21.05.2012 18:03 - Über uns - Impressum & Kontakt - succidia AG - Partner
Doping und kein Ende !?

Doping und kein Ende !?

Wie der Betrug mit verbotenen Substanzen den Leistungs- und Freizeitsport unterwandert

Das Thema „Doping“ hat in der Öffentlichkeit und der medialen Berichterstattung selten so viel Aufmerksamkeit erfahren wie in den vergangenen beiden Jahren. Insbesondere die scheinbar zahllosen Skandale und Enthüllungen im Profiradsport haben zu schweren Erschütterungen einer ganzen Sportart, ihrer Verbände und auch des berichtenden Sportjournalismus geführt!

Doch trotz dieser intensiven Thematisierung hat auch das Jahr 2008 verdeutlicht, dass von kleineren Veränderungen abgesehen (z. B. Verbesserung einzelner Testverfahren zum Nachweis verbotener Dopingsubstanzen und -methoden wie dem Blutdopingmittel Cera; zumindest angekündigter Ausstieg von ARD und ZDF aus der Berichterstattung zur Tour de France 2009) – sich speziell im Leistungssport hinsichtlich des Umgangs mit der Dopingproblematik nichts Wesentliches verändert hat.
Insbesondere (aber nicht nur) am Beispiel des Radsports, der durch positive Tests während der Tour de France erneut viel negative Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, lässt sich zeigen, dass die das Dopingsystem stabilisierenden Strukturen keineswegs ernsthaft reformiert worden sind. So ist unter Berufung auf das Scheinargument der
„zu schützenden Unabhängigkeit des Sports“ erfolgreich verhindert worden, dringend erforderliche gesetzliche Regelungen wie die Strafbarkeit des Besitzes auch geringer Mengen von Dopingsubstanzen (bei Leistungssportlern) zu erlassen. Es wird bewusst negiert, dass sich längst ein weltweit agierendes illegales System des Handels mit Dopingmitteln etabliert hat (geschätzter weltweiter Marktwert: 15 Mrd. Euro), welches mafiaähnliche Strukturen aufweist und sich fest in der Hand des organisierten Verbrechens befindet. Dabei ist die Personalinfrastruktur der Radsportteams oder der Trainingsgruppen in der Leichtathletik teilweise direkt mit dem kriminellen Umfeld des Schwarzmarktes verstrickt, wie es besonders deutlich beim Zusammenbruch des kalifornischen Dopingkartells „Balco“ des Victor Conte im Herbst 2003 wurde. Außer Acht gelassen wird zudem der Umstand, dass Doping und die damit verbundenen erheblichen Gesundheitsgefahren keinesfalls nur den Spitzensport betreffen, sondern von einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen aus¬zugehen ist, welches primär den Freizeitsport im Bereich der Fitnessstudios betrifft.
In seiner bemerkenswerten, im Auftrag der Welt-Anti-Dopingagentur (Wada) erstellten Analyse zum weltweiten ¬Handel mit Dopingmitteln („World Traffic in Doping Substances“) unterscheidet der italienische Sportwissenschaftler Alessandro Donati fünf unterschiedliche Nachfragemilieus, wobei die Kategorie der Besucher von Fitness¬studios mit ca. 40 % noch vor dem Leistungssport (ca. 35 %) den größten Anteil von denjenigen Gruppen stellt, die Bedarf am regelmäßigen Bezug von Dopingmitteln haben. Auf der Grundlage seiner Auswertung von bekannt gewordenen Dopingfällen und den Gesamtmengen beschlagnahmter Substanzen in zwanzig Ländern leitet Donati die Zahl von ca. 15,5 Mio. „Dopern“ weltweit ab. Die Ergebnisse Donatis werden durch neuere Studien zum Gebrauch von Dopingmitteln in Fitnessstudios in Deutschland bestätigt (z.B. Heiko Striegel: Doping im Fitness-Sport, 2008). Die Auswertung Hunderter von Fragebögen ergab, dass jeder fünfte Mann und beinahe jede zehnte Frau den Missbrauch von Arzneimitteln zu Dopingzwecken zugab. Mehr als die Hälfte derjenigen, die als Sportart Bodybuilding angaben (52,6 %), jedoch nur 7,9 % der Sportler, die Fitnesstraining und 10,5 % derjenigen, die Krafttraining als Sportart benannten, bejahten den Gebrauch von Dopingsubstanzen. Bei 6.500 Studios bundesweit mit mehr als 4,6 Mio. Mitgliedern ist somit von mehr als 450.000 sich dopenden Freizeitsportlern auszugehen, die pro Jahr mindestens 200 Mio. Euro für die von ihnen regelmäßig benötigten Mittel ausgeben. Nicht einberechnet sind in diese Summe die unkalkulierbaren Behandlungskosten, die der Allgemeinheit durch die Folgen des Substanzmissbrauchs entstehen.
Die ernormen gesundheitlichen Gefahren, die bei einem Arzneimittelmissbrauch über einen längeren Zeitraum drohen – insbesondere bei Freizeitsportlern, die in der Regel nicht unter ärztlicher Kontrolle stehen – werden dabei noch immer unterschätzt. Die Bandbreite möglicher Nebenwirkungen ist enorm. Sie reicht beim Missbrauch anaboler Steroide von der Steigerung der Aggressivität und unkontrollierten Zornausbrüchen, Hodenschrumpfung und Brustentwicklung beim Mann, sog. Virilisierung bei Frauen (u. a. Vertiefung der Stimme, Klitorisvergrößerung, männliche Behaarung), extremen Wassereinlagerungen und Haarausfall bis zu einem hohen Arteriosklerose- und Herzinfarktrisiko, der Gefahr des plötzlichen Herztodes, starken Leberschäden (Tumorbildung) sowie psychischer Abhängigkeit. Bei der Einnahme von Wachstumshormonen führt die Einnahme über einen längeren Zeitraum u. a. zur Bildung von Ödemen, zum extremen Wachstum von Kinn, Nase, Ohren, Händen und Füßen, zur Ausbildung einer dicken, schwartigen Haut und zu einem extremen Wachstum des Herzens und des Weichteilgewebes sowie dadurch bedingten kardiovaskulären Problemen. Insgesamt ist das Dunkelfeld dopingbedingter Gesundheitsschäden und Todesfälle daher kaum zu überschauen.
Für einen entschlossenen Kampf gegen die „Seuche“ des Dopings ist zum einen die nachhaltige Entwicklung von Aufklärungs- und Präventionsprogrammen erforderlich, die bereits im Kindergarten- und Grundschulalter ansetzen und mit dem zentralen Gedanken des „Fairplay“ die Herausbildung einer Anti-Doping-Haltung zum Ziel haben müssten. Die Verbände und die Sportpolitik haben in dieser Hinsicht noch großen Nachholbedarf, im Bundeshaushalt waren für das Jahr 2007 gerade einmal 300.000 Euro für Prävention eingeplant. Zum anderen ist für den Bereich des Leistungssports die bereits erwähnte Einführung einer Besitzstrafbarkeit auch von Kleinstmengen an Dopingsubstanzen im Arzneimittelgesetz sowie die Schaffung eines neuen Straftatbestandes „Sportbetrug“ im Strafgesetzbuch zu fordern, der neben weiteren strafwürdigen Verhaltensweisen die Handlung des „Dopens“ als unlautere Wettbewerbsverzerrung unter Strafe stellen könnte. Nur auf diese Weise wäre eine effektive Strafverfolgung zur Aushebelung der hinter dem dopenden Sportler agierenden Netzwerke möglich, wie u. a. die spek¬takulären Anti-Doping-Ermittlungen während der Tour de France 1998 oder das Vorgehen der Guardia Civil gegen das Fuentes-Netzwerk in Spanien gezeigt haben. Hierfür müsste endlich das Märchen der „Selbstreinigungskräfte“ des Sports aufgegeben werden und hätten die nationalen und internationalen Verbände offen einzugestehen, dass die inzwischen entstandene internationale Kriminalität beim Doping ihre Kompetenzen weit überschreitet und das Eingreifen des Staates verlangt.

Dr. Matthias Braasch

Ausgabe MSN 2 / 2009

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 2 / 2009.
Das komplette Heft zum kostenlosen Download finden Sie hier: zum Download

Der Autor:

Weitere Artikel online lesen