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Heldenverehrung im Zuschauersport

Das Alltagsleben der Menschen wird in der modernen Gesellschaft in
maß­geblicher Weise durch Organisationen bestimmt. Von der Geburt bis zur Bahre sind es Krankenhäuser, Schulen, Universitäten, Firmen,
Verwaltungen und anderweitige Instanzen, die den Einzelnen unterrichten, ausbilden, erziehen, pflegen, wegschließen oder nach seinem Tod entsorgen. Insgesamt erscheinen Menschen auf dem Bildschirm von Organisationen als ­austauschbare Größen. Gefühle der Entfremdung und eigenen Nichtigkeit sind die
Erlebniskorrelate von Personen, die einen Großteil ihres Lebens in der­artigen Einrichtungen zu verbringen haben.

Der Zuschauersport bietet in diesem Zusammenhang die Möglichkeit, an der Sichtbarwerdung und -machung einzelner Personen oder Gruppen teilhaben zu können. Das in diesem Zusammenhang wichtige Stichwort heißt Heldenverehrung. Sporthelden sind Inkarnationen der Außeralltäglichkeit. An ihnen, einzelnen markanten Personen, lässt sich vorführen, dass Menschen nach wie vor wichtig sind. Sporthelden sind Akteure, die in dem alles entscheidenden Augenblick den Unterschied ausmachen und so der Annahme von einer Verflüchtigung des Subjekts in der Moderne nachhaltig entgegentreten. In den Helden des Sports verehrt das Publikum demnach etwas, was im eigenen Leben häufig fehlt: Sichtbarkeit, Außer­alltäglichkeit, soziale Aufmerksamkeit und Anerkennung sowie individuelle oder kollektive Handlungswirksamkeit. In einer Gesellschaft, in der Menschen durch Organisationen häufig gehandelt werden, ist der Held eine Sozialfigur, die Handlungsspuren auch stellvertretend für all jene hinterlässt, die weniger sichtbar und vielleicht auch weniger bedeutsam im Alltag agieren können oder ­müssen. Heldenverehrung eröffnet den Zuschauern die Möglichkeit, aus dem Einerlei ihres Alltags, aus den Routinen einer „nivellierten Wohlstandsgesellschaft“ und der damit verbundenen ­lähmenden Mittelmäßigkeit über Identifikationsprozesse zumindest zeitweise auszubrechen.

Eben weil Sporthelden Personen sind, die durch eigene Anstrengungen in der einen oder anderen Weise Erfolge erreicht haben und dem zuschauenden Publikum damit in einer sehr realen Weise Akte einer erfolgreichen Selbst­ermächtigung vorführen, werden sie von den Fans verehrt. Sporthelden können für das Publikum zudem eine Reihe
von symbolischen Repräsentationsfunktionen übernehmen: für das eigene Geschlecht oder die eigene Schicht, Region, Nation oder Ethnie. Der Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft 1954 in Bern verschaffte den Nachkriegsdeutschen nach dem verlorenen Weltkrieg eine weltweite und vor allem harmlose Aufmerksamkeit als Siegernation und – daraus resultierend – ein Selbstwertgefühl, das, wie zeitgenössische Beobachter bemerkten, äquivalent zur erfolgreichen Einführung der D-Mark war.
Sportliche Wettkämpfe bieten in einer systematischen Weise, und das macht sie für Zuschauer so interessant, Ge­legenheiten für die Erzeugung und den Auftritt von Helden. Die Polarität zwischen Sieg und Niederlage ermöglicht eine Konkurrenz, in der heroische
Taten erwartbar sind. Gelegenheiten für ­Heldentum entstehen in jenen seltenen Momenten, in denen Athleten oder Mannschaften über sich selbst hinauswachsen. Ein Torwart, der die gegnerische Mannschaft durch seine gekonnten Paraden zur Verzweiflung bringt, und eine Mannschaft, die einen uneinholbar erschienenen Rückstand durch eigene Anstrengungen aufholt und am Ende siegreich das Spielfeld verlässt, zeigen dem Publikum, dass sich personale Leistungsbereitschaft und kollektive Anstrengungen lohnen und den alles entscheidenden Unterschied ausmachen können.

Heldenverehrung im Sport deutet damit mindestens auf drei Referenzpunkte hin: erstens auf die Sportler und Sportlerinnen, die durch ihre außeralltäglichen Leistungen zu Helden bzw. Heldinnen geworden sind, zweitens auf das Sportpublikum, das ihnen einen Heldenstatus durch entsprechende Verehrungs- und Huldigungspraktiken attestiert, und drittens auf die zeitgenössische Gesellschaft, die individuelle Akteure durch Prozesse der Organisationsbildung und Kollektivierung zum Verschwinden bringt und hierdurch strukturell den Boden für die moderne Heldenverehrung erzeugt. Es gibt demnach nicht nur ein „basking in reflected glory“ der Zuschauer in den Leistungen der Athleten, sondern auch eine Widerspiegelung der von den Zuschauern hochgehaltenen und durch Modernisierung verknappten Werte und Bedürfnisse im Heldentum der Athleten.
Wie stark die Heldenverehrung das Zuschauererleben prägt, zeigt der Umgang des Publikums mit jenen Sportlern, die gegen die Erwartungshaltungen der Zuschauer verstoßen. Wer nicht ­alles gibt, sich vielmehr schont oder lässig in einer Pose der demonstrativen Überlegenheit aus dem Stand spielt, ­erhält im Fußball keinen Heldenstatus, sondern eher den Nimbus des arroganten Schnösels zugeschrieben, der sein Geld „nicht wirklich“ verdient habe. Eine ­Nobilitierung als Nationalheld fand bei Beckenbauer erst dann statt, als seine Art des Fußballspielens zu Welt- und Europameisterschaftsehren geführt hatte. Erst dann lernte das Publikum, seinen Bewegungsminimalismus zu schätzen.

Hymnische Lobpreisung und Helden­verehrung auf Seiten des Sportpublikums können ansonsten auch schnell ins Gegenteil, nämlich in Verachtung und Hass, umschlagen. Spott, Häme und ein demonstrativer Bewunderungsentzug in Gestalt von Pfiffen, Buhrufen und zugewendeten Rückenpartien sind der Preis, den der Sportheld zu bezahlen hat, wenn er die Erwartungen und Verschmelzungsphantasien des Publikums, insbesondere des harten Fan-Kerns, nicht nur nicht erfüllt, sondern sogar schockartig zerstört. Arrogante, despektierliche Bemerkungen über den sozialen Status der eigenen Zuschauerklientel sind dazu angetan, dass die durch Verehrung bestimmte Beziehung zwischen Sportlern und Fans von letzteren aufgekündigt wird. Eine Thematisierung und abfällige Kommentierung vorhandener Differenzen lassen die Fiktion einer Sym­metrie im Verhältnis von Publikum und Sportheld zerplatzen. Ein desillusioniertes Publikum kann einem Helden in der Tat auch den ihm nur geliehenen Status wieder entziehen.
Als der Fußballer Michael Rummenigge vor Jahren während einer Telefonaktion auf die Frage eines Fans, ob ein Fußballprofi wie er nicht zuviel verdiene, antwortete, dass gute Fußballer wie er rar seien, Schlosser wie der Anrufer aber wie Sand am Meer zu finden wären, ging mit Hilfe der auf Sensationen ausgerichteten Presse ein Aufschrei der Empörung durch die Fanreihen. Fan-Demos, Wutpfiffe und „Drecksau“-Rufe waren die Folge.

Auch im weniger dramatischen Fall schlechter Sportleistungen kann das Publikum die eigene Mannschaft daran erinnern, was es an Engagement und Einsatz erwartet. Wenn die Fans nicht mehr die eigene, sondern vielmehr die gegnerische Mannschaft per Klatschen unterstützen oder das Abfahren der Sportler nach einem schlechten Spiel durch Sitzblockaden verhindern, führen sie demonstrativ vor, dass Heldenverehrung und Loyalität ihren Preis haben. Hinter diesem Verhalten steht eine aus dem Alltagssachverstand ausgeschleuste Austausch- und Gerechtigkeitslogik: Es soll nur derjenige mit Bewunderung, Beifall oder Heldenverehrung bedacht werden, der sich ehrlich bemüht, entsprechende Leistungen erbringt und die Heldenverehrung damit auch verdient.

Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/3740

Ausgabe MSN 4 / 2008

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 4 / 2008.

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