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Kampf der Geschlechter

Trotz populärer Bücher, in denen so getan wird, als kämen Männer und Frauen von unterschiedlichen Planeten oder sprächen keine gemeinsame Sprache, haben beide Geschlechterin ihren psychischen Merkmalen und Leistungsvoraussetzungen, aber auch in ihrer biologischen Ausstattung große Gemeinsamkeiten.

Wenn sich Unterschiede empirisch finden lassen, so handelt es sich zumeist um quantitative und nicht qualitative Unterschiede. Beide Geschlechter sind also – bis auf den berühmten kleinen Unterschied – nicht etwa grundsätzlich, sondern nur graduell verschieden. Das gilt auch für sportliche Leistungen und ihre Voraussetzungen. Bei derselben motorischen Aufgabe erreichen Männer im Durchschnitt und in der Spitze ­höhere Leistungen, wenn Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit in besonderem Maße involviert sind. Und das sind alle objektiv messbaren Leistungen nach dem c-g-s-System, also in cm, Gramm und Sekunden. Dort bestehen durchschnittlich die höchsten Geschlechterunterschiede, also in konditionellen ­Fähigkeiten. Leichte Unterschiede zugunsten der Frauen finden sich in Aufgaben, die vorwiegend auf
Beweglichkeit/Flexibilität beruhen und keine Unterschiede in koordinativen Fähigkeiten.

Die Aussage, dass Geschlechterunterschiede vorliegen, bedeutet nicht, dass beispielsweise im 100-m-Lauf oder beim Marathon alle Männer schneller laufen als alle Frauen. Vielmehr handelt es sich um Mittelwertsunterschiede mit überlappenden Verteilungen beider Populationen, ähnlich wie zwei Gauss’sche Normalverteilungen, wo ein mehr oder weniger großer Leistungsbereich von beiden Geschlechtern, die niedrigsten Leistungen ausschließlich von dem einen Geschlecht, und die höchsten Leistungen ausschließlich von dem anderen Geschlecht erreicht werden.
Dass Männer und Frauen nicht nur verschieden, sondern auch einander ähnlich sind, ist empirische Realität. Dem entspricht das neueste Lied der „Prinzen“: „Ich seh’ da kaum noch einen Unterschied“. Die gefühlte Realität ist aber gerade in der Sportwelt häufig eine andere. Denn wenn man mit geschlechtersensiblen Augen und Ohren durch diese Welt geht, können Mann und Frau so einiges erleben.

„Jungs, ihr werdet euch doch vor den Mädchen nicht blamieren“, spornt ein Grundschullehrer seine Jungen an, damit sie schneller als die Mädchen laufen.
„Was ist dein Ziel, wenn du am Marathon teilnimmst?“, frage ich einen Bekannten im Alter von Mitte vierzig. „Besser sein als die beste Frau“, lautet seine Antwort.
Tief enttäuscht schmeißt ein Kollege seinen Tennisschläger hin, als er im Training einen Satz gegen eine Frau verloren hat. „Wie schlecht muss ich spielen, wenn ich nun schon gegen eine Frau verliere.“
Und Billy Jean King schrieb nicht nur Tennis-, sondern auch Frauengeschichte, als sie einen „Geschlechterwettkampf“ gegen einen männlichen Tennisspieler gewann, der sie siegessicher herausgefordert hatte.

Geschlechterwettkampf allenthalben?

Empirisch nachweisbar ist jedenfalls, dass in unserer Kultur männliche Personen Wettkampf und Wettbewerb mehr lieben als weibliche Personen. Im Freizeitsport, wie z. B. beim Joggen oder Skaten, lassen sich Männer nicht gerne von Frauen überholen. Es gibt Reise­anbieter, die für Männer und Frauen getrennte Biketouren anbieten. Frauen, so heißt es, wollten bei Fahrradtouren lieber die Landschaft genießen und ­etwas darüber lernen, Männer seien mehr an Leistungsbeweisen und Wettbewerb interessiert: Wie viele Kilometer wie schnell?
Evolutionsbiologen sagen dazu: Männer können gar nicht anders. Sie müssen Rangkämpfe ausfechten, um sich zu behaupten und die Familie zu beschützen. Dadurch hätten nur die Stärksten überlebt und Nachkommen gezeugt. Kommt hier also unser evolutionäres Erbe durch? So wie im Tierreich die Männchen ihr Revier abstecken und verteidigen und die Löwen ihren Platz als Pascha erkämpfen müssen? Arme Männer! Wisst ihr denn gar nicht, dass der Pascha ­genau wie ihr diesen ständigen Stress mit frühem Tod bezahlt?

Schlussfolgerung 1

Mehr männliche als weibliche Personen suchen den Leistungsvergleich mit anderen und fühlen sich dadurch motiviert. Als Begründungen werden das evolutionäre Erbe zum einen und Geschlechterrollenerwartungen zum anderen genannt.
Im Tierreich kämpfen aber nur männliche Tiere um die Vorherrschaft im Revier. Warum dann Geschlechterwettkampf? Nicht ohne Grund haben wir doch ein nach Geschlechtern getrenntes Wettkampfsystem. Denn wegen ihrer größeren Muskelmasse und Körperlänge sind Männer in vielen Sportarten gegenüber vergleichbar trainierten Frauen im Vorteil. Im subjektiven Bewusstsein entsteht daraus aber fälschlicherweise der Eindruck, dass Männer den Frauen grundsätzlich körperlich überlegen sind und deshalb gegen sie gewinnen müssen.

Daraus folgt Schlussfolgerung 2

Männer glauben, Frauen (nicht nur) körperlich überlegen zu sein. Deshalb dürfen sie gegen Frauen nicht verlieren. Das wäre besonders blamabel.
Evolutionsbiologische Annahmen sind nur eine mögliche Erklärung für das Phänomen männlicher Rangkämpfe um die Vorherrschaft. Es gibt noch eine weitere Erklärung, die aber zu denselben Schlussfolgerungen führt: Geschlechter­stereotype und Geschlechterrollen­erwartungen. Sie spielen eine wichtige Rolle in unserer Entwicklung und im sozialen Umgang der Geschlechter. Männer sollen kompetent, durchsetzungsfähig, dominant, unabhängig sein und eine Familie versorgen können. Frauen sollen hilfsbereit und sozial einfühlsam sein und sich in eine Gemeinschaft einfügen können. Gleichzeitig sind mit den Geschlechterrollen auch soziale Statuspositionen verknüpft, indem die männliche Rolle in unserer Kultur den höheren Status hat. Auch im Sport spielen Geschlechterstereotype und die Statusungleichheit der Geschlechter eine wichtige Rolle. Körperliche Schönheitsideale und anmutiges (Frauen) bzw. kampfbetontes und riskantes Bewegungsverhalten (Männer) gehören zu den geschlechtstypischen Erwartungen.
Das „schwache“ und das „starke“ Geschlecht bringt diese Erwartungen gerade für körperliche Leistungen auf den entscheidenden Punkt. Stereotype Erwartungen beeinflussen aber nicht nur das Bewegungsverhalten, sondern auch wichtige psychische Leistungsvoraussetzungen, insbesondere bei Wettkampf und Leistungsvergleich. Und genau hierin liegt der Schlüssel. Häufiger als Frauen definieren Männer eine gegebene Situation als Gelegenheit zum Wettkampf und zum Beweis ihrer Stärke. Während beispielsweise das ­Auto für die meisten Frauen ein Verkehrs- und Transportmittel darstellt und Autofahren dementsprechend nicht zum Straßenkampf mutiert, konkurrieren viele Männer durch ihr Auto um Status und Macht. Es hat also nicht nur mit evolutionärem Erbe, sondern auch mit Geschlechterrollenerwartungen zu tun, wenn Männer und Frauen sich im ­Wettbewerbsstreben und in der Wahl der Sportarten unterscheiden. Hinzu kommt, dass weibliche Leistungen im gesellschaftlichen Bewusstsein als weniger bedeutend eingeschätzt werden als männliche Leistungen. Während unsere Fußballnationalmannschaft der Frauen zweimal hintereinander Weltmeister wurde und in 2007 sogar ohne ein einziges Gegentor, hat diese Tatsache nicht dazu geführt, dass sie in Deutschland zur Mannschaft des Jahres gewählt­ ­wurde oder dass in unserer Nation ein Jubelsturm ausgebrochen wäre, der etwa mit dem von 1954, 1974 oder 1990 vergleichbar gewesen wäre.
Diese Zweitrangigkeit des weiblichen Geschlechts wirkt sich auf den Wettkampf der ­Geschlechter aus. Geschlechtstypische Erwartungen fördern nicht nur das Wettkampfstreben von Männern, sondern sie laufen auch darauf hinaus, dass Männer Frauen zu besiegen haben und nicht umgekehrt. Deshalb fühlen sich viele Männer je nach Seelenlage provoziert, deprimiert oder gar gedemütigt, wenn sie von Frauen überholt werden.

Wahre Stärke zeigt sich in der Niederlage und:

Der Klügere gibt nach!

Prof. Dr. Dorothee Alferman

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Dorothee Alfermann:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/6831

Ausgabe MSN 6 / 2008

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 6 / 2008.
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