|
Ärzte & Sportklinik
>
Prof. Dr. med. Horst Rieger
>
Chirurgie - Wenn die Hand Schiffbruch erleidet
Chirurgie - Wenn die Hand Schiffbruch erleidetDer Kahnbeinbruch (Skaphoidfraktur) ist mit über 80 % der häufigste Knochenbruch im Bereich der HandwurzelDas Kahnbein (lateinisch Os scaphoideum) – benannt nach seiner wie ein „Schifflein“ gewundenen Form – ist ein wesentlicher Baustein des Handgelenks. Es hat unter den acht Handwurzelknochen eine zentrale Bedeutung und nimmt an nahezu allen Bewegungen des Handgelenks teil. Außerdem bildet das Kahnbein einen großen Teil der Gelenkfläche zwischen Unterarm und Handwurzel und vermittelt die Kraftübertragung zwischen Speiche und Daumen. Ein Kahnbeinbruch entsteht meistens durch einen Sturz auf die ausgestreckte Hand und ist relativ häufig bei Kontaktsportarten wie Fußball, Handball, Rugby, Football, Eishockey und Trendsportarten wie z.B. Inline-Skating. Besonders gefährdet sind Torhüter, bei denen der Kahnbeinbruch durch den harten Anprall des Balles gegen die Hand entstehen kann. Eine Häufung ergibt sich gerade auch in der kalten Jahreszeit durch den Wintersport, vor allem beim alpinen Skilauf und Snowboarden, jedoch auch beim vermeintlich „harmloseren“ Skilanglauf. Bei Kampfsportarten kann der Kontakt mit dem Gegner beim Fauststoß zum Kahnbeinbruch führen, beim Eishockey oder Feldhockey durch einen Schlag mit dem Sportgerät auf die Hand. Selten ist der Ermüdungsbruch als Folge einer chronischen Überlastung, z.B. beim Turnen (Stressfraktur). Diagnose erzwingen! Die Kahnbeinfraktur der Hand ist der am häufigsten übersehene Knochenbruch. Nicht selten gehen die betroffenen Sportler bzw. auch „normale“ Patienten davon aus, dass die Hand „nur verstaucht“ ist. Die Schwellung, die Schmerzen sowie die Einschränkung der Handgelenkbeweglichkeit müssen nicht sehr stark ausgeprägt sein. Manchmal schmerzt das Handgelenk bei Stauchung des Daumens. Relativ typisch, aber nicht immer vorhanden sind Schmerzen bei Druck in die so genannte Tabatière (französisch „Tabakdose“):
Das ist der durch mehrere Daumensehnen begrenzte Bereich zwischen dem Griffelfortsatz der Speiche und dem ersten Mittelhandknochen, der bei Streckung des Daumens wie eine Tabakdose vertieft ist und aus dem Tabak geschnupft werden kann. Dabei hat die Kernspintomografie als „Suchmethode“ zwar den Vorteil, dass sie keine Strahlenbelastung bedeutet und außerdem Begleitverletzungen aufdecken kann, z.B. Bänderrisse. Im Hinblick auf die Therapieplanung ermöglicht allerdings die Computertomografie in Dünnschicht-Technik eine bessere knöcherne Beurteilung sowie eine exakte Darstellung des Frakturverlaufs und einer eventuell vorhandenen Fehlstellung. Typisch ist die „Humpback“- oder „Buckel“- Deformität (englisch humpback). Dabei kommt es zum Abknicken des peripheren Bruchstücks nach palmar (zur Handinnenfläche) mit Buckelbildung der dorsalen (handrückenseitigen) Kahnbeinfläche. Therapie? Meistens operieren, nicht nur bei Sportlern!
Bei den meisten Kahnbeinbrüchen, auch den nicht verschobenen, wird heute die Operation durch eine Verschraubung empfohlen. Dann nämlich betragen die Heilungschancen über 90 %, außerdem ist postoperativ eine Ruhigstellung allenfalls für wenige Tage erforderlich. Wird nicht operiert, so ist für bis zu drei Monate (!) eine Ruhigstellung im Gips- oder Kunststoffverband notwendig und zwar Unterarm und Handgelenk unter Einschluss des Prognose bei richtiger Behandlung fast immer gut!
Das Handgelenk darf bei angemessener Therapie und ungestörtem Verlauf nach etwa 3–4 Monaten wieder voll belastet werden, wenn die Röntgenuntersuchung zeigt, dass der Kahnbeinbruch verheilt ist. Eine spätere Schraubenentfernung ist in der Regel nicht notwendig. Fazit Ist es aufgrund einer nicht verheilten Kahnbeinfraktur erst zur Handgelenkarthrose gekommen, so hat die Hand Schiffbruch erlitten. Zur Linderung der Beschwerden verbleibt dann als letzte Alternative nicht selten nur die Arthrodese, d.h. die operative Versteifung des Handgelenks. Deshalb sind sportmedizinisches und handchirurgisches Knowhow gefragt, wenn beim Sportler das Kahnbein bricht. Moderne Diagnoseverfahren und schonende Operationstechnik können dieser Verletzung viel ihres früheren Schreckens nehmen. |
Ausgabe MSN 1 / 2010Das komplette Heft zum kostenlosen Download finden Sie hier: zum Download Der Autor:Weitere Artikel online lesen |


