22.05.2012 15:03 - Über uns - Impressum & Kontakt - succidia AG - Partner
Ärzte & Sportklinik > Prof. Dr. Mario Thevis > Doping mit neuen Medikamenten

Doping mit neuen Medikamenten

Doping und Dopinganalytik sind seit jeher sehr dynamische Felder aufgrund zahlreicher ­neuer pharmazeutischer Produkte, die zur Bekämpfung schwerer Krankheiten entwickelt werden und zum Teil großes Missbrauchs­potenzial für den Elite-Sport besitzen.
Neue Substanzklassen, deren Einzug früher oder später in den Sport zu erwarten ist und die sich durch aktive Diskussionen in einschlägigen Internetforen bereits ankündigen, sind unter anderem sogenannte Selektive ­Androgenrezeptor Modulatoren (SARMs) und HIF-Komplex Stabilisatoren.

Selektive Androgenrezeptor Modulatoren (SARMs)

Die Gruppe der SARMs befindet sich mit einigen Vertretern bereits im fortgeschrittenen Entwicklungsstadium (klinische Testphase 2 ist abgeschlossen) und zielt ­therapeutisch auf verschiedene Anwendungsgebiete ab, die im Wesentlichen Muskelschwund und verwandte Krankheiten sowie Osteoporose beinhalten. Aber auch Altersgebrechlichkeit und Fertilitätskontrolle bei Männern werden untersucht. Der besondere Aspekt dieser nicht-steroidalen Verbindungen ist die Eigenschaft, den Androgenrezeptor gewebeselektiv zu aktivieren bzw. zu inhibieren und so gezielt Muskel­hypertrophie zu stimulieren und Knochendichte zu steigern, wobei gleichzeitig u. a. aber das Prostatawachstum verhindert wird. Allgemein gesprochen werden die Vorteile einer Steroid­ersatztherapie ohne die damit üblicherweise korrelierenden Nebenwirkungen erreicht. Erste proof-of-concept Studien haben gezeigt, dass ein Probandenpool, der über 12 Wochen mit SARMs behandelt wurde, in diesem Zeitraum im Mittel eine Zunahme der fettfreien Körpermasse von 1,3?kg bei gleichzeitiger Kraftsteigerung erreichte, wodurch die anabolen Eigenschaften der SARMs eindeutig belegt wurden.

HIF-Komplex Stabilisatoren

Verbindungen, die zur Klasse der HIF-Komplex Stabilisatoren gehören, gelten als viel versprechende Alternative zu herkömmlichen Therapien gegen ­Anämie, die im Allgemeinen auf der Applikation von rekombinantem Erythropoietin (EPO) basieren. Während Peptidhormone wie EPO in der Regel subkutan verabreicht werden müssen, können niedermolekulare Verbindungen wie Vertreter der HIF-Komplex Stabilisatoren oral verabreicht werden. Diese sorgen dafür, dass die körpereigene EPO-Produktion stimuliert wird, indem ein Proteinkomplex, bestehend aus HIF-1?, HIF-1? und p300/CREB, nicht durch oxidative Veränderungen u.?a. über Prolylhydroxylasen zum Abbau ­markiert und mittels von-Hippel-Lindau Protein/Ubiquitin Ligase Komplex proteasomal degradiert wird. Der intakte Proteinkomplex ist Grundlage der endogenen EPO-Frei-
setzung und somit Schlüsselfaktor bei der Neubildung von Erythrozyten, welche maßgeblich am Sauerstofftransport im menschlichen Organismus beteiligt sind.

Dopingrelevanz

Anabole Wirkstoffe wie anabol-androgene Steroide oder ?2-Agonisten (z.?B. Clenbuterol) sind seit mehr als 20 Jahren
die am häufigsten detektierten verbotenen Substanzen in ­Dopingkontrollproben. Zudem haben sich Substanzen zur Steigerung der Erythropoese wie rekombinantes EPO ebenfalls als wesentlicher Aspekt des Dopings herausgestellt. ­
Daher stellen pharmazeutische Neuentwicklungen auf diesen Gebieten, insbesondere mit vereinfachter Applikationsroute und/oder erheblich geringerem Nebenwirkungsprofil, neue Möglichkeiten für einen Medikamentenmissbrauch im Sport dar. Um diesen frühzeitig zu begegnen, bedarf es präventiver Maßnahmen, die Nachweisverfahren für solche Verbindungen bedeuten. Die Entwicklung von Testmethoden sollte dabei bereits vor der Marktreife und Einführung der neuen ­Produkte erfolgen, um zum Zeitpunkt der Erwerbsmöglichkeit auf ­Dopingversuche vorbereitet zu sein. Dabei ist die Flexibilität und umfassende Substanzklassenerkennung von großem ­Interesse, da vollsynthetische Produkte wie SARMs und HIF-Komplex Stabilisatoren in sehr großer Vielfalt auftreten ­können und zudem Stoffwechselwege und demnach urinäre Metabolitenmuster zunächst unbekannt sind. Daher sollten neue Analyseverfahren, die solche Verbindungen erfassen, nicht ausschließlich Zielanalyten bestimmen, sondern vielmehr gemeinsame Kernstrukturen von Substanzklassen berücksichtigen. Im Falle verschiedener SARMs sind solche Methoden bereits etabliert worden und werden seit einiger Zeit als Präventivmaßnahmen eingesetzt?[3]. Prozeduren zur Bestimmung von HIF-Komplex Stabilisatoren befinden sich derzeit noch in Entwicklungsphasen, da chemische und strukturelle Details zu besonders geeigneten Kandidaten bislang nicht veröffentlicht wurden.

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Mario Thevis

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/7029

Ausgabe MSN 3 / 2007

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 3 / 2007.
Das komplette Heft zum kostenlosen Download finden Sie hier: zum Download

Der Autor:

Weitere Artikel online lesen