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Schnelligkeit im Sport

Rasante Richtungswechsel, unerwartete Bewegungsfolgen, aber auch spontane Abwehrhandlungen und schnelle Gegenangriffe machen neben raffinierten Handlungsstrategien den besonderen Reiz von vielen Spiel- und Zweikampfsportarten aus. Was den ­außen ­stehenden Beobachter begeistert, ist jedoch für den handelnden Akteur aufgrund der zeitlichen Enge des Handlungsgeschehens kaum mehr bewusst zu kontrollieren. Wie kommen diese Bewegungsleistungen (z. B. ein Return auf einen harten Tennisaufschlag, superschnelle Ballwechsel im Tischtennis, Hochgeschwindigkeitsballstafetten im Handball oder Basketball oder auch unüberschaubare Bewegungsabläufe im Fechten) dann zustande? Und mehr noch – wie werden sie erlernt?

Die Frage nach den Bedingungen eines schnellen Handelns kann im Sport aus zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. So ist die motorische Bewegungsschnelligkeit, die man in der Trainingswissenschaft untersucht, von den Grundlagen der schnellen Informationsverarbeitung zu unterscheiden, denen in der kognitionspsychologisch ausgerichteten Bewegungswissenschaft nachgegangen wird. Dabei spielt in letzterem Fall traditionell das schnelle Identifizieren von Umweltreizen sowie das darauf ausgerichtete Entscheiden sowie die Programmierung einer motorischen Antwort eine maßgebliche Rolle. Für diese einer Stufenlogik folgenden Sichtweise werden häufig zwei scheinbar offensichtliche – und daher nicht weiter hinterfragte –Prinzipien unterstellt: dass nämlich alle die Handlung auslösenden Bewegungsreize bewusst repräsentiert wären und die Handlung selbst als Endresultat einer zugehörigen seriellen Reizverarbeitung zu begreifen sei.
Dabei zeigen viele neuere Studien aus der Kognitionspsychologie, dass auch Verhaltensänderungen durch Reize möglich sind, denen die Betroffenen gar nicht gewahr werden. Mehr noch besagen neuere Modelle zur Handlungskontrolle (die in abgewandelter Form auch auf den Sport bezogen werden können), dass die Auswahl von Bewegungsreaktionen schon vor dem Auftreten der sie auflösenden Reize beginnt und nicht auf diese wartet. So hängt die Handlungsauslösung ganz wesentlich von der Handlungsvorbereitung ab, wobei dem auslösenden Reiz der Boden bereitet und eine sehr schnelle – weil vorgebahnte – Verarbeitung ermöglicht wird.

In einer Analogie können wir uns die Handlungsauslösung wie das Zuschnappen einer Mausefalle vorstellen, die vom Kammerjäger an einem bestimmten Ort im Keller platziert wird und die auch ohne das direkte Beisein des Kammerjägers die Maus zu fangen vermag. Umgekehrt können durch eine Mausefalle mit Blick auf den Zweck der Handlungsvorbereitung eben nur Mäuse und kein Kakerlaken gefangen werden, wobei die Falle selbst auch noch am richtigen Ort, mit dem richtigen Köder bestückt sowie überhaupt vorgespannt sein sollte.
Durch diese Form der Handlungskontrolle sind sehr schnelle, aber eben nur bedingte Bewegungsreaktionen möglich, die wahrscheinlich schon unsere Vorfahren durch rettende Sprünge auf umstehende Bäume vor den Säbelzahntigern bewahrt haben. Durch die vorbereiteten Reaktionen des Individuums sind keine bewussten Identifikationsprozesse erforderlich, die wegen der großflächigen Vernetzung von Hirnarealen im Zuge von rationalen Entscheidungen zu viel Zeit erfordern würden.

Die Schnelligkeit von vorbereiteten Bewegungsreaktionen hat jedoch ihren Preis, der zu Lasten einer Handlungsflexibilität geht, die dann gefordert wäre, wenn unerwartete Reize auftreten. Ein sehr instruktives Beispiel aus dem Sport, das die Nachteile der bedingten Handlungsschnelligkeit sehr anschaulich zum Ausdruck bringt, hat sich im Halbfinale der Offenen Französischen Tennismeisterschaften im Jahr 1989 zugetragen. In diesem Match gewann ein zum Ende des Spiels hin völlig erschöpfter Michael Chang gegen den damals weltbesten Sandplatzspieler Ivan Lendl. Der von Krämpfen heimgesuchte Chang war zum Ende des Matches kaum mehr in der Lage, den Aufschlag – wie sonst üblich – über Kopf zu servieren und musste anstatt dessen einen Aufschlag unten ausführen. Von dieser außergewöhnlichen Spielvariante war Lendl derart überrascht, dass er keinen vorbereiteten Handlungsplan abrufen und damit einen eigentlich leichten Punkt machen konnte.

Auch Willkürhandlungen, die keinem Zeitdruck unterworfen sind, lassen sich durch die Interaktion der obigen Kontrollmechanismen beschreiben. Dabei spielen innerhalb der Handlungsvorbereitung die Handlungsintentionen eine maßgeblich Rolle, die gehirnphysiologisch als Voraktivierungen von Nervenzellverbänden verstanden werden können. Je höher dabei eine Voraktivierung ausfällt, umso leichter bringt ein auftretender Reiz „das Fass zum Überlaufen“ und führt damit zur Auslösung einer motorischen Reaktion. Während wir z. B. in einem Café sitzen und eine zuvor bestellte Tasse Cappuccino vor uns sehen, führt erst die überschwellige Intensität der Handlungsintention dazu, dass der bereits vorliegende visuelle Reiz, nämlich die vor uns dampfende Cappuccino-Tasse, ein Zugreifen unserer Hand bewirkt. Handlungsauslösender Reiz und Handlungsvorbereitung können demnach durchaus zeitlich gegeneinander verschoben sein.

Halten wir fest, dass sowohl schnelle Handlungsreaktionen als auch Willkürhandlungen im vorliegenden Erklärungsmodell durch die Interaktionen zweier unterschiedlicher Kontrollmechanismen festgelegt werden. Während der erstere der Handlungsvorbereitung dient, konzeptgesteuert abläuft und damit funktional auf die gewünschten Handlungseffekte ausgerichtet ist, kann der zweite als daten- oder reizgetriebene Auslösung von motorischen Aktionen angesehen werden. Dabei verbleibt nur noch zu klären, was man unter gewünschten bzw. antizipierten Handlungseffekten eigentlich meint.

Zu dieser Frage liegen verschiedene Reaktionszeit-Experimente vor, die übereinstimmend zeigen, dass der durch die Handlung hervorgerufene Effekt und weniger die Handlung selbst die Reaktionszeit beeinflusst. Dieses Prinzip kann durch Beispiele aus dem Sport sehr gut veranschaulicht werden, wenn z. B. die Abwehrreaktion eines Torhüters eher durch das Abblocken des anfliegenden Balles (Handlungseffekt) als durch die dafür notwendige Streckbewegung der Arme (Handlung) angetrieben wird.
Das Besondere im Spiel- und Zweikampfsport besteht nun darin, dass die dortigen Akteure nicht auf Einzelreize, wie blinkende Lampen oder piepsende Töne reagieren müssen, sondern auf das gegnerische Bewegungsverhalten. Es ist daher nicht der einzelne Reiz, sondern die perzeptuelle Repräsentation eines Bewegungsablaufs, die schließlich die Bewegungsreaktion auslöst. Dabei muss der Spiel- und Zweikampfsportler unter größter Aufmerksamkeit ständig das gegnerische Bewegungsverhalten verfolgen, indem er fortwährend neue Handlungsalternativen durch deren erwartete Effekte vorbereitet und im nächsten Augenblick auch wieder verwirft. Zur Handlungsauslösung kommt es erst dann, wenn eine überschwellige Handlungsabsicht vorliegt und durch die Bewegungsbeobachtung eine nicht bewusste perzeptuelle Bewegungsrepräsentation aktiviert wird. Solche perzeptuellen Bewegungsrepräsentationen sind uns allen in anderen Zusammenhängen schon oft begegnet, wenn wir Menschen weniger am Gesicht oder an den Körperproportionen, sondern an ihren Bewegungen erkennen.

Wenn letztlich die Wahrnehmung eines anfliegenden Balles beim Torhüter eine Streckbewegung der Arme auslöst, wäre nur noch zu klären, wie diese Kopplung von Wahrnehmung und Handlung überhaupt zustande kommt. Man nimmt an, dass hierfür eine zeitnahe Aktivierung von zunächst unabhängigen Nervenzellverbänden im Gehirn zuständig ist, die einerseits für die Wahrnehmung von äußeren Effekten und andererseits für die motorische Ausführung verantwortlich zeichnen. Die zeitnahe Aktivierung dieser Nervenzellverbände führt im Zuge von zahlreichen Übungsprozessen zur Ausbildung einer Vernetzung, sodass durch die Aktivierung einer perzeptuellen Bewegungsrepräsentation in einem bereits voraktivierten Zellverband automatisch eine Reaktion herbeigeführt wird. Damit erfolgt der Aufbau des hier diskutierten Vermögens nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum in vielen Übungsabläufen, sodass praktische Erfahrung und weniger Erkenntnis oder genetische Disposition die schnellen Bewegungsreaktionen im Spiel- und Zweikampfsport hervorbringen. Tatsächlich können selbst Experten kaum etwas Zutreffendes über die Hintergründe ihrer hervorragenden Fertigkeiten in Spiel- und Zweikampfsportarten aussagen und beenden ihre Erklärungen meist damit, dass sie auf ihre Intuition verweisen.

Prof. Dr. Armin Kibele

Stichwörter:
Motorik Schnelligkeitstraining

Ausgabe MSN 3 / 2009

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 3 / 2009.
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