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Biathlon - Im Sommer Geige spielen - im Winter nichts zu essen ?

Sicherlich kennen Sie die Fabel von der Grille, die den ganzen Sommer Geige spielt und vor lauter Musizieren vergisst, Vorräte für den Winter zu sammeln. So etwas Ähnliches kann auch einem Wintersportler passieren. Konsequentes Training im Sommer und mentale Stärke bilden daher die Grundlage für jegliche Titelambitionen in der Schneezeit. Die Biathletin Andrea Henkel gehört zu den ganz Großen dieses Sports. Doppelolympia­sieg 2002 in Salt Lake City, Weltmeistertitel 2005 im Einzelwettkampf und ­Gesamtweltcup-Sieg 2007 sind nur die Spitze des Erfolg-Eisbergs. Für MedicalSportsNetwork gibt die 30-jährige Ausnahmeathletin einen Einblick in den Trainingsalltag und sagt, was wirklich wichtig ist.

Wenn Ende März die Wettkampfsaison beendet ist, beginnt für Biathleten die lange Vorbereitungszeit. Bis Dezember heißt es dann, das richtige Verhältnis von Belastung und Erholung zu finden. Andrea Henkel hat in dieser Zeit einen gut durchstrukturierten Trainingsplan.
In den ersten beiden Monaten nach der Saison findet vormittags Schieß- und Ausdauertraining statt, wobei Mountainbike, Laufen oder Skiroller auf dem Programm steht. Nachmittags wird meist Hockey gespielt, zusätzlich geht es in den Kraftraum. Im Juli, August und September besteht der Vormittag aus Skiroller mit Schießen bzw. Laufen mit Schießen, dem sogenannten Komplextraining.
Der restliche Tag wird mit Ausdauer- und Krafttraining verbracht. In den beiden Monaten vor Saisonbeginn heißt es dann endlich wieder: ab in den Schnee! Vormittags meistens Ski mit Schießen, nachmittags Kraftraum, Krafttraining auf Skiern oder Ski klassisch. Je nach Trainingsphase wird im Grundlagenausdauerbereich, dem Entwicklungsbereich (ca. 85% Belastung) oder unter Maximalbelastung trainiert. Diese Phasen sind aufeinander abgestimmt. Würde man Schießen nur bei „leichter“ Belastung trainieren, gäbe es beim Wettkampf ein böses Erwachen. Das Programm hört sich hart und konsequent an. Besteht dabei nicht die Gefahr von Ermüdung und Überbelastung? „Das Training ist wirkungsvoller, wenn man besser drauf ist, was aber nicht bedeutet, dass man nie kaputt sein darf. Man muss seinen Körper nur so weit kennen, dass man die verschiedenen Stufen von „kaputt sein“ unterscheiden kann und dementsprechend darauf reagieren“ erklärt die Biathletin.

Die Möglichkeit zum mentalen Training nutzt sie nicht, da sie meist im Wettkampf besser schießt, als man im Training erahnen könnte. Das spricht klar für mentale Stärke. Das (konzentrierte) Schießen erfordert (vielmehr) eine Automatisierung der Abläufe und einzelnen Handlungen. Die Konzentration liegt auf den persönlichen Schwachpunkten. Bei Andrea Henkel war es lange Zeit das Auge, das sie oftmals zu früh nach dem Schuss schloss und deshalb nicht genug „nachhalten“ konnte. Das alles reicht natürlich noch nicht aus. Trainingslager sind wichtige Bestandteile der Vorbereitung auf Wettkämpfe. Ein Biathlon-Trainingslager geht meist zehn Tage bis drei Wochen. Zwischen den Trainingstagen (erst vier, dann jeweils drei) liegt immer ein Ruhetag. Am Ende folgt dann ein abschließender Trainingswettkampf.
„Wochentage gibt es dann nicht mehr, und wir wissen auch oft nicht, was für ein Tag genau ist“, beschreibt Andrea Henkel den Ablauf eines Trainingslagers. Dabei verliert sie in keiner Weise ihr sympathisches Lächeln, so dass es den Anschein macht, selbst das harte Training sei für sie ein Genuss.
Ohne High-Tech geht es aber auch im Biathlon nicht. Mehrmals im Jahr wird mit einem Laser geschossen, wobei anschließend am Computer ausgewertet wird, wie der Zielvorgang ist und was nach der Schussabgabe passiert. Mit Hilfe eines Computerprogramms findet eine Trainingsdokumentation statt, mit dem die Trainer „Arbeitslisten“ erstellen, in denen genaue Komplexzeiten (Laufen und Schießen), Laufzeiten mit prozentualen Rückständen, Schießzeiten mit Rückständen und Fehlern aufgelistet sind. Das Material spielt eine ganz entscheidende Rolle, deswegen sind die Techniker sehr wichtig. Bei Skiern und Waffen gibt es große Unterschiede. Der Schaft des Gewehres muss zum jeweiligen Sportler passen, dafür sorgt der Waffen­meister.
Ist dann endlich der große Wettkampftag gekommen, gilt es weitere Punkte zu beachten. „Ca. drei Stunden vor dem Wettkampf wird gegessen, dann wird an die Strecken zum Skitest gefahren. Der ausgewählte Ski wird für das Rennen präpariert. Anschließend findet das „Anschießen“ statt, um die Waffe auf die an diesem Tag herrschenden Bedingungen zu justieren“, beschreibt Andrea Henkel die Vorbereitungen. Währenddessen läuft auch das Aufwärmprogramm, das enorm wichtig ist. Nach dem Rennen wird entweder ausgelaufen oder auf dem Ergometer ausgefahren, um das gebildete Laktat abzubauen. Nicht fehlen darf der Physiotherapeut, der die Muskeln nach dem Rennen sofort „weich klopft“.

Ob sich das harte Training am Ende gelohnt hat, weiß man immer erst nach dem Wettkampf. Sicher ist jedoch, dass ohne solch eine Vorbereitung keine ­Erfolge möglich sind. Auf die Frage nach ihrem Geheimrezept, antwortet die 158 cm „kleine“ Powerfrau ohne Zögern: „Das Wichtigste ist, seinen Körper zu kennen und auf ihn zu hören. Dieses Gefühl muss man allerdings erst entwickeln, das braucht ein paar Jahre und ein paar Erfahrungen. Ansonsten sollte man fleißig und zielstrebig sein, ohne die Lockerheit und den Spaß zu verlieren.“

Da bleibt nur zu sagen:
Auch weiterhin viel Erfolg!

Ausgabe MSN 1 / 2008

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 1 / 2008.

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