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Perfektionismus im Sport – Fluch oder Segen?
Perfektionismus im Sport – Fluch oder Segen?
Athleten mit perfektionistischen Tendenzen sind nicht selten zu finden. Gerade in den technisch-kompositorischen Sportarten ist die Fähigkeit, eine Bewegung so perfekt wie möglich ausführen zu können, ein zentraler Faktor in der Leistungserbringung. Aber auch in anderen Sportarten, insbesondere in Sportarten, in denen es unter anderem auf das Material bzw. die Materialbehandlung ankommt, sind perfektionistische Tendenzen durchaus hilfreich und können die sportliche Leistung unterstützen.
Andererseits kann Perfektionismus auch störend wirken. Diese eher negative Seite dieser Persönlichkeitsdisposition wird insbesondere dann deutlich, wenn Athleten ihre in der Regel hohen, selbst definierten Ziele nicht erreichen. Oftmals reagieren sie dann mit Wut, Ärger und frustrierenden Selbstgesprächen, die von Selbstzweifel und Besorgnis gekennzeichnet sind. Ein gutes Beispiel, dass dieses Phänomen verdeutlicht, ist die kürzlich, auch heftig in der Öffentlichkeit geführten Debatte der Athleten über die verschiedenen Schwimmanzüge und dem mutmaßlichen Nachteil des Anzugs eines Anbieters, vom dem der Deutsche Schwimmverband ausgestattet wird, im Vergleich zu dem eines anderen Anbieters, in dem schon 19 Weltrekorde geschwommen wurden.
Diese Athleten, die über eine hohe Leistungsmotivation verfügen und in der Lage sind, hohe Maßstäbe an sich zu stellen, antizipieren somit einen mutmaßlichen Nachteil, der sie daran behindert, ihre volle Leistungsfähigkeit auszuschöpfen. Reagiert wird dann oftmals, wie schon angedeutet, mit leistungsbeeinträchtigendem Ärger und Selbstzweifel.
Perfektionismus ist eine überdauernde Persönlichkeitsdisposition, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Individuen, die eine hohe Perfektionismusausprägung aufweisen, sehr hohe, teilweise auch manchmal unrealistische Ansprüche an sich selbst stellen und mit negativen Emotionen reagieren, wenn sie diese Ansprüche nicht erfüllen können. Historisch betrachtet kommt die Perfektionismusforschung eher aus der Klinischen Psychologie.
Der vorliegende Forschungsstand zum Thema zeigt, dass insbesondere Suchterkrankte häufig hohe Perfektionismustendenzen aufweisen. Die Suchterkrankung ist somit häufig eine Konsequenz nicht verarbeiteter Misserfolge aus Leistungssituationen, die auf der Basis unrealistischer Zielsetzungen, also zu hohen Selbstansprüchen, entstanden sind. Der dadurch entstandene subjektiv erlebte Kontrollverlust wird mit suchtspezifischem Verhalten kompensiert. Das Ergebnis ist dann in einigen Fällen eine Ausprägung einer Anorexia- und/oder Bulimia-Nervosa.
Somit wurde also dieses psychologische Konstrukt auch im Sport zunächst eher kritisch und negativ bewertet. Eine differenziertere Betrachtung dieses Konzepts, auch im Leistungssport, erfolgt erst seit knapp fünf Jahren. Das erste Problem, das es zu lösen galt, war die Entwicklung einer Psychodiagnostik (in Form eines Fragebogens), die das Perfektionismuskonstrukt insbesondere im Sport differenzierter erfassen konnte. Die vorliegenden Messinstrumente waren 1. weniger sportspezifisch und 2. stark von der eher kritischen Sichtweise des Perfektionismus aus der Klinischen Psychologie beeinflusst. Eine genaue Betrachtung dieser Persönlichkeitsdisposition macht jedoch deutlich, dass
mit der Fähigkeit, hohe Ansprüche an sich selbst und insbesondere an die
eigenen Fähigkeiten zu haben, eine für den Leistungssport zentrale und wichtige Voraussetzung für eine optimale Leistung vorliegen muss.
In der Tat durfte der eher problematische Aspekt, nämlich die Entstehung von negativen Emotionen nach Nichterfüllung selbst definierter Leistungsvorgaben nicht aus dem Auge verloren werden. Somit entstand im Jahr 2004 zunächst das Multidimensionale Inventar zur Messung von Perfektionismus im Sport (MIPS). Der MIPS misst also zum einen das Vorliegen perfektionistischer Bestrebungen im Sport im Sinne des Strebens nach einem sich selbst gesteckten, hohen, sportlichen Ziel (Perfektionistische Bestrebungen) und zum anderen die Ausprägung negativer Emotionen bei einer Nichterreichung dieses selbstgesteckten Ziels (Negative Emotionen). Es folgten dann eine Reihe verschiedener Querschnittstudien im Sport, die nachweisen konnten, dass die Dimension der Perfektionistischen Bestrebungen von Athleten eher mit einer generell hohen Leistungsmotivation und die Ausprägung der Dimension der negativer Emotionen bei einer verfehlten Zielerreichung hoch mit Angst und Selbstzweifel korrelierten. Somit konnte zunächst festgestellt werden, dass Perfektionismus im Leistungssport nicht negativ zu bewerten ist, solange der Athlet in der Lage ist, seine negativen Emotionen kontrollieren kann.
Jedoch blieb der eigentliche, objektive Nachweis der leistungsmindernden oder der eher leistungsfördernden Rolle des Perfektionismus im Sport noch aus. Darüber hinaus wurden die ersten Querschnittsstudien zumeist nur an Sportstudierenden durchgeführt und nicht etwa an Hochleistungssportlern. Das Erfolgskriterium war in den ersten Studien ein sog. eher „weiches“ Kriterium, nämlich die Selbstberichte der Probanden.
Einen ersten Fortschritt in der weiteren Erforschung dieses Konstruktes konnte eine Studie an den insgesamt 160 besten Eishockeyspielern im U16-Bereich aus Finnland zeigen. Hier konnten die schon oben genannten Zusammenhänge zwischen perfektionistischen Bestrebungen und positiven motivationalen Konstrukten (wie z.?B. einer leistungsförderlichen Zielorientierung) und negativen Emotionen mit eher negativen motivationalen Konstrukten (wie z.?B. einer reinen, eher leistungsmindernden Ergebnisorientierung) erstmals an einer Stichprobe von Hochleistungsathleten repliziert werden. In einer darauf folgenden Studie wurde dann erstmals mit einem objektiven Leistungsparameter operiert. Im Rahmen eines korrelativen Untersuchungsdesigns sollten 122 Probanden insgesamt vier Serien mit jeweils sieben Würfen einer – eher für den Basketball atypischen – Wurfleistung durchführen.
Vor der Absolvierung der Aufgabe beantworteten die Versuchspersonen das „Mehrdimensionale Inventar Perfektionismus im Sport“. Ein zentrales Ergebnis war, dass die erfolgreicheren Probenden höhere Ausprägungen in der Subdimension der perfektionistischen Bestrebungen aufwiesen. Die Dimension der negativen Reaktionen hatte keine leistungsprognostische Funktion. Somit konnte das zunächst auf eher „weichen“ Kriterien basierende Ergebnis, nämlich dass Perfektionismus im Sport durchaus hilfreich im Leistungserbringungsprozess wirken kann, nun erstmals auch auf der Basis motorischer Leistungsdaten bestätigt werden. Aktuell laufen interessante Studien in England, die eine leistungsbeeinträchtigende oder -fördernde Funktion bei Triathleten aufklären sollen. Darüber hinaus werden aktuell sportpsychologische Interventionsprogramme entwickelt, die hoch perfektionistischen Athleten helfen sollen, ihre möglicherweise auftretenden negativen Emotionen nach Nichterfüllung der eigenen sehr hohen Zielstellungen besser zu bewältigen und somit von den eigentlich leistungsfördernden perfektionistischen Bestrebungen zu profitieren. Die zukünftige, sportpsychologische Forschung wird also noch spannende Fragestellungen im Zusammenhang mit der Perfektionismusforschung aufklären können.
Prof. Dr. Oliver Stoll
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http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/9376
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