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Der Einsatz des AlterG in der Rehabilitation

Schwerkraft schlagen

Der Fokus der Rehabilitation nach akuten Verletzungen oder auch nach rekonstruktiven Maßnahmen bei degenerativen Erkrankungen liegt auf der Wiederherstellung der Gelenkfunktion, der Verbesserung der Beweglichkeit und dem Krafttraining. Es gibt verschiedene Gründe, die nach Verletzungen der unteren Extremitäten diesen Rehabilitationsprozess schwierig gestalten können.

Schmerzen mit einer reduzierten Kraftentwicklung der betroffenen Extremität sind ein typisches Hemmnis bei der Mobilisation des nPatienten. Mit dem AlterG, einem neuartigen Gerät zur teilweisen Ausschaltung der Schwerkraft, können in der Rehabilitation von Verletzungen der unteren Extremität völlig neue Wege beschritten werden.

Technologie

Bei dem AlterG handelt es sich um ein Anti-Schwerkraft-Laufband, das ein Gehen oder Laufen mit reduzierter Gewichtsbelastung ermöglicht. Durch eine von der NASA entwickelte Differenz-Luftdrucktechnologie kann eine präzise Entlastung des Körpergewichts erreicht werden, während der Patient am Laufband trainiert. Entlastungswerte zwischen 0 und 80 % des Köpergewichts sind dabei möglich. Erreicht wird dies, indem sich der Körper unterhalb der Taille in einer Art Überdruckkammer befindet. Sensoren im Laufband messen die tatsächliche Belastung und erlauben eine kontinuierliche Justierung des Luftdrucks, über den die Entlastung gesteuert wird.

Technische Möglichkeiten

Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass die Entlastung einer Extremität an Unterarmgehstützen – weitgehend unabhängig von der Empfehlung des Therapeuten – bei 50 % des Körpergewichts liegt. In vielen Fällen sind die Patienten koordinativ nicht in der Lage, entsprechende Empfehlungen exakt umzusetzen [1]. Durch die kontinuierliche Feinjustierung entsprechend der Einstellung des Therapeuten stellt das AlterG innerhalb eines engen Korridors von +/1 kg die Entlastung sicher – bei einer frei wählbaren Laufgeschwindigkeit zwischen 0 und 19 km/h und einer Steigung zwischen 0 und 15 %.

Einsatzmöglichkeiten

Das AlterG Laufband hilft bei der Rehabilitation von Patienten mit orthopädischen Erkrankungen. Die Bewegung der Gelenke unter teilweiser Entlastung unterstützt den Heilungsprozess und hilft, wieder eine normale Geh- und Laufmechanik herzustellen [2]. Die inflammatorische Phase ist ein normaler Prozess bei der Heilung biologischer Strukturen nach Verletzung oder operativen Maßnahmen. Zentrales Kennzeichen dieses Prozesses ist die erhöhte Durchblutung aufgrund der für die Heilung notwendigen Stoffwechselsteigerung. Eine überschießende Entzündungsreaktion kann sich aber auch negativ auf den Heilungsprozess auswirken. Folgen einer verlängerten Entzündungsphase können neben Gelenkssteifigkeit, Arthrofibrose und eingeschränkter Beweglichkeit eine erhebliche Muskelatrophie in Verbindung mit einer insgesamt verzögerten Rehabilitation sein. Die Mobilisation unter reduzierter Belastung der betroffenen Extremität ist ein etabliertes Konzept in der postoperativen Rehabilitation. Die bisherigen Techniken zur Umsetzung dieser Idee sind allerdings mit erheblichen Limitationen behaftet. So sind Rehabilitationsmaßnahmen im Wasser erst nach abgeschlossener Wundheilung möglich, Antigravitationsaufhängungen sind aufwändig und bezüglich der Gewichtsentlastung wesentlich schlechter steuerbar als das AlterG.

Das Training unter teilweiser Entlastung des Körpergewichts eignet sich insbesondere:

- Um bei Patienten mit noch starken Schmerzen und Schwellung erste Mobilisationsbehandlungen durchzuführen.

- Um bereits in der Frühphase nach operativen Eingriffen die aktive Bewegung von Hüfte, Knie und Sprunggelenk zu ermöglichen.

- Um frühzeitig ein propriozeptives Training zu beginnen.

- Um einen stufenweisen Belastungsaufbau entsprechend dem Wiedererlangen von nKraft und Koordination zu ermöglichen.

- Um bereits in der frühen postoperativen Phase ein normales Gangbild unter Verzicht auf Gehhilfen zu schulen.

- Zur Verbesserung der kardiovaskulären und muskulären Ausdauer in späteren Rehabilitationsphasen.

- Zur Erhaltung der kardiovaskulären und muskulären Ausdauer bei Verletzung oder Überlastungsschmerz in Trainingsphasen.

Typische Einsatzgebiete liegen in der Rehabilitation orthopädischer Krankheitsbilder wie Endoprothetik des Kniegelenks, Sprunggelenks, Hüftgelenks und Bandscheibenersatz. Belastungsabhängige Schmerzen sind mit der häufigste Grund für eine verzögerte Rehabilitation nach Implantation einer Prothese. Teilweise liegt bei Patienten mit über Jahre bestehender Arthrose bereits ein chronifizierter Schmerz vor. Verbunden mit dem hohen Schmerzniveau findet sich meist eine eingeschränkte Beweglichkeit. Das Gangtraining unter reduzierter Gewichtsbelastung ermöglicht hier eine für den Patienten schonende und schmerzarme Form der Rehabilitation. Der Patient kann sich vollständig auf das Training eines normalen Gangmusters fokussieren, ohne sich parallel auf die Sturzvermeidung konzentrieren zu müssen.

Achillessehnenruptur, Kreuzbandruptur

Die ersten wissenschaftlichen Studien zum AlterG betrachten den Einsatz des Geräts nach Achillessehnenruptur. Saxena et al. [3] untersuchten den Einsatz des AlterG in der spätrehabilitativen Phase zur Unterstützung der Wiederaufnahme des Laufsports. Die Patienten mit AlterG-Unterstützung konnten im Schnitt zwei Wochen früher mit einem regulären Lauftraining im Freien beginnen. Auch war ihr anfänglicher Fitnesslevel durch die Erhaltung der Ausdauerleistungsfähigkeit höher. Allerdings war die Streubreite der beiden Gruppen hoch und die Unterschiede statistisch nicht signifikant. Tabelle 1 zeigt exemplarisch einen Trainingsplan nach operativer Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes unter Einsatz des AlterG.

Knorpelchirurgie an Knie und Sprunggelenk

Knorpelrekonstruktive Maßnahmen an Knie und Sprunggelenk erfordern lange Phasen der Entlastung. In den meisten Rehabilitationskonzepten werden Teilbelastungsphasen mit 10 – 20 kg für sechs Wochen empfohlen. Anschließend erfolgt dann ein stufenweiser Belastungsaufbau über weitere sechs Wochen. Diese lange Entlastungsphase führt meist zu einer erheblichen muskulären Atrophie in Verbindung mit einem gestörten Gangmuster. Bei Patienten ohne Osteotomie kann im AlterG bereits nach Abheilen der Weichteilwunde mit einem Gangtraining unter weitgehender Entlastung des Körpergewichts begonnen werden. Aber auch bei Patienten mit Osteotomie kann das Gangtraining ca. 3 – 4 Wochen vorverlegt werden. Das AlterG ermöglicht auch in der präoperativen Phase der Erhaltung und Aufbau von kardiovaskulären und muskulären Ausdauer, sowie ein bestmögliches Gangbild unter Teilbelastung. Athrokinematik und Funktionalität können so besser erhalten werden.

Beidseitige Verletzungen

Verletzungen der beiden unteren Extremitäten stellen besonders hohe Anforderungen an die Rehabilitation. Beidseitige Frakturen an Fuß und Sprunggelenk sind bei modernen Extremsportarten gar keine so seltene Verletzung [4 – 7]. Gerade bei Kalkaneusoder Talusfrakturen ist häufig eine mehrwöchige Entlastungsphase notwendig, bis eine stabile knöcherne Konsolidierung nachweisbar ist. In dieser Situation kann mithilfe des AlterG der Beginn des Gangtrainings mehrere Wochen früher starten als ohne vergleichbare Unterstützung. Auch gestaltet sich der Transfer in das Trainingsgerät deutlich einfacher, als beispielweise der Transport des Patienten in ein Schwimmbecken. Fazit Das Gang- und Lauftraining unter reduziertem Körpergewicht mithilfe des AlterG ermöglicht neue Ansätze in der Rehabilitation nach Verletzungen der unteren Extremität. In vielen Fällen kann mit einem entsprechenden Training mehrere Wochen früher begonnen werden als ohne AlterG-Unterstützung. Gerade aus Bereichen mit zeitkritischer Rehabilitation, insbesondere im Profisport, ist das AlterG als Rehabilitationsgerät nicht mehr wegzudenken. In Deutschland setzen neben dem Ambulanten Rehazentrum der Schön Klinik München Harlaching (FIFA Medical Center München) der FC Bayern München und die TSG Hoffenheim 1899 das Gerät regelmäßig bei der Rehabilitation von Sportverletzten ein.

Literatur beim Autor.

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Ausgabe MSN 6 / 2011

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 6 / 2011.
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