedenen Bahnen anschaue und sie immer wieder im Kopf durchgehe. Ich versetze mich oft in ein Rennen und simuliere die Fahrt. Auch die Konzentration zu schulen ist sehr wichtig. Es gibt auch andere Tätigkeiten wie z.?B. Gokart fahren, währenddessen man für den Bob trainieren kann.

Bobs sind heutzutage High-Tech-Geräte. Basteln Sie selbst noch ein wenig rum oder wird das nur noch von Spezialisten gemacht?

Im Fernsehen sieht es immer so aus, als wäre ein Bob nur eine „Plastikschüssel“ mit vier Kufen unten dran. In Wahrheit ist so ein Bob ein sehr anspruchsvolles High-Tech-Gerät, das heutzutage von Wissenschaftlern entwickelt wird. ­Renommierte Institute sind an der ­Entwicklung von Bob-Hauben, -Rahmen und -Kufen beteiligt. So ein Aufwand ist gut mit der Formel 1 zu vergleichen. Wenn man die Entwicklung mit dazunimmt, übersteigt ein renn­fertiger Bob sicher die Millionengrenze. Ich als Pilot schraube natürlich immer sehr gern auch selbst an meinen ­Geräten und habe meinen Bob schon
das ein oder andere Hundertstel schneller gemacht. Es gibt natürlich viele ­Dinge, die man als Pilot auch selber baut, in erster Linie die Kufen. Man wird nur eben immer wieder von
den finanziellen Anforderungen ausgebremst. Man muss sich gut überlegen, einen Satz Kufen selbst zu bauen – das kostet ca. 8.000 €. Nur weiß man nicht, ob der auch funktioniert. Wenn nicht, hat man das Geld grad zum Fenster hinaus geworfen.

Was sind Ihre Pläne und Ziele für 2008?

Ich muss in der Vorbereitungsphase die Qualifikation für die ersten Weltcups der Saison 2008/2009 schaffen, dass wird sehr schwer. In der gerade zurückliegenden Saison habe ich diese Qualifikation geschafft und war bei den Weltcups in Übersee dabei. Um meine Performance zu stabilisieren, ist es wichtig, dass ich im Sommer schon meine Mannschaft und mein Material habe und mich ordentlich auf die ersten ­Selektionsrennen vorbereiten kann. Das geht natürlich nur mit guten Sponsoren, von denen ich immer noch einige ­suche!

Leute, denkt mal darüber nach –
Bob ist spektakulär und super für die Vermarktung von Leistung auf höchsten Niveau durch die Kommunikation.

Ausgabe MSN 2 / 2008

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 2 / 2008.

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