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Überlastungen und Verletzungen beim Volleyball

Überlastungen und Verletzungen beim Volleyball

Gefahr lauert am Netz

Der Volleyballsport zählt auch ohne Körperkontakt mit dem Gegner zu den sog. „gefährlichen“ Sportarten. Ursächlich sind die volleyballspezifischen komplexen Anforderungen an den Stützund Bewegungsapparat. Überlastungsschäden und chronische Verletzungen sind weit häufiger zu be obachten als akute Verletzungen. Prävention und Behandlung stellen eine Herausforderung an das gesamte therapeutische Team dar.

Aufgrund des wachsenden Interesses an Hallen- aber insbesondere an Beachvolleyball ist die Zahl von Überlastungen und Verletzungen in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Dies stellt nicht nur eine medizinische Herausforderung an das gesamte therapeutische Team, sondern auch eine sozioökonomische Belastung dar. Insbesondere für den Leistungssportler zählen Überlastungen und Verletzungen zu den einschneidenden Erlebnissen und können zum vorzeitigen Karriereende führen.

Komplexes volleyballspezifisches Anforderungsprofil

Das Volleyballspiel ist geprägt von einer Aneinanderreihung kurzer zyklischer und azyklischer Belastungsphasen. So wird das Bewegungsbild dominiert von schnellsten Antritten und abrupten Stops, einer extrem hohen Sprung- frequenz sowie von volleyballspezifischen Schlag- und Blockbewegungen. Regelmäßig werden Reaktions- und Beschleunigungsschnelligkeit bzw. Explosiv-, Start- und Schnellkraftfähigkeit der unteren Extremitäten abverlangt. Grundvoraussetzung ist eine überdurchschnittliche Propriozeptionsfähigkeit bei Bewegungen der Schulter-, Knie- und Sprunggelenke. Hinzu kommen der enge Bewegungsraum und hohe Anforderungen an das Reaktionsvermögen. Die volleyballspezifischen Belastungsmuster werden über anaerob alaktazide Energiebereitstellung gewährleistet. Die langen Erholungsphasen zwischen den Ballwechseln
ermöglichen in der Regel die Regeneration der muskulären Energiespeicher.

Überlastungsschäden und chronische Verletzungen

Volleyball ist eine Überkopfsportart. Die meisten Ballaktionen finden in einer Höhe von 2,50 bis 3,50 m statt. Die extrem hohe Sprungbelastung sowie die hohe Anzahl einseitiger Armbewegungen stellen repetitive und meist uniforme Belastungen für den Bewegungsapparat dar und können volleyballtypische Überlastungssschäden und chronische Verletzungen hervorrufen. Die häufigsten chronifizierten Pathologien betreffen den Knie-Streckapparat (Quadrizepssehnenreizung, Chondropathia patellae, Patellaspitzensyndrom = sog. „ jumper´s knee“, Patellarsehnenreizung), den Schultergürtel (Supra- und Infraspinatus- Syndrom mit Impingement-Symptomatik, Bursitis subacromialis, Tendinitis der langen Bizepssehne, aktivierte Schultereckgelenkarthrose, Suprascapularis-Syndrom = sog. „Volleyball-Schulter“) sowie die Achillessehne (Achillodynien). Seltener sind Überlastungen der Wirbelsäule durch repetitive Stauchungen oder asymmetrische mechanische Belastungen sowie Stressfrakturen der unteren Extremitäten. Als Patellaspitzensyndrom (sog. „jumper´s knee“) bezeichnet man eine schmerzhafte, lokale entzündliche Reaktion am Ursprung der Patellasehne. Durch Über- oder Fehlbelastung können Mikroverletzungen entstehen und auf Dauer zu lokaler Degeneration der Sehnenmatrix führen. Dieses Syndrom ist gerade unter Volleyballern stark verbreitet (> 40 % der Spieler im Leistungsbereich), da die Sehne am Knochen starken Zugund Scherbewegungen unterliegt. Bei verspäteter oder unzureichender Behandlung des Patellaspitzensyndroms drohen dem Sportler langfristige Trainings- und Wettkampfpausen bis hin zur Sportaufgabe. Eine frühzeitige Diagnostik (Klinik, Sonografie, MRT) sowie eine umfassende konservative und ggf. operative Therapie sind für den Heilungserfolg entscheidend. Im Bereich des Schultergürtels ist das Supraspinatus- Syndrom die am häufigsten gestellte Diagnose. Ursächlich kann der einseitig ausgeführte Angriffsschlag mit hohen exzentrischen Belastungen sowie Druck- und Scherkräften auf die Rotatorenmanschette benannt werden. Am Ende der Angriffschlagbewegung befindet sich das glenohumerale Gelenk in maximal außenrotierter Stellung. Dies ist per se nicht als pathologisch zu bewerten. Durch exzentrische Glenoidbelastung und chronische Dehnungsbeanspruchung der vorderen Gelenkskapsel können jedoch weitere potenzielle Schädigungsmechanismen (z.B. Instabilität) begünstigt werden. Einseitige Belastungen führen an der Schlagschulter zwangsläufig zu einer muskulären Dysbalance. Aufgrund der extremen Abduktionsund Rotationsbe lastungen kommt es bei Volleyballspielern häufiger zur Kompression des N. suprascapularis, was zu einer konsekutiven Deinnervationsatrophie des M. infraspinatus (sog. „Volleyball-Schulter“) führen kann. Diagnostisch zeigt sich eine Außenrotationsschwäche im Schultergelenk mit charakteristischer „Muskelatrophie“ unter der Spina scapulae.

Akute Verletzungen

Etwa 5 bis 6 % aller Sportverletzungen sind volleyballbedingt. Im sportartspezifischen Vergleich liegt die Inzidenz für akute Verletzungen mit 2,6/1000 Spielstunden im mittleren Bereich. Dabei ist die Verletzungsgefährdung im Match mehr als doppelt so hoch wie im Training (1.5/1.000 Trainingsstunden zu 3.5/1.000 Matchstunden). In der Verletzungstopografie führt das obere Sprunggelenk mit 57,1 %, gefolgt von Hand- und Fingerverletzungen (16,7 %). Klassifiziert nach Verletzungstypen ergibt sich Folgendes: Distorsion im oberen Sprungelenk ohne Fremdeinwirkung (40,4 %), Distorsion im oberen Sprungelenk mit Gegnerkontakt (16,7 %), Ver letzungen bei der Ball - annahme (20,2 %), Zusammenprall mit Sturz (9,4 %), Spontanverletzungen und Kniegelenkdistorsion (10,3 %), Sonstiges (3,0 %). Spielaktionen in Netznähe wie Blockspiel und Angriffsaktionen sind am verletzungsträchtigsten (89 %). Daraus resultiert eine spielpositionsabhängige Verletzungshäufigkeits-Verteilung: Mittelblockspieler sind am häufigsten verletzt, gefolgt von Außenangreifern, Diagonalspielern sowie Zuspielern und Libero. Supinationstraumata im oberen Sprunggelenk sind in vier von fünf Fällen Rezidivverletzungen. Gerade im Hochleistungssport kommt einer möglichen chronischen Rezidivinstabilität besondere Bedeutung zu. Hauptursächlich ist die räumliche und zeitliche Nähe einer Vielzahl von Sprungaktionen am Netz zu sehen. So kommt es häufig vor, dass 4 Spieler (1 Angreifer, 3 gegnerische Blockspieler) bei einer Angriff-Block-Aktion auf engstem Raum springen und landen.
Dabei ist das Risiko einer Distorsion im oberen Sprunggelenk mit oder ohne Fremdeinwirkung als sehr hoch einzuschätzen. Auch schnelle Side-Step-Bewegungen beim Blockspiel oder in der Verteidigung sind ursächlich zu nennen. Die Grenze zwischen Distorsion, Kapselriss und Bänderriss ist fließend. Eine exakte Diagnosestellung ist vor Therapieeinleitung zwingend notwendig. Therapeutisch stehen grundsätzlich konservative und in Ausnahmefällen operative Methoden zur Verfügung. Die Nachbehandlung jedoch erfolgt in der Regel früh-funktionell. Eine längere Immobilisation ist unnötig und verzögert den Heilungsverlauf. Prophylaktisch kommen neben einem speziellen sensomotorischen Training der Automatisierung und exakten Technischen Durchführung der Sprungelemente größte Bedeutungen zu. Eingesetzt werden im Weiteren Sprunggelenkorthesen und speziell auf den Volleyballsport abgestimmte Schuheinlagen. So tragen sämtliche Kaderspieler des EnBW TV Rottenburg (1. Und 2. Bundesliga) sowohl zur Unfallprophykaxe als auch zum Schutz vor chronischen Rezidivinstabilitäten Sprunggelenkorthesen und Schuheinlagen.

Fazit

In Abhängig von der Spielposition wird jeder Volleyballspieler im Laufe seiner Karriere mit Überlastungen oder Verletzungen konfrontiert. Hierbei sind das sog. „jumper´s knee", das Supraspinatus- Syndrom, aber auch die sog. „Volleyball-Schulter“ hervorzuheben. Unter den selteneren Akutverletzungen des Volleyballers verdient das Supinationstrauma im oberen Sprunggelenk besondere Beachtung, zumal eine differenzierte Prävention
möglich ist.

Literatur beim Autor

m.schwitalle@winghofer-medicum.de

Ausgabe MSN 6 / 2010

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 6 / 2010.
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