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Der Stellenwert des Vibrationstrainings

Bis vor wenigen Jahren wurde mit gesundheitsorientierten Aktivitäten nahezu ausschließlich Ausdauersport wie Nordic Walking, Laufen, ­Radfahren oder Schwimmen verbunden. Krafttraining dagegen wurde in diesem Zusammenhang höchstens mit der Rumpfmuskulatur zur Prävention von Rückenschmerzen in Verbindung gebracht.

Ansonsten haftete dem Krafttraining eher der Stallgeruch von anabolikaverseuchten, gestählten Menschen an, die mit hochrotem Kopf und nach außen quellenden Augen Gewichte in der Größenordnung kleiner PKWs nach oben stemmen.
Ungefähr vor zwei Dekaden mehrten sich jedoch in der Literatur Befunde, die beim Krafttraining ebenfalls positive gesundheitliche Aspekte erbrachten. Zunächst waren es primär Verbesserungen im Bereich des muskuloskelettären Systems. Mittlerweile konnte nachgewiesen werden, dass auch Patienten mit internistischen Krankheitsbildern wie Diabetes Typ 2, Adipositas und selbst kardiovaskulären Erkrankungen von einem richtig dosierten Krafttraining profitieren. Aus heutiger Sicht sind Ausdauer- und Krafttraining als gleichwertige Partner in der Prävention und Rehabilitation anzusehen, wobei individuell entschieden werden muss, ­welches der beiden den größeren Stellenwert hat. Als Trainingsmittel kommen beim Krafttraining traditionell neben dem eigenen Körpergewicht sogenannte Kraftmaschinen, Hanteln oder elastische Bänder zum Einsatz.

Vor etwa einer Dekade entstanden die ersten Resultate zur Wirkung des Vibrationstrainings als präventive bzw. rehabilitative Maßnahme. Vibrationstraining kann als eine Variante des Krafttrainings eingeordnet werden. Dabei wird eine willkürliche Muskelkontraktion mit Schwingungen überlagert, die in Frequenzbereichen zwischen 20 und 50 Hz bei Amplituden zwischen 2 und 5 mm liegen. Eingeleitet werden die Schwingungen entweder über die Füße oder über die Hände (s. Abb.). Prinzipiell stehen technisch zwei Bewegungsformen zur Verfügung. Bei einem System kippt die Plattform um eine zentrale Achse, beim anderen bleibt die gesamte Platte durchgehend horizontal und wird nach oben und unten bewegt. Welche der beiden die effektivere ­Variante ist, lässt sich aus heutiger Sicht nicht entscheiden, da es dazu keine ­international publizierten Vergleichsuntersuchungen gibt. Genauso wenig ­liegen Daten vor, die das Gefährdungspotenzial der beiden Techniken darstellen. Vom subjektiven Befinden der Versuchspersonen ist bekannt, dass die Schwingungen möglichst nicht bis in die Kopfregion übertragen werden sollten, was durch ein adäquates Anwinkeln der Sprung-, Knie- und Hüftgelenke im Stand erreicht wird. Leider werden von einigen Geräteherstellern Übungsformen im Sitzen auf der Platte vorgeschlagen, die ein entsprechendes Abdämpfen der Schwingungen kaum ermöglichen.

Objektive Daten zum negativen Einfluss von Vibrationen entstammen der Arbeitsmedizin aus Situationen, in ­denen der Körper regelmäßig und langfristig Schwingungen ausgesetzt ist. Das spricht jedoch nicht gegen das Vibrationstraining. Im Gegenteil: Da es sich beim Vibrationstraining um einen echten und nicht um einen Plazebo-Effekt handelt, gilt auch hier die Roux-Regel, die bereits um das Jahr 1900 formuliert wurde: Niedrige Reize sind nutzlos, mittlere Reize nützen, große Reize schaden. Mit anderen Worten: Wer unter fachlich kompetenter Aufsicht trainiert und dabei medizinisch zertifizierte ­Geräte nutzt, wird sich die positiven Effekte des Vibrationstrainings zugutekommen lassen können. Natürlich können wie bei jeder anderen Trainingsform auch hierbei keine Wunder erwartet werden. So kann aus physiologischer Sicht der Einfluss auf den Energieumsatz nicht gravierend sein, da relativ kurze Reize mit einer insgesamt ge­ringen Gesamttrainingszeit gesetzt werden. Entsprechende empirische Untersuchungen liegen bereits vor. Auch wenn es noch so verlockend klingt: Nennenswerte Effekte bei einer gewünschten Gewichtsreduktion sind nur durch ein Vibrationstraining nicht zu erwarten. Lässt man solch ein marktschreierisches Verhalten einzelner Marketingexperten beiseite, dann bleiben folgende Fakten übrig:

Allein seit dem Jahr 2000 wurden über 150 Studien in internationalen Zeitschriften mit unabhängigen Gutachterverfahren publiziert.

Die Resultate belegen eindeutig, dass Vibrationstraining gegen Muskelschwund und Osteoporose eingesetzt werden kann.

Ältere Menschen profitieren auch im Sinne einer koordinativen Verbesserung.

In jüngster Zeit mehren sich Studien, die auch bei Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen positive Effekte zeigen.

Nicht eindeutig ist die Bedeutung bei gut trainierten Athleten auf ihre Leistungsfähigkeit.

Der bereits angesprochene kurze Zeitaufwand stellt im Vergleich zu anderen Trainingsformen ein Alleinstellungsmerkmal dar, das für die Prävention bzw. Rehabilitation der sogenannten Zivilisationserkrankungen eine große Chance liefert: Gerade von diesen Krankheitsbildern sind in erster Linie solche ­Menschen betroffen, die keine hohe ­Affinität zu körperlichen Belastungen jeglicher Art haben. Entsprechend schwer fällt ihnen der Zugang zu ­zeitaufwändigen und schweißtreibenden sportlichen Aktivitäten. Dieses Dilemma wird vor allem im Bereich der betrieblichen Gesundheitsvorsorge deutlich: Die Bewegungsangebote werden häufig zwar angenommen und genutzt, leider jedoch in der Mehrheit von ­denjenigen, die auch ohne diese Veranstaltungen sportlich aktiv sind. Ein ­Vibrationstraining lässt sich dagegen in den normalen Arbeitstag mit einem ­vernachlässigbaren Zeitaufwand integrieren. Und Kleidungswechsel sind nicht notwendig, wenn man von hochhackigen Pfennigsabsätzen mancher Frauenschuhe absieht.

Prof. Dr. Klaus Baum

Ausgabe MSN 6 / 2008

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 6 / 2008.

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