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Choking under pressure

Leistungsabfall unter Druck

Was heißt Choking im Sport? Choking ­bedeutet, dass im Vergleich zu dem zu erwartenden Leistungsniveau eine Leistungsminderung eintritt, die darauf beruht, dass sich unter wahrgenommenem Druck die psychischen Leistungsvoraussetzungen ­ändern, etwa das Angstniveau steigt. ­Typischerweise geschieht dies in Situationen
von subjektiv hoher Bedeutung, wie es Wettkämpfe oder Prüfungen häufig
dar­stellen. Es gibt Menschen, die haben grundsätzlich Probleme damit, ihre besten Leistungen ­unter Druck zu erbringen und zeigen generell eine Diskrepanz zwischen ­Trainings- und Wettkampfleistung. In ­solchen Fällen handelt es sich um
prüfungs- bzw. wettkampfängstliche Typen oder sog. ­„Trainingsweltmeister“.
Wenn die ­psychischen Ursachen dafür nicht abgestellt werden können, kommen solche Sportler­innen und Sportler trotz Begabung und ­optimalem ­physischem Training dadurch nicht bis an die Leistungsspitze.

Choking kann aber auch nur gelegentlich auftreten und lässt sich dann auch bei Spitzensportlerinnen und -sportlern beobachten. Typisch ist bei ihnen, dass die subjektive Wahr­nehmung von Druck und die daraus resultierenden Folgen auf das Leistungsniveau nicht seit Beginn eines Wettkampfs vorliegen müssen, sondern sie können auch erst im Verlauf eines Wettkampfs auftreten, etwa wenn bei einem Golfturnier ein Spieler zunächst kontinuierlich seinen Vorsprung ausbaut, um dann in der zweiten Hälfte, also den letzten neun Löchern, Leistungseinbußen zu erleben, die den Sieg kosten können. Ein anderes Beispiel ist eine Niederlage während eines Tennismatch, die nach zunächst klarer Führung eintritt und auf einem Leistungseinbruch der späteren Verliererin basiert. So passierte es Maria Scharapowa, zu dem Zeitpunkt Nummer 1 der Weltrangliste, als sie im Turnier von Indian Wells in Kalifornien 2007 nach deutlicher 6:4 und 5:3 Führung zunächst den ­zweiten Satz mit 5:7 und dann das gesamte Match mit 1:6 im dritten Satz an ihre Gegnerin abgab. Ursache war eindeutig ein Leistungsabfall unter Druck. Maria Scharapowa verlor nicht nur das Match, sondern auch den ersten Platz in der Weltrangliste.

Welche Ursachen werden für Choking genannt? Es gibt zwei Erklärungen: Selbstaufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsablenkung. Beide Erklärungen ­beanspruchen Plausibilität und empirische Evidenz.

Die erste Erklärung postuliert, dass Choking auf einem Anstieg der Selbstaufmerksamkeit beruht. Der wahrgenommene Druck führt dazu, dass Angst vor Versagen entsteht, die wiederum eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit auslöst. Sie ­bewirkt, dass die Bewegung nicht mehr automatisiert aus­geführt wird, sondern die Athleten plötzlich bewusst darauf achten, wie die Bewegung ablaufen soll(te). Sie denken also über die Bewegung nach. Paradoxerweise führt somit die ­erhöhte Aufmerksamkeit dazu, dass Bewegungen nicht mehr automatisiert und damit optimal ablaufen. Wenn Ihr Gegner im Tennis beim Seitenwechsel so ganz nebenbei zu Ihnen sagt, dass Sie bei der Vorhand den Schläger so komisch halten, so dürfen Sie das ruhig als gezielten Versuch deuten, Ihre Selbstaufmerksamkeit zu erhöhen und dadurch Choking einzuleiten. Lassen Sie sich nicht beeindrucken, sagen Sie sich aufmunternde Anweisungen und wenden Sie Routinen an, wie sie weiter unten geschildert werden.
Beispiel: Tennisaufschlag! Bei Elena Dementieva lässt sich der klassische Fall von Selbstaufmerksamkeit beobachten. Wenn sie einen zweiten Aufschlag machen muss und damit unter Druck gerät, den Aufschlag erfolgreich ins Feld zu ­platzieren, dann erhöht sich ihre Angst zu versagen bzw. einen Doppelfehler zu produzieren. Die Koordination von Ballwurf und Aufschlag ist gestört. Dies liegt daran, dass sie zu sehr auf ihren Ballwurf, ihre Schlägerbewegung usw. achtet, dadurch die Aufschlagbewegung bewusst ausführt, statt die im ­Training gewohnte automatisierte Bewegung durchzuführen. Man könnte auch sagen, sie denkt zuviel über ihren Aufschlag nach. Dies führt nicht nur zu zahlreichen Doppelfehlern, sondern auch zu vergleichsweise zaghaften zweiten Aufschlägen, die landläufig Sicherheitsaufschläge genannt werden. Nicht selten hat sie damit auch noch Erfolg, weil ihre Gegnerinnen mit diesen weichen Aufschlägen nicht zurechtkommen und den Return häufig ins Aus oder ins Netz spielen. Allerdings kann sie aufgrund ihrer Aufschlagschwäche nicht ihre volle Leistungsfähigkeit entfalten und bleibt dadurch unter ihren ­Möglichkeiten.

Ein anderes Beispiel ist der Eiskunstläufer Stefan Lindemann, der nach einer Medaille bei den Weltmeisterschaften und bei den Europameisterschaften einen deutlichen Leistungsabfall in nachfolgenden Wettkämpfen zeigte und enttäuschend weit hinter den Erwartungen bei der Olympiade 2006 zurück blieb. Nach eigener Aussage hatte er Angst vor seinen eigenen Erwartungen. Diese Erwartungen scheinen seine Aufmerksamkeit mehr auf sich selbst und seine Bewegungen zu gelenkt zu haben, als für eine optimale Ausführung gut ist. Er dachte dadurch sehr darüber nach, wie er Sprünge ­ansetzen und wie er laufen muss.
Aufmerksamkeitsablenkung: Die Athleten werden durch den wahrgenommenen Druck so sehr abgelenkt, dass sie sich nicht mehr optimal auf die Bewegung konzentrieren können. Sie lenken ihre Aufmerksamkeit stattdessen auf irrelevante ­Hinweisreize und auf leistungsabträgliche Gedanken, wie z. B. Besorgtheit über Versagen, Erinnerungen an frühere Miss­erfolge in vergleichbaren Situationen, Besorgtheitsgedanken über falsche Bewegungen oder aber umgekehrt vorzeitige Sieggedanken und Gedanken an den nachfolgenden Wettkampf. Weitere Beispiele stellen ablenkende Zuschauer­reaktionen dar, etwa Pfeifen beim Freiwurf, beim 7-Meter oder beim 11-Meter der gegnerischen Mannschaft. Bei allen drei Situationen handelt es sich um Drucksituationen, in ­denen ein Spieler bzw. Spielerin im Mittelpunkt steht. Insbesondere bei unerfahrenen Spielerinnen und Spielern kann durch chronische Zuschauerablenkung die Aufmerksamkeit so gestört werden, dass keine optimale Koordination gelingt. Die Wirkungen auf die Aufmerksamkeit sind umso stärker, je höher die Anforderungen an die Koordination sind, etwa bei vielen Ballsportarten, beim Turnen, oder beim Eiskunstlauf.

Ein Beispiel für Versagen unter Druck stellt das Daviscup-Spiel von Michael Stich beim Stand der beiden Mannschaften von 2:2 dar. Das Einzel von Michael Stich musste die Entscheidung bringen. Zunächst führte der Deutsche nach Sätzen und es sah alles nach einem Sieg aus. Dann begannen die Zuschauer systematisch zu stören. Stich geriet zunehmend nicht nur unter Druck, sondern zeigte auch deutliche Ärgerreaktionen. Schließlich wurde deutlich, dass er den Faden verlor und seine Aufmerksamkeit nicht mehr optimal auf das Spiel richten konnte. Das Spiel endete im fünften Satz mit einem Doppelfehler von Michael Stich und dadurch mit einer Niederlage der deutschen Mannschaft.
Andere Beispiele stellen Niederlagen von Fußball-Mannschaften dar, die erst in den allerletzten Spielminuten ein­treten. Diese von allen Trainern gefürchtete Erscheinung
basiert meist nicht auf konditionellen Problemen, sondern darauf, dass die Spieler ihre Aufmerksamkeit bereits auf den zu erwartenden Abpfiff oder die Zeit danach richten. Die Halbfinal-Niederlage der deutschen Fußballmannschaft in der WM 2006 ist so ein Beispiel. Die deutschen Spieler waren bereits auf ein Elfmeterschießen eingestellt, als sie beim Stand von 0:0 kurz vor Ablauf der Verlängerung in der 119. Minute ein Gegentor kassierten. Dadurch waren sie nun zur un­bedingten Offensive gezwungen, mussten die Abwehr vernachlässigen und kassierten prompt zwei Minuten später ein weiteres Gegentor, das die Niederlage endgültig besiegelte.

Was kann man gegen Choking tun? Das hängt davon ab, ­welche Ursache für das Choking überwiegt.

Bei der Aufmerksamkeitsablenkung ist die Anwendung von Vorhandlungsroutinen sinnvoll. Dabei handelt es sich darum, dass Athleten lernen, vor Handlungs- bzw. Bewegungsausführung regelmäßig eine gedankliche oder motorische Routine durchzuführen. Beispiele: Vor dem Aufschlag, dem Freiwurf usw. den Ball auf den Boden prellen; vor dem Elfmeterschuss eine ermutigende Bemerkung machen (los, rein); vor dem Return im Tennis eine Routineschleife durchlaufen, die darin besteht, nach Beendigung des Ballwechsels zunächst zum Platzende zu gehen, kurz zu entspannen, den Blick auf den Schlägerkopf zu richten, eine ermutigende Selbstinstruktion zu geben und sich dann zurück zur Grundlinie zu begeben bzw. sich für den Aufschlag oder den Return zu positionieren und darauf zu konzentrieren.
Vorhandlungsroutinen gelten als Schlüssel für die Bekämpfung von Leistungsabfall unter Druck. Voraussetzung ist, dass sie gut gelernt und automatisiert sind. Sie führen dazu, dass Spieler den Druck weniger stark empfinden und zugleich ihre Aufmerksamkeit optimieren. Auch kann gelernt werden, mit ablenkenden Reizen umzugehen. Dazu ist es wichtig, Drucksituationen zu simulieren und sich dadurch an den Umgang mit Druck zu gewöhnen. Je nach Sportart kann man beispielsweise unter simuliertem Zuschauerlärm, Flugzeuglärm oder in großen Stadien oder Hallen trainieren, um sich an Lärm oder an die Weite der Arenen zu gewöhnen. Eine andere Taktik ist das Lernen von Gedankenkontrolle. So wird trainiert, nur positive Gedanken zuzulassen, Gedanken nur auf aufgaben­relevante Hinweisreize zu richten und irrelevante auszublenden. Konkret heißt das z.?B. nicht auf den Spielstand zu ­achten, nicht auf die Uhrzeit (wann ist Schluss) zu achten, sondern auf das Spiel selbst, die Ballbehandlung, den Pass, den Torschuss, den Gegenspieler, also auf relevante Hinweisreize.

Was kann man tun, wenn man unter Druck zu einer erhöhten Selbstaufmerksamkeit neigt und diese den Leistungsabfall verursacht? Welche Methoden sind da sinnvoll? Bei erhöhter Selbstaufmerksamkeit wird davon ausgegangen, dass wahr­genommener Druck zu einer erhöhten Misserfolgsangst führt. Diese wiederum führt dazu, dass die Aufmerksamkeit auf mögliche Fehler gerichtet wird, die unbedingt vermieden ­werden sollen. Nach dem ersten Aufschlag darf kein Doppelfehler folgen. „Bloß kein Doppelfehler“ führt dazu, dass ­Vermeidungshandlungen einsetzen, die die übliche Handlungskette beim Aufschlag unterbrechen und damit die Ausführung stören. Hinzu kommt, dass wahrgenommener Druck auch die physiologische Erregtheit erhöht, was dann subjektiv als Nervosität empfunden wird und erhöhte Selbstaufmerksamkeit verursacht. Wie kann ich nun verhindern, dass die normalerweise automatisierte Bewegung plötzlich nicht mehr klappt, weil ich mich zu bewusst auf ihre Ausführung konzentriere?
Der Schlüssel liegt in der kognitiven Kontrolle. Wenn ­Athletinnen und Athleten aufgrund des wahrgenommenen Drucks, Erfolg haben zu müssen bzw. keinen Misserfolg zulassen zu dürfen, zu aufgeregt werden, so hat das Folgen für die motorische Koordination. Wenn die Hände oder die Knie zittern, wenn die Beine schwer werden, dann beeinträchtigt dies die Leistungen ganz erheblich. Durch diese Aufgeregtheit wird sodann die Aufmerksamkeit zu stark auf die Bewegungsausführung gelenkt, weil man Sorge hat, die Aufgabe nicht bewältigen zu können. Man will jetzt nichts falsch ­machen, und macht dadurch aber oft auch nichts richtig.

Was ist zu tun? Zum einen kann auch hier das Training von Drucksituationen sinnvoll sein, etwa indem im Training Wettkampfdruck erzeugt wird oder plötzliche kritische Situationen geübt werden (z. B. Tiebreak; Anwesenheit wichtiger Beobachter). Auch sollten Athletinnen und Athleten lernen, eine Kurzentspannung im Wettkampf anwenden zu können, ­beispielsweise Atementspannung oder eine kognitive Entspannungsroutine (z. B. Selbstinstruktion „ganz ruhig“). Zum zweiten können Selbstinstruktionen helfen, die die automatisierte Bewegung unterstützen, etwa Rhythmusinstruktionen (hop-hit; hepp-hepp). Und zum dritten können Selbstinstruktionen Verwendung finden, die positive Gedanken und damit Zuversicht vermitteln. Dadurch bleibt kein Raum für leistungsabträgliche Gedanken. Die Situation bleibt unter Kontrolle.
Statt die Aufmerksamkeit auf die Bewegung zu richten, sollte zudem trainiert werden, welche Aufmerksamkeit aufgabenadäquat ist. Beim Golfspielen zeigen sich selbst bei Spitzenspielern gelegentlich Leistungseinbrüche im Wettkampf, weil sie beim Putten versagen. Hier ist eine eher enge Aufmerksamkeit gefordert, die sich aber nicht nach innen (also etwa auf die Art der Schlägerhaltung) richten darf, sondern nach außen, also auf Ball und Loch. Viele Golfspieler richten stattdessen in der Situation die Aufmerksamkeit auf Schlägerhaltung und Schlägerführung. Es kommt dann zu einem Gestaltzerfall der Putt-Bewegung, weil die Automatisierung versagt. Die Spieler versuchen, die Bewegung bewusst auszuführen. Gelingt es, die Aufmerksamkeit auf relevante, meist äußere, Reize zu richten, so fördert dies die Automatisierung. Beim Tennis bedeutet dies beispielsweise, die alte Anfängerregel zu beachten, immer auf den Ball zu schauen.

Fazit : Vor Leistungsabfall unter Druck ist niemand gefeit. Je nach Sportart und Wettkampf kann dies auch durchaus als normale Begleiterscheinung gelten. Entscheidend ist, sich während des Wettkampfs wieder zu fangen. Einige Tipps dazu, wie man lernen kann, mit Druck umzugehen, wurden weiter oben gegeben.

Prof. Dr. Dorothee Alfermann

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Dorothee Alfermann:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/6831

Bilder: Steffi Schübeler, www.studio-farbrausch.de

Ausgabe MSN 2 / 2007

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 2 / 2007.
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