Eisschnellauf - Interview mit Claudia Pechstein
Es ist ein in der deutschen Sportgeschichte bisher einmaliges Verfahren. Aufgrund von Indizien wurde Claudia Pechstein von der Internationalen Eisunion (ISU) für zwei Jahre gesperrt. Vorwurf: Blutdoping. Die erfolgreichste deutsche Winterolympionikin beteuert seitdem ihre Unschuld und klagte vor dem Internationalen Sportgerichtshof und dem Schweizer Bundesgericht. MedicalSportsNetwork sprach mit der 37-jährigen Athletin über ihre Gefühlswelt, Enttäuschungen und Wut sowie über die Hintergründe des Verfahrens.
Claudia Pechstein, hinter Ihnen liegen die sicher schwersten Wochen Ihrer bisherigen Sportlerkarriere. Wie geht es Ihnen nach solch einem Jahr?
Ich fühle mich, als wäre ich Hauptdarsteller eines Films. Alles, was im zurückliegenden Jahr passiert ist, ist für mich immer noch völlig irreal. Unschuldig angeklagt, verurteilt und öffentlich hingerichtet zu werden ist das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Ich hätte niemals für möglich gehalten, dass mir so etwas passieren könnte.
Bei Ihnen wurde nur ein einziger auffälliger Wert gefunden. Der Retikulozytenanteil lag bei den Proben mit 3,5 Prozent um 1,1 Prozentpunkte über dem von der Internationalen Eislaufunion festgelegten Höchstwert. Welche Erklärung haben Sie dafür?
Auf jeden Fall eine natürliche, eine medizinische. Ich weiß, dass ich nicht gedopt und meinen Körper nicht manipuliert habe. Also muss es eine natürliche Ursache für diesen Wert geben. Ich
habe in den vergangenen Monaten sehr viel Blut gelassen, das von den verschiedensten
Spezialisten untersucht wurde. Mittlerweile beschäftigen sich mehrere Hämatologen mit meinen Blutwerten. Langsam, aber sicher kommen sie der Ursache näher. Ich bin mir sicher, dass schon bald ein genaues Ergebnis benannt werden kann.
Ihre Ankläger konnten sich von Anfang an nicht auf Beweise stützen, sondern wollten Sie anhand von Indizien des Blutdopings überführen. Ein in der Rechtsprechung doch sehr ungewöhnliches Verfahren und in der Sportgeschichte einmalig. Fühlen Sie sich als Opfer einer gezielten Kampagne?
Ich fühle mich definitiv als Versuchskaninchen für den indirekten Beweis. An mir sollte ein Exempel statuiert werden. Und zwar mit aller Härte und bedingungslos. Zweifel, Gutachten und andere Blutparameter, die klar meine Unschuld belegen, wurden ignoriert, Fakten verdreht und anschließend gegen mich ausgelegt. Es gibt weltweit nicht einen Gutachter, der behauptet, anhand meiner Werte könne man einen zweifelsfreien Dopingnachweis führen.
Nicht einen! Selbst die Gutachter der ISU haben lediglich behauptet, sie halten eine Blutanomalie als Erklärung für unwahrscheinlich. Statements zur Wahrscheinlichkeit, dass meine Werte auf Doping zurückzuführen sind, finden Sie im CAS-Urteil vergebens. Auf den
63 Seiten finden Sie nicht ein Wort darüber wo, wann, wie und womit ich gedopt haben soll. Das sagt doch alles!
*Sporthilfe-Chef Werner E. Klatten befürwortet das harte Vorgehen gegen Sie, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, zählt ebenfalls zu Ihren Kritikern und auch von der Nationalen Anti-Dopingagentur (NADA) erhalten Sie keine Rückendeckung.
Was sagen Sie zu der Rolle der Institutionen in Ihrem Fall?*
Das ist im Großen und Ganzen eine einzige Enttäuschung und irgendwie typisch deutsch.
Sämtliche Spitzenfunktionäre kennen die Sachlage in meinem Fall ganz genau. Sie wissen
auch, dass es keinen anerkannten Experten gibt, der zweifelsfrei von meiner Schuld überzeugt ist. Und obwohl die Fakten auf dem Tisch liegen, redet niemand Klartext. Alle verstecken sich hinter dem CAS-Urteil. Dabei sind die drei Richter, die das Urteil gefällt haben, auch nur Menschen. Und wenn Menschen Fehler machen, dürfen sie auch kritisiert werden. Ganz gleich ob sie Richter des wichtigsten Sportgerichtes sind oder nicht. Ich glaube, in keinem anderen Land der Welt würde eine fünffache Olympiasiegerin unter diesen Umständen so wenig Unterstützung erfahren wie bei uns.
Im Gegensatz zu den Verbänden gibt es allerdings namhafte und unabhängige Wissenschaftler, die sich nach der Veröffentlichung Ihrer Blutwerte im Dezember gegen den Dopingvorwurf aussprachen bzw. aus medizinischer Sicht Zweifel am CAS-Urteil haben, wie z.B. Prof. Dr. Gassmann, Prof. Dr. Kuse, Prof. Dr. Schmidt und Dr. Pöttgen. Können Sie uns kurz einen Überblick geben, zu welchen Schlüssen sie gekommen sind und wie sie es begründen?
Einige dieser Experten haben auch schon im Vorfeld des Urteils ihre Zweifel formuliert. Prof. Schmidt sogar in einem Gutachten, das die DESG vor dem CAS ins Feld führen wollte. Doch diesem Gutachten wurde ohne nachvollziehbaren Grund die Zulassung verweigert. Genau wie dem des international anerkannten Anti-Dopingexperten Dr. Rasmus
Damsgaard aus Dänemark. In beiden Gutachten werden Zweifel an meiner Schuld formuliert. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Es gibt nicht nur die Retikulozyten als Parameter für den indirekten Beweis, sondern noch neun weitere. Und keiner der anderen Parameter stützt die Dopingthese. Alle anderen sind unauffällig und entlasten mich. Doch der CAS hat sie ignoriert, meine Sperre am 25. November 2009 bestätigt, obwohl er ganz genau wusste, dass bereits ab 1. Dezember die neuen WADA-Guidelines für den indirekten Beweis gelten. Und diese sehen vor, dass nicht nur ein, sondern alle zehn Parameter zur Beurteilung eines möglichen Dopingfalles betrachtet werden sollen. Ich werde also die erste und gleichzeitig letzte Sportlerin sein, die anhand eines einzigen und dazu in der Wissenschaft noch sehr umstrittenen Indizes des Dopings für schuldig befunden wurde. Auf diese Art und Weise,
weltweite Berühmtheit zu erlangen, hätte ich gerne verzichtet.
Kann man also wissenschaftlich davon ausgehen, dass Sie unschuldig sind?
Gegenfrage: Zu welcher Auffassung kommen Sie denn, wenn Ihnen niemand darlegen kann, dass anhand meiner vollständigen Blutparameter ein Dopingnachweis geführt werden
kann?
Stimmt es, dass es ein Angebot der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) gibt, in dem Ihnen eine Verkürzung der Sperre von zwei Jahren auf ein halbes Jahr in Aussicht gestellt wird, wenn Sie Hintermänner nennen? Wie haben Sie darauf reagiert?
Das ist mir öffentlich in Aussicht gestellt worden. Da hat es mir für einen Moment echt die Sprache verschlagen. Man muss sich das einmal vorstellen: Wenn ich also schuldig gewesen wäre und meine Hintermänner genannt hätte, könnte ich mittlerweile schon wieder starten. Als unschuldig Verurteilte soll ich nun zwei Jahre für etwas büßen, das ich nicht
getan habe. Das ist einfach nur krank!
Im Moment scheint es, dass nach der Ablehnung Ihres Eilantrages, das Schweizer Bundesgericht im Hauptsacheverfahren Ihre Beschwerde gegen das CAS-Urteil ablehnen wird. Was planen Sie für die Zukunft? Denken Sie an das Karriereende oder wollen Sie weiterkämpfen?
Ich habe mein Karriereende nicht erklärt und verschwende auch keinen Gedanken daran, dies zu tun. Ich werde nun das Revisionsverfahren anstreben und definitiv noch einmal aufs
Eis zurückkehren. Der Kampf gegen meine Sperre ist erst dann zu Ende, wenn die Gerechtigkeit gesiegt hat und ich rehabilitiert bin.
Wir bedanke uns für dieses aufschlussreiche Gespräch und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute!
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