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Der Drang nach Neuem

Vibrationstraining

Der Drang nach immer neuen Trends und Trainingsgeräten prägt seit Jahren das Bild diverser Sport- und Gesundheitsmessen ­sowie die Fitnessbranche selbst.

Mit teils hanebüchenen Versprechungen und wissenschaftlich nur bedingt nachvollziehbaren Interpretationen von Studien versucht man, Marktanteile aus­zubauen oder neu zu erschließen. Vieles verschwindet nach einem kurzen „Hipe“ wieder aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit. Anders das Vibrationstraining. Ersten zitierten Studien Mitte der 90er Jahre durch WEBER folgte für diese Trainingsform letztendlich auf der Fachmesse FIBO 2002 der Durchbruch in Deutschland. Ab diesem Zeitpunkt drängten immer mehr Plattenanbieter aus aller Welt auf den deutschen Markt. Fortan wurde mit unterschiedlichen ­Bezeichnungen wie „whole body vibration (WBV)“, „rhythmische neuromuskuläre Stimulation (RNS)“ oder „biomechanische Stimulation (BMS)“ kräftig die Werbetrommel gerührt. Aber Vibration ist nicht gleich Vibration. Es gilt die einzelnen Geräte nach Konstruktion, Schwingungsart, Amplitude, Frequenz und eventueller Frequenzmodulation zu unterscheiden.

Allen Platten gleich ist das Prinzip der reflexinduzierten Muskelstimulation. Aufgrund der in den Körper eingeleiteten Schwingungen wird die Muskulatur geringfügig, jedoch mit relativ hoher Geschwindigkeit gedehnt. Dies löst ­einen monosynaptischen Spindelreflex aus, aufgrund dessen sich die Muskel­fasern wieder verkürzen. Die Muskelspindel, ein Sensororgan innerhalb der Muskulatur, registriert die Spannungszunahme und sendet über eine rasch leitende Nervenbahn (1a-Faser) ein ­Signal zum Hinterhorn des Rückenmarks. Von dort erregen motorische Nervenzellen (Motoneurone) die gedehnten Muskelfasern und bringen sie zur Kontraktion.

Von der Schwingungsart unterscheidet man zwischen einer Ganzkörper- und einer Teilkörperschwingung. Entscheidend für die Differenzierung ist die Größe der durch die eingeleitete Vibration mitschwingenden Körperareale. So spricht man bei einer beidbeinig stehenden Position auf einer Vibrationsplatte von einer Ganzkörperschwingung, beim Auflegen des Armes auf eine Vibratode von einer Teilkörperschwingung.
Die Amplitude beschreibt die maximale Auslenkung einer Vibrationsplatte in lediglich eine Richtung, also z.?B. nach oben oder nach unten. Die gesamte Bewegungsweite einer Platte wird als Hub oder peak-to-peak-Amplitude bezeichnet. Die bei den Vibrations­platten verwendeten Auslenkungen variieren je nach Hersteller von 50 Mikrometer (Durchmesser eines dünnen, menschlichen Haares) bis zu 1,2 Zentimeter, abhängig von Konstruktion und Anwendungsbereich.
Die Frequenz beschreibt die Anzahl der einzelnen Schwingungen pro Sekunde. Die in der Physik verwendete Einheit nennt man Hertz [Hz]. Ein Hertz ist ein kompletter Schwingungsdurchlauf von der Ruheposition in die maximal positive und negative Aus­lenkung bis zur Erreichung der Ausgangslage.
Die verwendete Frequenzspanne beim Vibrationstraining beginnt bei ca. 4 Hertz und erreicht bei einigen Geräten 60 Hertz. Abhängig von der Anzahl der Schwingungen pro Sekunde beobachtet man verschiedene Effekte auf den menschlichen Körper und seine Teil­systeme.
Niedere Frequenzen zwischen 4?–12 Hz eignen sich besonders im Bereich der Morbus-Parkinson-Therapie, da hier die eingeleitete Schwingung aktiv verarbeitet und beantwortet werden kann.

Zur Muskelentspannung sind Frequenzen um 20 Hz laut einer Studie von CARDINALE/LIM (2003) deutlich effektiver als 40 Hz.
Bei der Frequenzmodulation ist einer Firma in Zusammenarbeit mit dem ­Institut für Sportwissenschaften der ­Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main ein beachtlicher Erfolg gelungen, da sie es realisieren konnte, eine sinusförmige Grundschwingung mit einer Störfrequenz (noise) zu überlagern. Dieses Verfahren ist als „Stochastische Resonanztherapie“ bekannt und zeichnet sich dadurch aus, dass die Vibrationsfrequenz permanent in nicht wiederkehrender Weise variiert.
Die Anwendungsbereiche von Vibrationen sind sehr breit gefächert. Sie erstrecken sich von der einfachen Muskelmassage über Verbesserung einzelner Kraftfähigkeiten bis hin zur Verbesserung der Knochenfestigkeit.

Bei Massageübungen wird der gesamte Muskelbauch von distalen Körperteilen (Wade, Unterarme etc.) auf die Platte gelegt und in Schwingungen versetzt. Dadurch verbessern sich primär der Lymphfluss und die Durchblutung.
Signifikante Kraftzuwächse sind bisher vor allem bei untrainierten Personen nachgewiesen worden. DELECLUSE et al. (2003) haben bei einer placebokontrollierten Studie isometrische Maxi­malkraftzuwächse im Beinbereich von durchschnittlich 16,6?% beim Vibrationstraining und 14,4?% beim Kraft­training nachweisen können. Allerdings sind dies nur Erkenntnisse innerhalb eines kurzen Beobachtungszeitraums. Langzeiteffekte auf die Maximalkraft sind bisher kaum erforscht.
Ein weiteres Ziel des Vibrations­trainings ist der Erhalt bzw. die Stei­gerung der Knochendichte. Eine Untersuchung unter der Leitung von Prof. Dr. Felsenberg sorgte unter dem Namen „BedRest-Studie“ für Aufsehen. Um ­einen Langzeitaufenthalt im All zu ­simulieren, begaben sich 2003 20 Probanden für 8 Wochen dauerhaft in die Horizontale. Durch die liegende ­Position konnte die muskuläre Aktivität auf ein Minimum reduziert werden, um so ­ähnliche Bedingungen zu schaffen wie unter dem Einfluss der Schwerelosigkeit im Weltraum.

10 Untersuchungsteilnehmer trainierten im Liegen auf einer Vibrationsplatte, um so dem Knochen- und Muskelschwund entgegenzuwirken. Die Ergebnisse zeigten signifikant geringere Einbußen in beiden Bereichen, ein ­Proband konnte seine Muskelquerschnittsfläche im Beinbereich sogar um 8?% steigern.
Leider sind die Forschungsergebnisse im Bereich des Vibrationstrainings nicht immer einheitlich oder widersprechen sich in Teilen sogar. Auch ist das Studien­design selbst nicht immer optimal, da einige Untersuchungen zum Teil mit einer sehr geringen Probandenzahl aufwarten. Es bleibt zu hoffen, dass das Vibrationstraining weiter an Aufmerksamkeit gewinnen wird und somit ­Studien stärker gefördert werden.

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Marco Beutler:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/4164

Ausgabe MSN 4 / 2007

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 4 / 2007.

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