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Gemeinschaftserleben im Zuschauersport

Neben der strukturellen Erzeugung von Langeweile, Körperverdrängung, neben einer Verflüchtigung des Subjekts durch die Heraufkunft der Organisationsgesellschaft, einer Entemotion­alisierung des Affekthaushalts und einer Dämpfung des Gefühlshaushalts geht mit der gesellschaftlichen Modernisierung ein ­vehementer Gemeinschaftsverlust einher.

Die Drei-Generationen-Familie beispielsweise ist durch die räumliche und soziale Trennung von Familie und Wirtschaft sowie Prozesse der Urbanisierung praktisch eliminiert worden. Selbst in der neueuropäischen Kernfamilie ist ein dauerhaftes Gemeinschaftserleben immer unwahrscheinlicher geworden, weil die Partizipation beider ­Elternteile am Wirtschaftssystem und die zeitintensive Inklusion der Kinder am Schulsystem eine aktiv betriebene Gemeinsamkeit eher hintertreiben. Und in den Städten ­zeigen Menschen in der urbanen Öffentlichkeit eine demonstrative Gleichgültigkeit gegenüber ihren Mitmenschen, um sich so vor Überforderung zu schützen. Wer kennt schon die einzelnen Mitmieter im eigenen Hause? Nicht zuletzt tragen auch technische Innovationen wie Telefon, Fernsehen und Internet mit dazu bei, dass die Menschen – trotz räumlicher oder technisch ermöglichter Nähe – einander weniger treffen als früher.
In einer affektdämpfenden und gemeinschaftsverdrängenden Gesellschaft ermöglichen sportliche Wettkämpfe hingegen ein Gemeinschaftserleben der besonderen Art, nämlich die Teilhabe an einer „Erregungs­gemeinschaft“ (Sloterdijk). Dies gilt nicht nur für die Zuschauer im Stadion, die sich wechselseitig wahrnehmen und auf die ­Äußerungen der jeweils anderen reagieren. Auch Fernsehzuschauer und Radiohörer können sich als Teil einer Erlebnisgemeinschaft fühlen, da sie wissen, dass Millionen andere im selben Moment das gleiche tun. Und wer das Gemeinschaftserleben nach einer gewonnenen Meisterschaft nicht nur auf dem Bildschirm oder im Radio de facto erleben möchte, kann sich laut hupend in den innerstädtischen Autokorso einreihen oder den Sport als Anlass nehmen, um mit Freunden eine Party zu veranstalten.

Zeichen der gewollten Verbundenheit und Identifikation zwischen Sportakteuren und Publikum im Sinne einer „imagined community“ (Anderson) werden heute im Sport auch bewusst in Szene gesetzt: Nach einem Tor nennt der Stadionlautsprecher animierend den Vornamen des Torschützen, um den Stadionbesuchern die Möglichkeit zu geben, kollektiv den Nachnamen zu intonieren. Die Fans dürfen so beweisen, dass sie sich auskennen und Teil einer funktionierenden Wissensgemeinschaft sind. Die ­kollektive Sportbegeisterung nivelliert im Moment des Gemeinschaftserlebens für ­einen kurzen Augenblick soziale Unterschiede sowie Klassen- und Rassenschranken. Manche Sportvereine sind mit ihren Namen auch zu einem Synonym für eine bestimmte Region und für die Klassenlage ihrer ­Zuschauer geworden, so im Fall des Fußballvereins Schalke 04, der als ein von ­Arbeiterfußballern gegründeter Zusammenschluss lange Zeit hartnäckig die Existenz der Arbeiterkultur innerhalb des bürgerlichen Sportbetriebs repräsentierte.

Inzwischen haben auch die Marketing­experten die gemeinschaftsstiftende Kraft des Sports entdeckt. Gerade in jenen Räumen, die wie das Ruhrgebiet unter Massenarbeitslosigkeit und industriellen Trans­formationsprozessen zu leiden haben, wird heute die Karte sportlich gestifteter Wir-Gefühle gespielt, um das Wachstumsinteresse von Sportvereinen zu bedienen. Auch die Maskerade der Fußballfans in Gestalt der Vereinskluft deutet darauf hin, dass sich der Einzelne in seiner je persönlichen Erscheinungsweise freiwillig entindividualisiert und einer überindividuellen Gemeinschaft anschließt. Fußballfans, die im gleichen Outfit zu den Heim- und Auswärtsspielen ihrer Mannschaft anreisen, demonstrieren eine tribale Zugehörigkeit, und dies in einer Zeit, in der die Zugehörigkeit zu lokal gebundenen Gruppen unter Mobilitätsdruck ge­raten ist. Wo die Zeichen aus ihrer Bindung an eine bestimmte Klasse und Schicht losgelöst worden sind, ist der Sport ein Refugium für die Inszenierung neuer Stammeszuge­hörigkeiten.
Das Gemeinschaftserleben im Stadion hat seit geraumer Zeit eine neue Qualität bekommen, weil die Zuschauer inzwischen gelernt haben, ihre Möglichkeiten der kommunikativen Teilhabe am Sportgeschehen selbstbewusst zu koordinieren. Pfeifkonzerte, Schlachtgesänge und kollektive Stöhn- oder Ah-Geräusche sind Bestandteile eines Repertoires, mit dem das Geschehen auf dem Spielfeld begleitet oder kommentiert wird. Im Gleichklang der Stimmen und des rhythmisierenden Klatschens synchronisieren sich die Fans untereinander und installieren sich kurzzeitig als eine organisierte Kollektivität, die auf das Geschehen auf dem Spielfeld mit Freude, Bekräftigung, Ironie, Häme, Hass oder auch Beleidigung reagiert.
Auch dies sind Momente, in denen sich die Fans selbst als Fans inszenieren und die Rolle der bewusst Einfluss nehmenden Beobachter übernehmen. Im Passiven können Zuschauer bisweilen sehr aktiv sein. Das Gemeinschaftserleben darf dabei an der Oberfläche bleiben und dringt nicht etwa in therapeutische Tiefen vor. Die Zuschauergemeinschaft zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie der „Tyrannei der Intimität“ (Sennett) entgegenwirkt und keine intime Gruppe konstituiert. Die Menschen können unter­einander fremd bleiben und sich ­dennoch wechselseitig in ihrer Identität als Zuschauer sozial bestätigen.

Die gemeinschaftsorientierte Anwesenheit der Zuschauer bei einem Sportwettkampf muss im Übrigen nicht notwendigerweise immer nur sportliche Gründe haben. Oft wird der Sport auch parasitär genutzt, um eine sportunspezifische Sozialität herzustellen (das Gesehen-werden-Wollen in den Vip-Lounges bei Tennisturnieren; die Darstellung eines modischen Oberschichten­geschmacks beim Pferderennen). Der Sport ist dann höchstens Anlass, um andere Formen der Gemeinschaftsbildung zu ermöglichen. Selbst die Randale im Stadion oder auf der Straße zielt auf ein Gemeinschaftserleben ab, das sich durch Synchronisierung und Parallelisierung bis in Rauscherfahrungen hinein steigern kann. Die Inszenierung von Gemeinschaft ist gerade in einer Gesellschaft wichtig, die den Menschen hochgradig individualisiert und vereinzelt. In einem Umkehrschluss weist das Gemeinschaftsbegehren der Sportzuschauer darauf hin, dass das moderne Leben offensichtlich für viele Menschen zu wenig an Abwechslung, Nähe und Gemeinschaft bietet.

Prof.Dr. Karl-Heinrich Bette

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http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/3740

Ausgabe MSN 4 / 2009

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 4 / 2009.
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