Das große schwarze Loch
Das Leben nach dem Leistungssport
„Auf einmal sind sie alle weg!“ klagen Sportler, welche die glorreiche Zeit des Siegens und Kribbelns vermissen. Plötzlich ist die Karriere beendet, die so schön begonnen hat, die als steter Begleiter eine Sicherheit vermittelte, die das gewisse Etwas in seiner puren Eruption zu Tage brachte, immer
wieder und scheinbar nach Belieben. Irgendwann war es da, dieses unglaublich emotionale Gefühl des Gewinnens, der Moment des Triumphes,
die Annehmlichkeiten der
Bewunderung.
Die Gründe für einen Rücktritt vom Leistungssport sind so vielfältig, wie kompliziert. Die biologischen Alterungsprozesse des menschlichen Körpers mögen einsichtiger sein, als die Diskrepanz zwischen sportlicher Anforderung und körperlicher Voraussetzung. Die Gruppe derjenigen, die aufgrund fehlender Motivation oder wirtschaftlicher Perspektive den Sport für eine andere Karriere opfert, geht durchdachter und besser vorbereitet an die Sache heran und leitet ihren Abschied aus eigenen Stücken ein.
Auf dem Weg nach oben hat jeder Sportler Sieg und Niederlage kennen gelernt, hat die Höhen und Tiefen erlebt und ist meist einmal mehr aufgestanden, als er gestürzt ist. Es reizt ungemein und scheint süchtig zu machen, sich mit taktischem Gespür und spielerischer Strategie seine Nerven zu strapazieren und sich immer wieder seinen Ängsten zu stellen. Einer der Besten seiner Zunft sagte einmal vor seinem Weltrekordlauf: „Ich liebe es, Angst in den Startblöcken zu haben. Und ich hatte wirklich Angst!“
Angst in sportlicher Hinsicht scheint grundsätzlich anders gehandhabt zu werden als im Alltag. Auf dem Sportplatz können diese Gefühle kontrolliert und in positive Energie umgewandelt werden. Warum pilgern Millionen von Menschen wöchentlich in die Fußballstadien der Republik? Warum werden Sportler, zweifelsfrei ganz normale Menschen mit einer kleinen Gabe, angebetet und gefeiert? Weil sie emotionalisieren. Nirgends liegen Freud und Leid dichter beieinander, nirgends wird Erfolg ausgelassener gefeiert und ist genauer definiert als im Sport – und der Sportler mittendrin. Irgendwann will er immer mehr …
Ist der Sportler suchtanfälliger als Otto-Normal-Verbraucher, weil er Erfolg hat oder ist er erfolgreich, weil er das Streben nach dem Kick kompromisslos zu seiner Aufgabe gemacht hat? Letztlich muss jeder einzelne Fall betrachtet werden, aber je besser der Sportler in seiner Welt ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Ergebnis zu seinen Gunsten ausfällt. Wenn der Erfolg allerdings ausbleibt oder die normalen Reize des Sieges ausfallen, läuft er schnell Gefahr, Befriedigung auf anderer Ebene zu suchen.
Oftmals wird in der Zeit nach einer mehr oder minder erfolgreichen Karriere vom großen schwarzen Loch gesprochen. Plötzlich zählen Soft Skills und Routine. Der Sportler erlebt seltener extreme und positive Kicks, die er sich dann womöglich anders besorgen möchte. Es hat Wunder der Leibesertüchtigung gegeben, die ihr Vermögen selbstlosen Beratern zutrugen, die sich nur als Spezialisten in eigener Sache profilierten. Andere Ausflüchte spicken den Weg der Selbsterkenntnis und die facettenreiche Jagd nach dem neuen Glück lässt sich banal und engstirnig gestalten. Siegprämien lassen sich gegen Jetons austauschen, der Rausch des Sieges gegen Alkohol, das Adrenalin des Wettkampfes gegen Börsenzockerei, die Kicks gegen schnelles Fahren. All das endet irgendwann am Ende des Tachos und bei weitem nicht so emotional und zur eigenen Zufriedenheit, wie es der Hexenkessel Sport geschafft hat.
Es gibt zwei Extreme im Bereich der Hochleistungssportler: Den einen, der im Sport gelernt hat zu arbeiten, zu verlieren, mit größter Akribie an die Sache heranzugehen und dass er ein besonderes Hobby zur Perfektion treiben darf. Und den anderen, der nach kurzer Zeit den Sport als Lebensmittelpunkt sieht und vergisst, dass der Körper mit 30 Jahren schwächelt, der Geist
aber noch 50 Jahre beschäftigt werden möchte. Oftmals wird dieser Klientel zugute gehalten, dass sie viel verdienen und ausgesorgt haben müssen, da sie zehn Jahre nur Sport gemacht haben und damit auf dem Arbeitsmarkt keine Chance zur Qualifizierung haben. Vom schlechter bezahlten Maurer mit Bandscheibenvorfall wird hingegen eine Umschulung erwartet.
Manch ein Athlet sieht den Sport nicht als glückliche Station, sondern als Normalität, die ohne ihn nicht funktioniert. Am Ende der Karriere muss er aber seine Ansprüche runterbrechen, sich andere Ziele mit weniger öffentlicher Bestätigung suchen und Strategien entwickeln, Tugenden des Sports auf diese zu übertragen.
Etwas zu beenden, was geliebt wurde und täglich Antrieb zur Perfektion war, ist nicht leicht. Dem Traum, Großartiges zu leisten, wurde vieles untergeordnet und das zu Recht. Wenn er sich aber auf seine Stärke als Sportler verlassen und diese auf andere Situationen adaptieren kann, wird er sich nicht nur als Sportler sehen, sondern als ein Mensch mit besonderem Talent, der überall besteht. Nur mit gesenktem Blick sieht er das große schwarze Loch, welches so unheilvoll vor ihm lauert, blickt positiv nach vorne und schaut locker drüber weg.
Der Sportler hat den Nachteil, dass sein Rentenalter relativ früh erreicht ist. Viele Arbeitnehmer werden danach unzufrieden. Nur die, die sich vorbereitet haben und so neugierig wie beim Erlernen einer neuen Technik sind, werden den Ruhestand genießen. Und dass sie plötzlich alle weg sind, ist nicht wirklich richtig. Weg sind nämlich nur die, die vorher auch nicht da waren.
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