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Ärzte & Sportklinik
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Prof.Dr. Karl-Heinrich Bette
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Sportbegeisterung und Gesellschaft
Sportbegeisterung und Gesellschaft
eder Mensch glaubt, seine eigenen Motive zu haben, Sport zu treiben. Bei all der Individualität existiert jedoch immer ein sozialer Hintergrund, den man nicht außer Acht lassen darf. Die Entscheidung, Sport zu treiben, fällt nicht vom Himmel, sondern ist in einen soziokulturellen Kontext eingebettet. Die Soziologie ist diejenige Wissenschaftsdisziplin, die sich mit Wechselwirkungen von Individuum und Gesellschaft beschäftigt. Gegenstand der Sportsoziologie ist diese Wechselbeziehung im Bereich des Sports. Dieser interessanten Sichtweise wird in der Regel noch zu wenig Beachtung geschenkt, obwohl man gerade damit Antworten auf viele Fragen finden kann. Der Spitzensport ist ein fester Bestandteil der zeitgenössischen Freizeit- und Unterhaltungskultur. Die olympischen Sommer- und Winterspiele, die Fußball-Weltmeisterschaften, die Tour de France, die Rennserien der Formel 1, die Grandslam-Turniere im Tennis oder die Ligaspiele in den diversen Ballsportarten schlagen regelmäßig Millionen in ihren Bann. Sportliche Wettkämpfe werden dabei von vielen Menschen nicht nur beiläufig wahrgenommen. Die Rhythmik des Sportkalenders prägt vielmehr die Lebensweise und Zeitverwendung breiter Bevölkerungskreise, so dass bei nicht wenigen Gesellschaftsmitgliedern Entzugserscheinungen oder Melancholiegefühle entstehen, wenn etwa die Fußball-Bundesliga Pause macht oder die Olympischen Spiele sich mit einem Abschiedsritual in die Zukunft vertagen. Für viele ist der im Stadion wahrgenommene, am Fernsehbildschirm erlebte, im Radio gehörte oder in der Tageszeitung gelesene Sport zu einem wichtigen Lebensbegleiter geworden, dessen Fehlen als Verlust erlebt würde. In modernen, säkularisierten Gesellschaften haben offensichtlich viele Zeitgenossen das religiöse Erlebnis durch die profane Sportbegeisterung ersetzt. Die Nähe zu den Helden des Sports scheint für sie zu einem Äquivalent für einen sakralen Gotteskontakt geworden zu sein. Die Resonanz, die gerade die populären Sportarten mit ihren Großereignissen bei zuschauenden Massen hervorrufen, brachte anfangs einige Kulturkritiker dazu, auf eine Semantik der Sucht, des Verrücktseins, der Krankheit und Entfremdung zurückzugreifen, um die ihnen unverständliche Sportbegeisterung zu erklären. Deutungsversuche dieser Art können wenig befriedigen, weil sie die Zuschauer in ihren Bedürfnissen und Artikulationsformen nicht ernst nehmen, sondern aus einer Pose der besserwisserischen Überlegenheit kritisieren. Die Beobachter sagen damit wenig über die Zuschauer, aber viel über sich selbst aus. Sie deuten letztlich im Subtext ihrer Äußerungen auf die Probleme hin, die sie mit den Themen Körper und Sport, Spaß und Hingabe sowie mit Phänomenen kollektiven Verhaltens haben. Wer pauschalisierend über die Passivinklusion der Zuschauer in den Sport herzieht und deren Teilhabe als Konsequenz gesellschaftlicher Verblendungszusammenhänge wertet oder unter dem Aspekt falsch platzierter und vergeudeter revolutionärer Energien abhandelt, reduziert die Analyse eines weltweit verbreiteten Phänomens in einer unzulässigen Weise auf eigene politische Veränderungswünsche. Vor allem fehlt dieser Vorwurfs- und Ressentimentrhetorik eine klare theoretische Durchdringung sowohl der Publikumsmotive als auch des Kontextes, in dem die Motive evoziert und zur Entfaltung gebracht werden.
In der Sportbegeisterung der Vielen lässt sich nicht nur Interessantes über das Sportpublikum lernen, sondern auch über die Gesellschaft, in der sportliche Ereignisse eine enthusiastische Nachfrage erfahren. Im Spaß der Massen bekommt der soziologische Beobachter vor allem die Wirkungen zu sehen, mit denen Menschen im gesellschaftlichen Modernisierungsprozess konfrontiert werden. Es geht deshalb nicht allein darum, die Motive herauszuarbeiten, die das Sportpublikum dazu bringt, ein Interesse am Leistungssport zu entwickeln und auf Dauer zu stellen. Vielmehr sollen die Ausführungen über die Motivlage des Sportpublikums auch in eine Diagnose der Gegenwartsgesellschaft und ihrer Verdrängungen und Verluste eingebettet werden. Die Beweggründe für das Sportinteresse des Publikums lassen sich auf der Grundlage dieser zeitdiagnostischen Einschätzungen dann als Vordergrundphänomen ableiten und zuordnen. Die ergänzenden Folgefragen lauten dann: Warum schalten Millionen ihre Fernsehgeräte ein, wenn zwei Mannschaften einem Ball hinterherjagen, Leichtathleten im Stadion ihre Runden drehen oder Radsportler sich über mehrere tausend Kilometer durch Berg und Tal quälen? Welche sozialen Bedingungen haben die Unwahrscheinlichkeit einer Begeisterung für derartige Praktiken in eine Wahrscheinlichkeit transformiert, und zwar so wirksam, dass in der Begeisterung typischerweise die sozialen Bedingungen der Begeisterung selbst unthematisiert bleiben. Folgende Beweggründe haben dazu beigetragen, dass das Interesse an den Zuschauern und deren Begeisterung seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts zugenommen hat: Erstens haben die fortschreitende Kommerzialisierung und die Medialisierung des Sports eine empirisch orientierte Rezipientenforschung innerhalb und außerhalb der Universitäten hervorgebracht. Nicht nur Medienanstalten, sondern auch Sponsoren wollen schließlich wissen, wer sich bei den Sendungen einschaltet und wie eigene Zielgruppen am besten zu erreichen sind. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen dringen häufig nicht an das Licht der Öffentlichkeit, da die Auftraggeber dieser Studien kein Interesse daran haben, ihre Konkurrenten unentgeltlich mit den von ihnen finanzierten Forschungsergebnissen stärker zu machen. Die Leitfrage dieser Auftragsforschung lautet: Wer sitzt wo aus welchen Gründen und schaut welcher Sportart zu und kann dabei wie erreicht werden? Zweitens haben die Fanausschreitungen bei sportlichen Großveranstaltungen auf eine sehr drastische Weise verdeutlicht, dass man über die Motive des Sportpublikums lange Zeit relativ wenig wusste. Für steuerungs- und ordnungspolitische Maßnahmen gegen den Hooliganismus im Fußball wurde es notwendig, sich Klarheit zu verschaffen, was die betreffenden Sportfans eigentlich antreibt und deviant werden lässt. Hier waren es vor allem die zivilisationstheoretischen Arbeiten von Norbert Elias, Eric Dunning und der „Leicester School of Sport Sociology“, die zu einer historischen Einordnung des Zuschauerverhaltens im Fußball beigetragen haben. Ein dritter Grund für das gestiegene Interesse am Sportzuschauer ergab sich aus sportpsychologischen Fragestellungen. Welche Faktoren bestimmen sportliche Leistungen? Können Zuschauer die Ergebnisse auf dem Spielfeld beeinflussen? Macht es einen Unterschied, ob eine Fußballmannschaft ein Heim- oder ein Auswärtsspiel zu bestreiten hat? Und gibt es ein Erleben der Katharsis für Sportzuschauer? Ein vierter Grund für das Interesse am Publikum hat sich in den letzten Jahren aus der sportsoziologischen Beobachtung des Dopingphänomens ergeben. Wie ist zu erklären, so die Leitfrage, dass eine Abweichung von sportinternen Normen national und international über alle sportlichen Disziplinen hinweg zu beobachten ist und bis heute noch nicht nachhaltig aus der Welt geschafft werden konnte? Offensichtlich ist Doping ein Konstellationsphänomen, das sich durch das Zusammentreffen unterschiedlicher Interessen am Spitzensport eskalatorisch ergeben hat. Das Sportpublikum tauchte in diesem Zusammenhang als eine unorganisierte Kollektivität auf, die durch ihre ungehemmte Nachfrage nach sportlichen Erfolgen und eigene Selbsttäuschungen dazu beiträgt, Doping strukturell zu erzeugen. Vor allem wurde im Kontext dieser Überlegungen die strategische Bedeutung des Sportpublikums im Geflecht der am Spitzensport interessierten Konstellationsakteure deutlich: Ohne ein Publikumsinteresse am Sport gäbe es kein Interesse am Spitzensport durch Wirtschaft, Politik und Massenmedien. Denn warum sollten Firmen einzelne Vereine, Verbände oder Athleten unterstützen, wenn es kein Publikum gäbe, das sich die Firmenlogos auf Sportlerhemden, Autos und Banden ansähe und anschließend entsprechende Kaufentscheidungen träfe, also ein Interesse am Spitzensport hätte. Und warum sollten Fernsehanstalten enorme Geldmengen für die Übertragung von Wettkämpfen ausgeben, wenn sie damit nicht auch entsprechende Einschaltquoten erreichen könnten. Das Sportpublikum wurde als der Prinzipal identifiziert, der das Interesse anderer gesellschaftlicher Akteure am Sport maßgeblich bestimmt. (…) Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette: http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/3740 |
Ausgabe MSN 3 / 2008Der Autor:Weitere Artikel online lesen |


