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Sportbegeisterung und Gesellschaft

eder Mensch glaubt, seine eigenen Motive zu haben, Sport zu treiben. Bei all der Individualität existiert ­jedoch immer ein sozialer Hintergrund, den man nicht außer Acht lassen darf. Die Entscheidung, Sport zu ­treiben, fällt nicht vom Himmel, sondern ist in einen soziokulturellen Kontext eingebettet. Die Soziologie ist diejenige Wissenschaftsdisziplin, die sich mit Wechselwirkungen von Individuum und Gesellschaft beschäftigt. Gegenstand der Sportsoziologie ist diese Wechselbeziehung im Bereich des Sports. Dieser interessanten Sichtweise wird in der Regel noch zu wenig Beachtung geschenkt, obwohl man gerade damit Antworten auf viele Fragen finden kann.
Ein Grund mehr für uns, ab sofort die neue Rubrik „socialsports“ ins Leben zu ­rufen.
Die Grundidee dabei ist, aktuelle Themen zum Verhältnis von Sport und Gesellschaft in allgemein ­verständlicher Sprache vorzustellen. Es freut uns daher umso mehr, dass wir den ­renommierten Sportsoziologen Prof. Dr. ­Karl-Heinrich Bette von der TU Darmstadt als ­Beirat gewinnen konnten, der für MedicalSportsNetwork den Schwerpunkt „socialsports“ betreuen wird.
Seine Arbeitsschwerpunkte reichen von der ­Soziologie des Leistungssports über Abenteuer- und Risikosport bis hin zur Dopingproblematik. So zeigte er beispielsweise kürzlich im Rahmen der Heidelberger Reihe zum Thema Doping die Defizite des Kampfes ­gegen Doping auf. Das wesentliche Problem der ­Dopingbekämpfung sieht er in der kollektiven Personalisierung des Problems durch Recht, Pädagogik, ­Massenmedien und Politik – der einzelne Sportler wird des Dopings überführt und dafür bestraft, fast nie das Umfeld oder ein ganzer Verband. Die Personalisierung verhindere eine angemessene Problembearbeitung. Zu dieser und anderen Problematiken hat Prof. Dr. Bette zahlreiche Bücher veröffentlicht.

Der Spitzensport ist ein fester Bestandteil der zeitgenössischen Freizeit- und Unterhaltungskultur. Die olympischen Sommer- und Winterspiele, die Fußball-Weltmeisterschaften, die Tour de France, die Rennserien der Formel 1, die Grandslam-Turniere im Tennis oder die Ligaspiele in den diversen Ballsportarten schlagen regel­mäßig Millionen in ihren Bann. Sportliche Wettkämpfe werden dabei von vielen Menschen nicht nur beiläufig wahr­genommen. Die Rhythmik des Sport­kalenders prägt vielmehr die Lebensweise und Zeitverwendung breiter Bevölkerungskreise, so dass bei nicht wenigen Gesellschaftsmitgliedern Entzugserscheinungen oder Melancholiegefühle ent­stehen, wenn etwa die Fußball-Bundesliga Pause macht oder die Olympischen Spiele sich mit einem Abschiedsritual in die ­Zukunft vertagen. Für viele ist der im Stadion wahrgenommene, am Fernsehbildschirm erlebte, im Radio gehörte oder in der Tageszeitung gelesene Sport zu einem wichtigen Lebensbegleiter geworden, ­dessen Fehlen als Verlust erlebt würde. In modernen, säkularisierten Gesellschaften haben offensichtlich viele Zeitgenossen das religiöse Erlebnis durch die profane Sportbegeisterung ersetzt. Die Nähe zu den Helden des Sports scheint für sie zu einem Äquivalent für einen sakralen ­Gotteskontakt geworden zu sein.

Die Resonanz, die gerade die populären Sportarten mit ihren Groß­ereignissen bei zuschauenden Massen ­hervorrufen, brachte anfangs einige Kulturkritiker dazu, auf ­eine Semantik der Sucht, des Verrücktseins, der Krankheit und Entfremdung zurückzugreifen, um die ihnen unverständliche Sportbegeisterung zu erklären. Deutungsversuche dieser Art können ­wenig befriedigen, weil sie die Zuschauer in ihren Bedürfnissen und ­Artikulationsformen nicht ernst nehmen, sondern aus einer Pose der besserwisserischen Über­legenheit kritisieren. Die ­Beobachter ­sagen damit wenig über die Zuschauer, aber viel über sich selbst aus. Sie deuten letztlich im Subtext ihrer ­Äußerungen auf die Probleme hin, die sie mit den Themen Körper und Sport, Spaß und Hingabe sowie mit Phänomenen ­kollektiven Verhaltens ­haben. Wer pauschalisierend über die ­Passivinklusion der Zuschauer in den Sport herzieht und deren Teilhabe als Konsequenz gesellschaftlicher Verblendungszusammenhänge wertet oder unter dem Aspekt falsch platzierter und vergeudeter revolutionärer Energien abhandelt, reduziert die Analyse eines weltweit ­verbreiteten Phänomens in einer unzu­lässigen Weise auf eigene politische Veränderungswünsche. Vor allem fehlt dieser Vorwurfs- und Ressentimentrhetorik eine klare theoretische Durchdringung sowohl der Publikumsmotive als auch des Kontextes, in dem die Motive evoziert und zur Entfaltung gebracht werden.

In der Sportbegeisterung der Vielen lässt sich nicht nur Interessantes über das Sportpublikum lernen, sondern auch über die Gesellschaft, in der sportliche Ereignisse eine enthusiastische Nachfrage erfahren. Im Spaß der Massen bekommt der soziologische Beobachter vor allem die Wirkungen zu sehen, mit denen Menschen im gesellschaftlichen Modernisierungsprozess konfrontiert werden. Es geht deshalb nicht allein darum, die Motive herauszuarbeiten, die das Sportpublikum dazu bringt, ein Interesse am Leistungssport zu entwickeln und auf Dauer zu stellen. Vielmehr sollen die Ausführungen über die Motivlage des Sportpublikums auch in eine Diagnose der Gegenwarts­gesellschaft und ihrer Verdrängungen und Verluste eingebettet werden. Die Beweggründe für das Sportinteresse des Publikums lassen sich auf der Grundlage dieser zeitdiagnostischen Einschätzungen dann als Vordergrundphänomen ableiten und ­zuordnen. Die ergänzenden Folgefragen lauten dann: Warum schalten Millionen ihre Fernsehgeräte ein, wenn zwei Mannschaften einem Ball hinterherjagen, Leichtathleten im Stadion ihre Runden drehen oder Radsportler sich über mehrere tausend Kilometer durch Berg und Tal quälen? ­Welche sozialen Bedingungen ­haben die Unwahrscheinlichkeit einer Begeisterung für derartige Praktiken in eine Wahrscheinlichkeit transformiert, und zwar so wirksam, dass in der Begeisterung typischerweise die sozialen Bedingungen der Begeisterung selbst unthematisiert bleiben.
Damit lenken wir die Aufmerksamkeit auf ein Themengebiet, das lange Zeit in der Theoriebildung vernachlässigt wurde. In der Anfangszeit der (sport-)wissenschaftlichen Reflexionsarbeit kam der zeitgenössischen Sportbegeisterung keine größere Bedeutung zu. Die Sportmediziner befassten sich mit den Körpern von Athleten, die Sportpädagogen versuchten, den Sport als Schulfach zu legitimieren und aufzuwerten. Das heißt: Beide Disziplinen waren an
den Sportaktiven interessiert, und nicht am ­Publikum. Und auch in den soziologischen Forschungen zum so genannten „Life-­time-sport“ oder zum „sport for all“ hatte man die Zuschauer, Leser und Hörer schlichtweg vergessen – was eigentlich verwundert, da die Publikums­motive in der Regel sehr stabil ausfallen und lebenslang aufrechterhalten bleiben.

Folgende Beweggründe haben dazu beigetragen, dass das Interesse an den Zuschauern und deren Begeisterung seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts zugenommen hat: Erstens haben die fortschreitende Kommerzialisierung und die Medialisierung des Sports eine empirisch orientierte Rezipientenforschung innerhalb und außerhalb der Universitäten hervorgebracht. Nicht nur Medienanstalten, sondern auch Sponsoren wollen schließlich wissen, wer sich bei den Sendungen einschaltet und wie eigene Zielgruppen am besten zu erreichen sind. Die Ergebnisse dieser Unter­suchungen dringen häufig nicht an das Licht der Öffentlichkeit, da die Auftrag­geber dieser Studien kein Interesse daran haben, ihre Konkurrenten unentgeltlich mit den von ihnen finanzierten Forschungs­ergebnissen stärker zu machen. Die Leitfrage dieser Auftragsforschung lautet: Wer sitzt wo aus welchen Gründen und schaut welcher Sportart zu und kann dabei wie erreicht werden?

Zweitens haben die Fanausschreitungen bei sportlichen Großveranstaltungen auf ­eine sehr drastische Weise verdeutlicht, dass man über die Motive des Sportpublikums lange Zeit relativ wenig wusste. Für steuerungs- und ordnungspolitische Maßnahmen gegen den Hooliganismus im Fußball wurde es notwendig, sich Klarheit zu verschaffen, was die betreffenden Sportfans eigentlich antreibt und deviant werden lässt. Hier waren es vor allem die zivilisations­theoretischen Arbeiten von Norbert Elias, Eric Dunning und der „Leicester School of Sport Sociology“, die zu einer historischen Einordnung des Zuschauerverhaltens im Fußball beigetragen haben. Ein dritter Grund für das gestiegene Interesse am Sportzuschauer ergab sich aus sportpsychologischen Fragestellungen. Welche Faktoren bestimmen sportliche Leistungen? Können Zuschauer die Ergebnisse auf dem Spielfeld beeinflussen? Macht es einen Unterschied, ob eine Fußballmannschaft ein Heim- oder ein Auswärtsspiel zu bestreiten hat? Und gibt es ein Erleben der Katharsis für Sportzuschauer?

Ein vierter Grund für das Interesse am Publikum hat sich in den letzten Jahren aus der sportsoziologischen Beobachtung des Dopingphänomens ergeben. Wie ist zu ­erklären, so die Leitfrage, dass eine Abweichung von sportinternen Normen national und international über alle sportlichen ­Disziplinen hinweg zu beobachten ist und bis heute noch nicht nachhaltig aus der Welt geschafft werden konnte? Offensichtlich ist Doping ein Konstellationsphänomen, das sich durch das Zusammentreffen unterschiedlicher Interessen am Spitzensport eskalatorisch ergeben hat. Das Sportpublikum tauchte in diesem Zusammenhang als eine unorganisierte Kollektivität auf, die durch ihre ungehemmte Nachfrage nach sportlichen Erfolgen und eigene Selbsttäuschungen dazu beiträgt, Doping strukturell zu erzeugen. Vor allem wurde im Kontext dieser Überlegungen die strategische Bedeutung des Sportpublikums im Geflecht der am Spitzensport interessierten Konstellationsakteure deutlich: Ohne ein Publikumsinteresse am Sport gäbe es kein Interesse am Spitzensport durch Wirtschaft, Politik und Massenmedien. Denn warum sollten Firmen einzelne Vereine, Verbände oder Athleten unterstützen, wenn es kein Publikum gäbe, das sich die Firmenlogos auf Sportlerhemden, Autos und ­Banden ansähe und anschließend entsprechende Kaufentscheidungen träfe, also ein Interesse am Spitzensport hätte. Und ­warum sollten Fernsehanstalten enorme Geldmengen für die Übertragung von Wettkämpfen ausgeben, wenn sie damit nicht auch entsprechende Einschaltquoten erreichen könnten. Das Sportpublikum wurde als der Prinzipal identifiziert, der das Interesse anderer gesellschaftlicher Akteure am Sport maßgeblich bestimmt. (…)

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/3740

Ausgabe MSN 3 / 2008

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 3 / 2008.

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