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Pilates und Physiotherapie in der Sportmedizin

Pilates und Physiotherapie in der Sportmedizin

Vorweg: Pilates als Workout und als Methode in der Physiotherapie sind völlig unterschiedliche Dinge. Geht es um das sehr traditionelle Pilates oder um pilatesbasiertes Training auf der Grundlage der Pilates-Prinzipien? Das Letzt genannte feiert schon seit einigen Jahren in den USA große Erfolge – auch in der Vor-Rehaphase und wird zunehmend wissenschaftlich erforscht.

Das klassisch-traditionelle Pilates im Bereich der Physiotherapie ist in Deutschland noch kein sehr verbreitetes Phänomen. Dieser Stil gilt als reines Training und nicht als Therapie. Klassisches Pilates im Anschluss an eine akute Behandlungsphase, vergleichbar mit einer Reha-Trainingsmaßnahme, kann allerdings überaus sinnvoll sein, sobald es in der Therapiephase soweit ist, mit aktiven Übungen zu beginnen.

Was ist Pilates?

Das methodische Übungsprogramm auf der Grundlage von Prinzipien wird auf der Matte bzw. an den Pilates-Studio geräten geturnt; Es ist es immer ein Ganzkörpertraining, bei dem die Balance von Kraft, Kontrolle und Flexibilität gewahrt wird. Was das Pilates-Training von anderen Trainingsformen unterscheidet, ist die systematische Basis der Prinzipien wie zum Beispiel Atmung, Kontrolle, Zentrierung, Konzentration, Präzision und Bewegungsfluss. Nur wenn die Prinzipien in einer Übung fokussiert werden und die Bewegung von einem stabilen Körperzentrum ausgeht, wird eine unscheinbar wirkende Übung zu Pilates.

Was kann Pilates?

Das Training nach der Pilates-Methode integriert beim Training den Oberkörper, das Becken und den Schultergürtel – dieses Training in „geschlossenen Muskelketten“ sorgt, kompetent angeleitet und betreut, für optimale Rumpfkraft und -kontrolle. Über die Arbeit mit den Prinzipien wird Trainierenden bewusst, wie sich der Körper anfühlt, wo er sich im „Raum“ befindet, wie der Körper mit Bewegung umgeht und diese Bewegungen „kontrolliert“ und reguliert. Das Bewegungssystem Pilates erzielt den Aufbau eines muskulär ausbalancierten Körpers mit gut geschulter Eigenwahrnehmung, mit der Fähigkeit den Körper auszurichten, zu stabilisieren und die richtigen Muskeln in der richtigen Reihenfolge zu aktivieren.

Pilates in der Physiotherapie

Pilates in seiner ursprünglichen Form ist ein sehr individuelles Einzeltraining und integrativ in der Nutzung der Pilates-Studiogeräte. Unter Joseph Pilates bekam jeder seiner Schüler entsprechend seiner Bedürfnisse ein etwas anderes Training. Beim Einsatz der Pilates-Methode in der Physiotherapie fußt dieser Gedanke wieder auf Aktualität und Selbstverständlichkeit. Das Training in der Physiotherapie ist begründet auf der Überlegung, dass die „Wiedereinführung“ von Bewegung ohne destruktive Kräfte, die auf die empfindlichen (sub)akuten Strukturen wirken, den Heilungsprozess beschleunigt.
Diese „Hilfestellung“ geschieht einmal über das Training mit den Pilates-Studiogeräten, die Joseph Pilates im Laufe seines Lebens entwickelte. Aber eben auch durch die stringente Akzeptanz der Prinzipien: keine Übungsausführung ohne Präzision, ohne Powerhouse, ohne Konzentration. So schützt sich der Körper selbst vor „ gefährlichen“ Bewegungen und der Trainierende sich und seinen Körper durch das geschulte Bewusstsein.

Durch die medizinische Brille

Es geht nicht um die Frage Pilates oder Physiotherapie. Es geht darum, wie und dass sich beide gegenseitig ergänzen und unterstützen. Das Training nach der Pilates- Methode hat unterschiedliche Wirkungen. Grundsätzlich können alle motorischen Grundeigenschaften wie Kraft, Beweglichkeit, Koordination, Schnelligkeit und Ausdauer durch das Training mit der Pilates-Methode, ob nun als Sport oder Reha-Maßnahme, gefördert werden. Schwerpunkte dabei sind zum Beispiel die Muskelaktivität des Beckenbodens, der autochthonen Rückenmuskulatur und des Transversus Abdominis. Diese Muskeln sind Kernbestandteile des „Powerhouse“ genannten und zu trainierenden Körperzentrums im Pilates. Unterschiedliche Studien zeigen die Bedeutung der Leistungsfähigkeit des Transversus und die Schlüsselrolle der tief stabilisierenden Muskulatur, besonders bei Menschen mit Rückenschmerzen.

So wenig wie möglich, so viel wie nötig

Ebenfalls zentrale gemeinsame Themen aus Physiotherapie und dem Training nach der Pilates-Methode sind das motorische Lernen und die „Rumpf-Kontrolle“. Bei der pilatesbasierten Physiotherapie wird eine gestörte oder unökonomische Bewegung analysiert und zerlegt. Diese Einzelbewegungen werden dann mit den Pilates-Studiogeräten trainiert: Die wirkungsvollsten Momente bieten das Training mit Federkraft und die mögliche veränderte Lage des Körpers zur Schwerkraft. Sind die Bedürfnisse des Patienten analysiert und das zu erreichende Ziel zum Erfolg geplant, wird Schritt für Schritt eine ähnliche Bewegung auf Grundlage der Prinzipien komponiert. Die Möglichkeiten sind sehr vielfältig, aber immer auf dem passenden Niveau, sodass die Beanspruchung für die Extremitäten nur so hoch ist, dass die Rumpfkraft die Bewegung noch unterstützen kann. Um das Training ebenfalls auch schon früh für den Patienten anzupassen und ggf. pilatesbasierte oder PilatesÜbungen anzuwenden, kann der Therapeut die Einwirkung der Schwerkraft auf den Körper und die Unterstützungsfläche reduzieren. Diese Manipulation der Lebenswelt bedeutet eine erhebliche Reduzierung dessen, was vom Nervensystem kontrolliert werden muss. Der Neu/Wiedererlernprozess der gestörten Bewegung wird deutlich beschleunigt. Wenn die Bewegungen erfolgreich zusammengeführt sind, kann der Patient auch wieder gefordert werden, indem die Unterstützung durch das Gerät an sich, durch Federwiderstand oder durch einen erneuten Wechsel des Körpers zur Schwerkraft verändert wird.

Fazit

Mit dem Ziel, den Körper und hier besonders den Rumpf zu stabilisieren, aktivieren Menschen häufig falsche Struktursysteme. Es ist plausibel, dass Überstabilisierung bzw. eine unökonomische Stabilisation die Effizienz der Bewegung hemmt, ineffiziente Bewegungsmuster zur Gewohnheit werden lässt, die wiederum für frühe (Muskel) erschöpfung verantwortlich sind und letztendlich über Dysbalancen zu Verletzungen führen. Mithilfe der pilatesbasierten Physiotherapie werden Positionen geschaffen, in denen die Propriozeption niedriger ist und in denen der Patient unnötige Muskelaktivitäten minimieren kann.

klement@pilatesmagazin.de

Foto: © Niko Guido, istockphoto.com

Ausgabe MSN 5 / 2010

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 5 / 2010.
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