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Laufsport & Running - Runner's High / Sport und Depression

Endogene Opiate, Psychologische und/oder Neurologische Mechanismen. Wie entsteht eigentlich Runner‘s High?

Ein scheinbar unerschöpfliches Thema, immer wieder neu diskutiert und umstritten, ist das besonders in der Welt der Langstreckenläufer bekannte „Runner‘s High“. Viele Erklärungsversuche hat es schon gegeben, sowohl von physiologischer, als auch von psycho­logischer Seite. Außerdem existieren einige psycho­physiologische Studien, die zur Klärung dieses ­Phänomens beizutragen versuchten.

Keine der vorhandenen Studien konnte jedoch eine definitive Lösung anbieten. Die Vielfalt der Forschungsansätze ist der Grund für verschiedenste Definitionen des Begriffes „Runner‘s High“. Für einige Forscher ist das Runner‘s High eine „euphorische Empfindung“, die dem Läufer ein gesteigertes Gefühl von Wohlbefinden vermittelt. Dabei steigt die Wahrnehmung der Natur und läßt den Läufer die Grenzen seines eigenen Körpers überschreiten.
Aufbauend auf dieser Definition ­vermuten andere Sportpsychologen Runner‘s High als meditativen Prozess, der die vielfältigen Empfindungen, ­Erfahrungen und veränderten ­Bewußtseinszustände stufenschematisch einordnet. Hierbei durchläuft der Athlet 5 Stufen: Den Versenkungsvorgang, das Versenkenbewusstsein, das Versunkenheitsbewusstsein, das mystische Bewusstsein und schließlich das ekstatische Bewusstsein Die ersten Erklärungsversuche gehen zurück bis in die sechziger Jahre. Anfänglich war dieses Phänomen als „The second wind“ bekannt, der zweite Wind, mit dem ein physiologisches Phänomen beschrieben wurde, das einen Leistungsschub in der 2. ­Hälfte eines Langstreckenlaufes ­beschrieb.
Weiteren Hypothesen prägte die damalige „Psychodelische Generation“, welche Mitte der sechziger ihren ­„Höhepunkt“ hatte und das rauschhafte Erleben während des Laufens auch „Spin Out“ nannte. Damit bezeichnete sie eine temporäre Veränderung der Empfindung, Persönlichkeit und Stimmung. Man folgerte, dass es chemische Substanzen sein müssten, die der Körper selbst produziert und ausschüttet, die es einem Athleten erlauben, höhere Intensitäten über eine längere Periode ertragen zu können. Eine Substanz, die zu dieser Zeit erforscht wurde, waren die Katecholamine, wie zum Beispiel Epinephrin.

Es ist bekannt, dass Epinephrin, wenn es in den Blutkreislauf gelangt ein „Kampf-/Flucht-Syndrom“ hervorruft. Um nun den sog. zweiten Wind zu erklären, wurde hypothetisiert, dass Langstreckenläufer während des Trainings eine niedrigere Bedrohungsschwelle entwickeln, um schneller in die Gunst des Katecholaminausstoßes zu gelangen. Weitere Untersuchungen bewiesen jedoch, dass Katecholaminanstieg und körperliche Belastung nicht immer zusammen auftraten. Die Biologen Pert und Snyder, 1973 konnten als erste Forscher bei Säugetieren Opiat­rezeptoren im Gehirn lokalisieren. ­Diese Entdeckung gab der Erforschung des „Runner‘s High“ eine völlig neue Richtung. Auch beim Menschen wurden diese Opiatrezeptoren vermutet. Hugehs entdeckte 1975 das Enkephalin und Goldstein im selben Jahr das Endorphin, eine chemische Substanz mit ­Opiatcharakter, die schmerzlindernde Wirkung aufwies. Insgesamt existieren drei verschiedene Arten von endogenen Opiaten, die Enkephaline, die Endorphine und die Dynorphine. Bei ausdauernder sportlicher Belastung wurde vor allem das ß-Endorphin gemessen Man vermutete, dass diese endogenen Opiate für das Absinken der Schmerzempfindung bei Läufern während des Rennens verantwortlich waren und zu dem ­Zustand führten, den Pargman und ­Baker, 1980 erstmals „Runner‘s High“ nannten.
Um die Auswirkungen von Stress auf die ß-Endorphin Ausschüttung zu untersuchen, wurden also im Folgezeitraum Läufer auf einem Laufband ausbelastet. Die Ergebnisse zeigten einen signifikanten Anstieg von ß-Endorphin. Weitere Hypothesen gingen so weit, dass man glaubte, Endorphin mache süchtig. So konnte Morgan im Jahr 1979 Entzugserscheinungen bei ver­letzten Langstreckenläufern feststellen, die für eine gewisse Zeit nicht trainieren konnten.

Außerdem bot die Endorphin-Theorie eine neue Möglichkeit der Erklärung des „Second Wind“. So wurde das ß-Endorphin nicht nur im Gehirn, ­sondern überall im Körper, wie auch z.?B. in der Schilddrüse gefunden. Chemisch betrachtet sind Endorphine dem Opium sehr ähnlich, allerdings um ­einiges stärker. Die Ausschüttung von ß-Endorphin verursacht weiterhin die Ausschüttung von Substanzen, die dem Kortison sehr ähnlich sind. Kortison hilft dem Körper bei der Umsetzung von Zucker in Energie. Die „Endorphin -Theorie“ wurde zum anderen von ­Untersuchungsergebnissen getragen, die mit dem Endorphin-Antagonisten Naloxon durchgeführt wurden.
Die ­Hypothese lautete: Falls Endorphin schmerzlindernd wirkt, so müsse die Wirkung bei Injektion von Naloxon wieder aufgehoben werden. Eine Untersuchung an Zahnarztpatienten bestätigte diese Annahme.
Weiterhin wurde festgestellt, dass Endorphin zwar chronische Schmerzen lindert, nicht jedoch akute Schmerzen, wie sie beispielsweise bei einem Marathonlauf auftreten. Im Jahr 1981 folgten jedoch zwei weitere Studien, die einen ß-Endorphin Anstieg nach Langstreckenlaufen feststellten. Die Ergebnisse zeigten einen signifikanten Anstieg von ß-Endorphin nach einer 20-minütigen Laufbandbelastung. Hierbei hatten Männer einen größeren Anstieg von Endorphin als Frauen. Die zweite Studie konnte einen durch körperliche Belastung stimulierten Endorphinausstoß sichern.

Die erste psychophysiologische Studie brachte die „Endorphin-Theorie“ ins Wanken. Vor und nach einem Lauf wurde ein Befindlichkeitsfragebogen ausgefüllt. Des Weiteren wurden den Probanden nach dem Lauf und während der Be­fragung Naloxon injiziert. Die Post-Messungen ergaben eine signifikant Reduktionen auf den Skalen Ärger/Feindseligkeit und Depression. Eine Veränderung dieser Skalen hätte jedoch nach Naloxon-Injektion nicht auftreten dürfen
Spätere psychophysiologische Untersuchungen über die Funktion von ß-Endorphin im Langstreckenlauf ergaben ähnliche Resultate. Insgesamt verlor die Endorphin-Theorie durch die ­vielen, sich widersprechenden Ergebnisse in den letzten 20 Jahren zunehmend an Bedeutung.
Weitere Theorien zur Entstehung des Runner’s High sind eher rein psychologischer Natur. So sei erwähnt, dass ­einige Wissenschaftler neben dem physiologisch orientierten ­Ansatz noch auf zwei rein psychologisch orientierte Erklärungsmöglichkeiten hinweisen. Der eher handlungsregulatorische Ansatz erklärt das gesteigerte Wohlbefinden nach sportlicher Belastung durch die Effekte von mehrfach erfolgreich ein­gesetzten Coping-Strategien in einer ­Belastungssituation, was wiederum zu einer positiven, emotionalen Gestimmtheit ­führe. Dieser Effekt kann sich auch auf ein insgesamt positives Selbstkonzept auswirken. Eine weitere eher psychologische Theorie thematisiert einen eher kognitiv orientierten Ansatz. ­Demnach spielen kognitive Zwischenprozesse eine entscheidende Vermittlerrolle auf dem Wege der Selektion und Verarbeitung von Informationen und es könnte somit möglich sein, dass Effekte körperlichen Trainings darin bestehen, von Kognitionen abzulenken, die mit negativen Gefühlszuständen verbunden sind.

In zwei von uns kürzlich publizierten Studien konnten wir nachweisen, dass sogenannte „Flow-Effekte“ – das sind Zustände, die den Beschreibungen des Runner’s High sehr ­ähnlich sind – vor allen Dingen in bestimmten Belastungsintensitätszonen auftreten. Dabei spielt die sogenannte „OwnZone“ eine zentrale Rolle. Diese individuell zu bestimmende Belastungszone lässt sich auf der Basis der Herzfrequenz­variabilität (HRV) berechnen. Demnach befinden sich diejenigen Läufer eher im Flow, die in dieser „OwnZone“ laufen, ver­glichen mit Läufern, die bezogen auf die Belastungsintensität eher unter oder über dieser Zone laufen. Und diese Erkenntnis wiederum führt uns zu einer ganz neuen Theorie aus dem Schnittfeld von kognitiver Psychologie und Neurowissenschaft. Diese Theorie (Hypofrontalitätstheorie) geht davon aus, dass das Gehirn beim Laufen nicht etwa besser durch­blutet wird als im Ruhezustand, sondern eher entgegen dieser Annahme mit seinen Ressourcen haushalten muss. Dies bedeutet, dass während intensiver, sportlicher Bewegung die Muskulatur sehr viel mehr Sauerstoff benötigt als andere ­Organe. Hier wird auch nicht das Gehirn ausgenommen.
Da Laufen eine eher gut automatisierte Bewegung ist, bleiben eben auch nur die Gehirnareale aktiv, die für diese Bewegungsausführung nötig sind. Diese Areale befinden sich vor allen Dingen im Bereich der Basalganglien sowie der ­Amygdala. Andere Hirnareale werden einfach „heruntergefahren“. Hierzu gehört vor allen Dingen der präfrontale Kortex. Dieses Areal ist vor allen ­Dingen beim Problemlösen und Grübeln aktiv. Wenn nun dieses Gehirnareal – quasi ausgeschaltet wird, dann können wir eben keinerlei Grübel- und Problem­löseaufgaben mehr durchführen, was wiederum zu einem völlig reflexionsfreien und totalem Aufgehen in der Tätigkeit führt. So in etwa wurde auch schon in der Vergangenheit immer ­wieder das „Runner’s High“ beschrieben. Dieser sehr aktuelle Ansatz hat den Vorteil, dass er versucht, sowohl kognitive als auch ­neurologische Prozesse miteinander zu verbinden und ist in mehreren Arbeitsgruppen derzeit Gegenstand aktueller ­Forschung. Sollten sich die bislang nur sehr vereinzelt ­vorliegenden ­Studien replizieren lassen und der fehlende „Link“ von der ­Trainingssteuerung, basierend auf der HRV und den damit verbundenen ­neuronalen Konsequenzen weiter aufklären, wären wir der Antwort auf eine große Frage des Ausdauersports ein großen Stück näher gekommen.

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Prof. Dr. Oliver Stoll:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/9376

Stichwörter:
Running Sportpsychologie Depressionen und Sport

Ausgabe MSN 4 / 2007

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 4 / 2007.

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