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Sehen im Sport - Durchblick für Biker

In der Sportmedizine spielt das Sehen eine Große Rollen in der Sicherheit

Fahrrad fahren ist ein „Massenphänomen“: 62% der Bundesbürger gaben – so der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) in einer repräsentativen Umfrage – das Fahrrad ­fahren „als beliebteste aktiv betriebene Sportart“ an. Die jüngste Ausgabe seiner jährlichen Radreiseanalyse für das Jahr 2006 ergibt ferner, dass 44,7% der Deutschen über
14 Jahre im Urlaub das Fahrrad benutzen, fünf Prozent mehr als im Vorjahr. 14,9% der deutschen Urlauber nutzen das Fahrrad dabei „häufig“ bis „sehr häufig“.

Neben den Erfolgen der Deutschen Profi-Radfahrer war im Freizeitbereich v.a. auch das Mountainbiking Impulsgeber für die gesamte Fahrradszene und hat viele Menschen zum Rad fahren (zurück) gebracht [ADFC 2001].
Mountainbiken (MTB) bringt gleichermaßen Jung und Alt in die Natur. Motive für das Mountainbiken sind Spaß an der sportlichen Betätigung, allein oder in der Gruppe, der Ausdruck eines aktiven Lebensstils sowie fit bleiben und Natur erleben.

Mountainbiken ist gesund...

Ausdauertraining durch regelmäßiges Mountainbiken steigert die Leistungsfähigkeit und verbessert die Lebens­qualität. Dabei wird der gesamte Körper unter relativ geringer Belastung der ­Gelenke trainiert. Körpereigene Schutzmechanismen werden gefördert, insbesondere
zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-­Erkrankungen. In Abhängigkeit vom Gelände kommt es zu unterschiedlichsten körperlichen Beanspruchungen hinsichtlich Ausdauer, Kraft und Bewegungskoordination.

...aber auch gefährlich

Vor allem bei Stürzen kann es zu ernsthaften Verletzungen kommen. In 80% der Fälle handelt es sich um leichte Verletzungen in Form von Schürfwunden und Prellungen. Schwere Verletzungen betreffen zumeist Schulter, Handgelenk oder Finger. Häufigste Verletzungsur­sachen sind mangelnde Fahrtechnik, Ermüdung, Unaufmerksamkeit oder Wahrnehmungsfehler, fehlende Schutz­ausrüstung und überhöhte Geschwindigkeit. Die typische Gefahrensituation: Abfahrt mit zu hoher Geschwindigkeit auf rutschigem Untergrund.
Um Schäden an Wirbelsäule, Gelenken, Herz und Kreislauf vorzubeugen, sind vor allem bei Anfängern sportärztliche Gesundheits-Checks empfehlenswert [ASiS 2001].

Durchblick – Voraussetzung für sicheres Mountainbiking!

Die Fahrsicherheit beim Mountain­biking (aber auch bei anderen Freizeitsportarten wie Straßenradfahren oder Inline-Skating) ist entscheidend von der Qualität der Wahrnehmungsleistung(en) abhängig. Es gilt, mögliche Gefahren­situationen frühzeitig zu erkennen und aufgrund von Wissen und Erfahrung antizipativ, d.?h. „vorausschauend“, zu fahren. Erst das (Wieder-)Erkennen von möglichen Gefahrensituationen erlaubt die Auswahl eines geeigneten – und damit sicheren – Fahrmanövers.
Zusätzlich zur Wahrnehmung der ­eigenen Körperposition und Körperhaltung auf dem Fahrrad spielen dabei ­besonders visuelle Informationen über die unbewegte Umwelt (z.?B. Fahrspureigenschaften) sowie die bewegte Umwelt (andere Radfahrer, Spaziergänger, Hunde etc.) eine Rolle.
Der Mountainbiker muss die eigene Fahrspur vorausschauend beobachten und mögliche Hindernisse (z.?B. Baumstämme, Wurzeln) sowie Bodenunebenheiten oder Rillen erkennen und gegebenenfalls mit einem „Ausweich- oder Bremsmanöver“ reagieren, um eine ­Kollision oder einen Sturz mit folgenschweren Verletzungen zu vermeiden.
Sicheres Mountainbiking erfordert somit eine hohe Aufmerksamkeit, eine gute zentrale und periphere Sehleistung sowie ein gutes Tiefensehvermögen
(für die Entfernungseinschätzung). Dem ­peripheren Sehen kommt dabei neben der allgemeinen Orientierung im Raum die Funktion der (frühzeitigen) Bewegungswahrnehmung zu [vgl. Jendrusch 2006].
Plötzlich wechselnde Untergrund-­ver­hältnisse (Waldboden, Schotter etc.), ­unterschiedliche Lichtbedingungen (schattige Waldabschnitte bzw. sonnenüberflutete Lichtungen, Blendeffekte, einsetzende Dämmerung etc.) und ungünstige Witterungsverhältnisse (Regen etc.), auf die sich der Mountainbiker einstellen muss, erfordern optimales Sehvermögen.

Ferner kann es z.?B. bei Fahrten über Schotterwege oder beim Downhill- bzw. dem Bergabfahren auf unebenen Waldwegen aufgrund der Vibrationen zu ­Beeinträchtigungen im Bereich der Seh­leistung kommen [Mester et al. 2000]. Die Augäpfel werden quasi „durchgerüttelt“, die wahrgenommenen „Bilder verwackeln“!
Die ständig wechselnden Bodeneigenschaften (und die Anpassung daran) sowie die Labilität des Systems Sportler-Rad fordern in besonderem Maße das Gleichgewicht beim MTB. Der ­unumstrittene Einfluss der Sehleistung, v.?a. auch der peripheren Bewegungswahrnehmung, auf die Qualität der Gleichgewichtsregulation und Bewegungskoordination liefert ein ­weiteres Argument, sich mit optimaler Sehleistung auf´s Rad zu setzen. Für Fehlsichtige ist folglich beim Mountainbiken eine Sportsehhilfe unabdingbar.
Erhebungen in verschiedenen Sportarten zeigen, dass ca. 30?% aller Sporttreibenden ihren Sport fehlsichtig ausüben, d. h. ohne eigentlich erforderliche Sehhilfe oder aber mit unzureichender Korrektion [Schnell 1996, Jendrusch 2006 u.a.].
Dass auch bei Sportlern bezüglich des Zusammenhangs von sportlicher Leistungsfähigkeit, Sicherheit beim Sporttreiben und Sehleistung oft das notwendige Problembewusstsein fehlt, zeigt die Tatsache, dass von den im Alltagsleben mit Brille oder Kontaktlinsen korrigierten Sportlern ein großer Teil generell keine Sehhilfe beim Sport trägt. Dies gilt speziell für Brillenträger. Als Grund wird häufig angegeben, die Sehhilfe sei „unnötig“; andere verzichten darauf, weil sie „unbequem“ ist oder beschädigt ­werden könnte oder beim Sporttreiben beschlägt. Kontaktlinsenträger haben häufig Angst vor dem Verlust der Linsen beim Sporttreiben.

Neben der Förderung eines adäquaten Problembewusstseins, das ja z.?B. im ­Bereich der Verkehrssicherheit nahezu selbstverständlich ist, ist vor diesem Hintergrund entsprechende Aufklärungsarbeit zum Zusammenhang zwischen der Sehleistung, der Sicherheit beim Sport und der sportlichen Leistung notwendig.
Die korrigierte Sport(schutz)brille bzw. Kontaktlinsen in Kombination mit einer Sport(schutz)brille gehören beim fehlsichtigen Mountainbiker so selbstverständlich zur Ausrüstung wie Handschuhe und Helm.
Aber auch der Normalsichtige sollte beim Mountainbiken eine spezielle, seitlich geschlossene Sport(schutz)brille aufsetzen, die die Augen vor Fahrtwind, Fremdkörpern (Fliegen, Steinschlag etc.) und UV-Licht schützt.
Eines vorweg: Das gern gebrauchte Prädikat »100% UV-Schutz« entlockt dem Fachmann nur ein „Augenzwinkern“. Selbst eine Windschutzscheibe erfüllt dieses Kriterium und natürlich gilt das auch für alle im (Fach)Handel erhältlichen Sportbrillen. Wichtiger ist vielmehr der Blendschutz: Die Lichtdurchlässigkeit der Sport(schutz)brille muss den jeweiligen Lichtverhältnissen angepasst sein. Logischerweise werden bei hellem Sonnenschein dunklere, d.?h. stärker Licht absorbierende Gläser benötigt als im schattigen, dunkleren Wald. Empfehlungen, welcher
Filter für welche Lichtintensität geeignet ist (vgl. Infokasten Filterkategorien), können jedoch lediglich eine Richtlinie sein, da das subjektive Blendungsempfinden bei Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Die DIN-Norm macht da hingegen keine Unterschiede: (Sport)Brillen, die weniger als acht ­Prozent des einfallenden Lichts durchlassen, ­erhalten das Prädikat »nicht straßenverkehrstauglich«.

Einige Farbfilter – sog. Blueattenuator (vgl. medical-sports-network 01/2007) – verstärken die Kontraste und erhöhen somit die Sicherheit beim Sport. Viele dieser den Blauanteil des Lichts abschwächenden Filter haben zudem den Vorteil, so viel Licht durchzulassen, dass sie im Schatten nicht zu dunkel sind und bei Sonne noch ausreichenden Blendschutz bieten. Ein Kontrast verstärkender Farbfilter mit einem Lichttransmissionsgrad von ca. 40?% bietet dem Sportler auch bei wechselnden Lichtverhältnissen einen scharfen Blick.
Eigentlich braucht der Mountain­biker aber zwei verschiedene Farbfilter: Ob man dabei auf zwei Sportbrillen oder auf ein System mit Wechselscheiben zurückgreift, ist Geschmacksache. Wichtig ist nur, dass von den benutzten Gläsern eines bei Sonne einen guten Blendschutz bietet und das andere auch bei schlechter Sicht gute Kontraste liefert.
Zudem muss die Brille gut sitzen – auch unter dem Fahrradhelm! Sie sollte auch nach längerem Tragen nicht schmerzen und darf nicht verrutschen. Dies könnte gefährlich werden, ebenso wie die Tränenbildung bei zu starkem Fahrtwindeinfluss. Eine gute Windabweisung gehört daher zu einer guten Sport(schutz)brille. Damit die Sportbrille bei einem möglichen Sturz nicht selber zur Verletzungsursache wird, muss sie bruchsicher, an kritischen Stellen abgepolstert und mit Sicherheitsglas bzw. Polycarbonat-Scheiben ausgestattet sein. Achten Sie auf eine gute optische Qualität der Gläser (Optische Klasse 1 und 2). Ein großes peripheres Gesichtsfeld erhöht die Sicherheit, besonders auf der Straße. Der kurze Kontrollblick nach rechts und links darf nicht eingeschränkt sein.
Für fehlsichtige Sportler stellen Kontaktlinsen in der Regel die optimale Korrekturmethode dar. Mit der Zeit wird das Einlegen zur Routine. Es gibt eine ganze Reihe von guten Gründen für Kontaktlinsen. Zuallererst: Kontaktlinsen können nicht beschlagen! Kein störender Fassungsrand und keine Verzerrungen bei seitlichem Blick! Das ­Gesichtsfeld ist durch die Korrektur nicht verkleinert. Besonders bewährt haben sich beim Sport weiche Austauschkontaktlinsen. Beim MTB sind Ein-Tages-Kontaktlinsen praktisch in der Anwendung und sehr komfortabel zu tragen. Dies ist – bei gelegentlicher Verwendung – die kostengünstigste ­Lösung.

Doch auch (stärker gebogene) Sportbrillen können optisch korrigiert werden: Das Einsetzen optischer Korrektionseinsätze hinter die Scheibe (sog. Clip-In-Systeme) ist hier eine Möglichkeit. Bei den relativ kleinen Gläsern entfallen zwar die Probleme der Brillenkrümmung, allerdings sind auch der ­Bereich des scharfen Sehens sowie das periphere Sehen eingeschränkt.
Eine elegantere Lösung ist das ­Einsetzen optisch korrigierter Gläser: ­Prinzipiell kann ein Optiker in jedes Sportbrillengestell korrigierte Gläser einsetzen. Aber Vorsicht! Hier gibt’s Grenzen der Machbarkeit, die von der Geometrie der Sportbrille abhängen. Ist die Alltagsbrille in der Regel nur wenig gewölbt, so weisen Sportbrillen oft starke Krümmungen auf, die eine optische Korrektur erschweren. Nicht jede Brille ist mit jeder Brillenstärke „verglasbar“.
Alle Methoden (auch die Korrektur mit Kontaktlinsen) bedürfen einer intensiven Beratung durch den Augenarzt und/oder Augenoptiker. Ferner sollte der Mountainbiker schon aus unfallprophylaktischen Gründen seine Sehleistung regelmäßig überprüfen lassen!
Eine Universalbrille für alle Rad­disziplinen gibt es nicht, denn zum Mountainbiking sitzt der Sportler nahezu aufrecht auf dem Rad oder steht sogar in den Pedalen. Sportbrillen für das Downhill-Biken müssen folglich für den Blick nach unten auf das Gelände etwas stärker geneigt sein, Bifokalbrillen (Zweistärkenbrillen) oder Gleitsicht­gläser eignen sich zum MTB nicht (die Fernkorrektion ist beim MTB wichtiger; ggf. Lesebrille für das Kartenlesen mitführen). Ein Straßenrad- oder Radrennfahrer sieht – bedingt durch die gebeugte Körperhaltung – eher durch den oberen Bereich des Brillenglases auf die Straße. Die Brillenbügel- bzw. Scheibenneigung (Inklination) sollte ggf. für verschiedene Strecken (ebene Straße, Gefälle etc.) aber auch für die Anpassung an die individuelle Kopfform einstellbar sein. Immer eine Ersatzbrille bzw. Ersatzkontaktlinsen mit gleich­wertiger Korrektion mitführen.

„Warm up for fun“…und den richtigen Durchblick

Aufwärmen und Dehnen sind zur Vorbereitung der Muskulatur und des Herz-Kreislauf-Systems, zur Verbesserung der Beweglichkeit sowie zur Steigerung der Aufmerksamkeit und Wahrnehmungsleistung [Jendrusch u.a. 2001] notwendig. Zahlreiche Studien belegen einen Anstieg der visuellen Leistungsfähigkeit nach körperlicher, Herzkreislauf aktivierender Beanspruchung. Dieser wird als Effekt einer Verbesserung der allgemeinen Stoffwechselsituation (Anstieg der Netzhaut-Durchblutung, Anstieg der Sauerstoffversorgung im Gehirn etc.) und der erhöhten Vigilanz (gesteigerte Reaktionsbereitschaft) interpretiert. Dies gilt für die Sehschärfe genauso wie für das räumliche Sehen, das Kontrastsehen und das Bewegungs­sehen. Ein Teil des Sehleistungsgewinns nach der Aufwärmarbeit bleibt auch noch 30 Minuten nach dem Belastungsende erhalten.
Es kann nur gefolgert werden, dass adäquates Herz-Kreislauf aktivierendes Aufwärmen auch aus wahrnehmungsphysiologischer Sicht sinnvoll ist. Eine entsprechende Aufwärmarbeit kann ­danach über eine Anhebung der Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsleistung auch zur Vermeidung von Sport­unfällen und Sportverletzungen beitragen. Zu beachten ist aber, dass Dehn- oder gymnastische Übungen alleine nicht ausreichen. Für eine Verbesserung der Seh-, Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsleistung ist eine aktive Mobilisierung
des Herz-Kreislauf-Systems notwendig. Beim MTB kann das Aufwärmen z. B. durch Einfahren bei langsamer Geschwindigkeit und höherer Trittfrequenz erfolgen.

Wie bei jeder aktiven Sportart gehört es auch beim Mountainbiken dazu auf qualitativ hochwertige Ausrüstung zu achten. Diese gibt es z.B. online im Bike Shop zu bestellen.
Nur so ist gewährleistet, dass man Verletzungen aufgrund der falschen Ausrüstung vermeidet. Nebenbei gestaltet sich die Trainingseinheit auch wesentlich angenehmer, wenn man nicht auch noch mit kratziger Kleidung oder einem zu engen Helm zu kämpfen hat und hält somit den zusätzlichen Stresslevel niedrig.

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Dr. Gernot Jendrusch:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/7024

Ausgabe MSN 2 / 2007

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 2 / 2007.
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