Vernetzte Lawinenkunde
Um im Gelände innerhalb kurzer Zeit gute Entscheide zu fällen, müssen die für die aktuelle Situation wichtigen Informationen miteinander kombiniert werden. Alles Unwichtige muss weggefiltert werden.
Wenn ein Patient in eine medizinische Behandlung geht, wird er in Form der Anamnese vom Arzt über Beschwerden, Schmerzen, Allergien, medizinische Vorgeschichten etc. ausgefragt. Erst nach erfolgter Diagnose wird die nötige Therapie oder Behandlung verschrieben. In der Lawinenkunde wird ähnlich vorgegangen. Es sind für einen Entscheid folgende Phasen nötig:
1. Informationen sammeln
Dabei stützen wir uns einerseits auf Fremdinformation (z.?B. Lawinenbulletin) und andererseits auf eigene Beobachtungen und den subjektiven Eindruck.
2. Lawinenmuster erfassen
Aufgrund der gesammelten Information versuchen wir, typische Lawinenmuster zu erkennen. Wir stellen uns folgende wichtigen Fragen:
> Was und wo ist heute die Hauptgefahr?
> Auf welcher Gefahrenstufe
bewegen wir uns?
Es gibt 4 typische Muster von Situationen, in denen häufig erhöhte Lawinengefahr besteht: Neuschneesituation, Triebschneesituation (Wind), Altschneesituation (schwache Schneedecke) und Nassschneesituation. Die Lawinengefahrenstufe beschreibt die Gefährdung aufgrund der Auslösewahrscheinlichkeit und der potenziellen Lawinengröße. Eine erhebliche Lawinengefahr (Stufe 3) z.?B. kann jedoch unterschiedliche Lawinenmuster enthalten. So sind die Gefahrenstellen bei einem Triebschneeproblem im Gelände anders verteilt als bei einem Altschneeproblem.
3. Diagnose stellen
Je nach Lawinenmuster (es können auch mehrere Situationen gleichzeitig vorkommen) konzentrieren wir uns auf die wesentlichen Einflussgrößen. Bei einer typischen Neuschneesituation sind dies z.?B. Neuschneemenge, Beschaffenheit der Schneeoberfläche zu Beginn des Schneefalls, Bedingungen während des Schneefalls (Wind, Temperatur). Wir vergleichen die Diagnose mit unserem Erfahrungswissen (habe ich schon Ähnliches erlebt?), mit Unfallbeispielen oder mit den Aussagen im Lawinenbulletin. Weiter überlegen wir uns, wie und wo diese Muster im Gelände verbreitet sein könnten.
4. Strategie entwickeln
Wenn wir wissen, wo das Lawinenproblem liegen könnte, können wir mit der richtigen Strategie versuchen, dem Problem auszuweichen. Beispielweise bei einem Triebschneeproblem die gefüllten Mulden meiden oder bei einem Altschneeproblem schneearme Stellen meiden und die günstigeren Expositionen oder Geländeformen wählen. Je höher die Gefahr oder je ungünstiger das Lawinenmuster, desto flachere Hänge wählen wir allgemein. Möglichst wenig Leute einer Lawinengefahr auszusetzen, mindert das Lawinenrisiko zusätzlich (z.?B. Abstände).
Vernetzte Lawinenkunde
vernetzt lernen
Das Eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF entwickelte zusammen mit der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt SUVA eine interaktive Lawinen-Lern-CD „White Risk“ zur Lawinenunfallprävention. Das digitale Medium CD bietet ideale Möglichkeiten, die oben erwähnte Vernetzung von lawinenbildenden Faktoren darzustellen und vermittelt das komplexe Thema der Lawinenkunde auf einfache und unterhaltsame Art in Form eines explorativen Lernwegs. Das heißt, der Benutzer kann seinen Weg durch die Lawinenkunde selber wählen. Zahlreiche Animationen, Fotos, Filme, Sprechtexte und Übungen wecken Neugier auf folgende Hauptthemen: „Das Wichtigste“, „Gefahrenstufen“, „Lawinenarten“, „Unterwegs“, „Lawinenbildende Faktoren“, „Unfallbeispiele“ und „Teste dich selbst“. Das dreistufige Navigationskonzept verläuft selbsterklärend von einfachen bis hin zu komplexen Themen, sodass die CD sowohl für Anfänger als auch für Profis geeignet ist.
„White Risk“ ist als autodidaktisches Lernmittel konzipiert worden. Es eignet sich aber auch für Schulen und andere Kursformen, die das Thema Lawinen aufgreifen wollen. Auf der CD kann man zwischen der deutschen, französischen und der englischen Sprachversion wählen. Der Preis beläuft sich auf 16,– Euro zuzüglich MwSt. Bestellung unter: www.whiterisk.org
Stephan Harvey
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