|
Ärzte & Sportklinik
>
Prof.Dr. Karl-Heinrich Bette
>
Spannung als Passion
Spannung als PassionHaben Sie sich schon einmal gefragt, weshalb Sie sich stundenlang Wettkämpfe der Olympischen Spiele anschauen und vielleicht sogar mitten in der Nacht aufstehen, um bestimmte Entscheidungen live mitzuerleben? Der renommierte Sportsoziologe Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette mit einer weiteren Betrachtung des Phänomens „Sportbegeisterung“.
Moderne Gesellschaften produzieren ambivalente Effekte. Organisationen erleichtern einerseits die Lebensführung der Menschen, indem sie spezifische Leistungen in einer erwartbaren Weise verfügbar machen. Dies schafft Vertrauen und erleichtert die individuelle Lebensführung. Andererseits rufen Organisationen aber auch eine typisch moderne Langeweile hervor, indem sie Arbeit und Freizeit scharf voneinander trennen und eine „Wiederkehr des ewig Gleichen“ in den Alltag importieren.
Das in einem Wechsel zwischen Spannung und Entspannung, zwischen Freud und Leid hin und her oszillierende Erleben der Zuschauer ist das Ergebnis einer spezifischen Dramaturgie, die den Beobachter mit Haut und Haaren erfaßt und in das Geschehen hineinzieht. In der Beobachtung der Krisenbewältigung der anderen vergißt der Einzelne sich und seine Nöte und erreicht so einen Zustand der Selbst- und Seinsvergessenheit. Im Eifer des „Gefechts“ zählt nur der Augenblick des sportlichen Geschehens, und nicht die Problemsituation, die man vielleicht als Zuschauer außerhalb des Stadions zu bewältigen hat. Spannung entsteht dabei nicht zufällig, sondern ist das Ergebnis eines Zusammentreffens des sportlichen Sieg/Niederlage-Codes mit den Prinzipien des offenen Wettkampfausgangs und der formalen Gleichheit der Akteure.
In einer Gesellschaft, in der die Bewertung einzelner Sachverhalte durch den Differenzierungsgrad der Gesellschaft durchaus uneindeutig ausfällt, erzeugen Wettkämpfe durch ihre Leitorientierung eine unbarmherzige Eindeutigkeit, die die Sportakteure mit technischen Mitteln hartnäckig aufrechterhalten und verteidigen. Wo die Sinne von Kampfrichtern überfordert sind, entscheiden Zielkameras und anderweitige Mess-Systeme, wer gewonnen oder wer verloren hat. Der Zweite in einem Wettkampf ist dabei immer auch der erste Verlierer. Schaut man sich einen spannenden Film am nächsten Tag noch einmal im Kino an oder liest den Krimi noch ein zweites Mal, wird man sicherlich noch Feinheiten entdecken, die vorher nicht bemerkt wurden, dennoch passiert Identisches auf der Leinwand oder Buchseite, weil das Handeln der Akteure in Bild- oder Schriftform genau festliegt und in Papier, Zelluloid oder in anderen Medien reproduzierbar abgespeichert wurde. Wer einen Kriminalroman liest, kann außerdem auf den letzten Seiten nachlesen, wie die Geschichte ausgeht und wer der Mörder ist. In einem sportlichen Wettkampf ist eine vergleichbare Umgehung des offiziellen Skripts nicht möglich, weil die Ergebnisoffenheit Teil der Inszenierung ist. Ein Zuschauer hat sich vielmehr im Hier und Jetzt auf die real ablaufende Sportzeit einzulassen und sich mit ihr zu synchronisieren. Das sportspezifische Spannungserleben setzt allerdings voraus, daß der Zuschauer das Skript, die Spiel- und Wettkampfidee, in etwa verstanden haben muß. Damit wird deutlich: Auch das Spannungsträchtige einer Sportart muß erst erlernt werden. Ein Europäer wird nicht notwendigerweise Spannungsgefühle entwickeln, wenn er zum ersten Mal ein Baseball-Spiel beobachtet. Und viele US-Amerikaner finden den europäischen Fußball ziemlich langweilig. Das Spannungserleben der Zuschauer wird demnach durch die Art und Weise beeinflußt, wie das Regelwerk der einzelnen Sportdisziplin den Sieg/Niederlage-Code umsetzt. Sportspiele mit Zeitbegrenzung sind häufig spannender als Spiele ohne Begrenzung.
Spannend ist der Leistungssport für Zuschauer weiterhin auch dadurch, daß er gegenüber anderen Zuteilungskriterien, die soziale Positionen nach Rasse, Religion, Herkunft oder Moral verteilen und legitimieren, ausdrücklich indifferent ist. In einem 100m-Lauf gewinnt der schnellste Läufer, und nicht der schönste, reichste oder sozial deprivierteste Athlet. Wo nur die regelkonform erbrachte, exakt gemessene Leistung unter formal Gleichen zählt, können sich weltweite Verbreitungsideen (der moderne Olympismus) problemlos institutionell verfestigen. Der universelle Charakter des Sportcodes ließ den Leistungssport deshalb auch zum ersten Teilsystem der Weltgesellschaft werden. Der wettbewerbsorientierte Sport bietet aufgrund seiner basalen Entbehrlichkeit eine sozial legitimierte Möglichkeit, aus dem Alltag und den dort herrschenden Zwängen zumindest kurzzeitig auszubrechen: Der Sport ermöglicht eine „Auszeit“ vom Ernst des Lebens – und ist gerade deswegen paradoxerweise für viele Menschen existentiell bedeutsam. Das heißt: Eben weil der Leistungssport prinzipiell gesellschaftlich entbehrlich ist und nicht die Bedeutung von Politik, Wirtschaft, Recht oder Wissenschaft erreichen kann, ist er für viele zu einem Fluchtpunkt der Sinnhaftigkeit geworden – gerade für Zuschauer. Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Karl-Heinrich Bette: http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/3740 |
Ausgabe MSN 5 / 2008Der Autor:Weitere Artikel online lesen |


